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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 203
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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203

Sieben Tage waren vergangen, seit Fürst Andree auf dem Verbandplatz bei Borodino erwacht war. Fast die ganze Zeit über hatte er sich im Zustand der Bewußtlosigkeit befunden. Aber am siebenten Tag aß er mit Vergnügen ein Stück Brot mit Tee, und der Arzt bemerkte, daß die Fieberhitze sich vermindert hatte. Am Morgen war der Verwundete zur Besinnung gekommen. Die erste Nacht nach der Abfahrt von Moskau war ziemlich warm, und Fürst Andree hatte sie in der Kutsche zugebracht, aber in Mitschitschi verlangte der Verwundete selbst, daß man ihn in ein Haus lege und ihm Tee bringe. Als er in die Hütte getragen wurde stöhnte er vor Schmerz, verlor wieder das Bewußtsein und lag darauf längere Zeit mit geschlossenen Augen regungslos auf dem Feldbett. Dann öffnete er die Augen und verlangte nach Tee. Der Arzt befühlte den Puls und bemerkte zu seiner Verwunderung, daß er stärker schlug. Er bemerkte das mit Bedauern, da er durch die Erfahrung überzeugt war, daß Fürst Andree nicht am Leben bleiben könne, und entweder jetzt oder nur nach großen Leiden einige Zeit später sterben werde. Mit Fürst Andree wurde auch der Major Timochin von seinem Regiment, welcher am Fuß verwundet war, weiter transportiert. Mit ihnen fuhren der Arzt, der Kammerdiener des Fürsten, sein Kutscher und zwei Offiziersburschen. Fürst Andree fragte nach einem Neuen Testament, das ihm der Arzt zu verschaffen versprach.

Jetzt erst begriff Fürst Andree, wo er war, und was mit ihm vorgegangen war. Er befand sich nicht in normalem Geisteszustand. Ein gesunder Mensch denkt gewöhnlich gleichzeitig an zahlreiche Gegenstände, hat aber die Kraft, eine Gedankenreihe heraus zu wählen und auf diese seine Aufmerksamkeit ausschließlich zu richten. Bei Fürst Andree aber waren alle Geisteskräfte tätiger und klarer als sonst, wirkten aber unabhängig von seinem Willen. Die verschiedenartigsten Gedanken und Vorstellungen bestürmten ihn gleichzeitig. Er hörte lärmende Musik, dann erschien ihm wieder das Bild seines Sohnes, und darauf wieder nahm eine zudringliche Fliege seine Aufmerksamkeit in Anspruch. Dann wieder hatte er das Gefühl, als ob auf seinem Gesicht ein sonderbares, luftiges Gebäude aus feinen Nadeln aufgeführt werde, er fühlte, daß er das Gleichgewicht bewahren mußte, damit das Gebäude nicht einfalle, aber es fiel dennoch zusammen und wurde bei den Klängen einer fernen Musik aufs neue aufgeführt. Dann erblickte er etwas Weißes bei der Tür, das war die Statue einer Sphinx, deren Anblick ihm drohend erschien.

»Vielleicht ist das mein Hemd auf dem Tisch«, dachte er, »und das sind meine Füße, und das ist die Tür! Aber warum bewegt sich denn das alles fortwährend?« Und plötzlich überfiel ihn wieder ein Gedanke, ein Gefühl mit ungewöhnlicher Klarheit und Kraft.

»Ja, die Liebe!« dachte er. »Man kann den Nächsten und auch seine Feinde lieben, man kann aber auch Gott lieben! Einen Menschen kann man nur mit menschlicher Liebe lieben, nur seinen Feind kann man mit göttlicher Liebe lieben! Darum empfand ich eine solche Freudigkeit, als ich fühlte, daß ich jenen Menschen liebe! Was ist aus ihm geworden? Ist er noch am Leben? Die menschliche Liebe kann sich in Abscheu verwandeln, die göttliche Liebe aber kann sich nicht verändern! Nichts, auch der Tod kann sie nicht zerstören! Und wie viele Menschen habe ich in meinem Leben verabscheut, und keinen von ihnen habe ich so geliebt und so verabscheut wie sie!« Und lebhaft erschien vor ihm das Bild Natalies, und er begriff ihre Gefühle, Leiden, Beschämung und Reue. Zum erstenmal begriff er jetzt die ganze Grausamkeit ihres Bruches mit ihm. »Wenn es mir nur möglich wäre, sie noch einmal zu sehen, noch einmal in diese Augen zu blicken! . . .« Wieder versank er in einen wirren Halbschlummer, durch den er bemerkte, daß diese Sphinx das bleiche Gesicht und die glänzenden Augen jener Natalie angenommen hatte, an die er soeben gedacht hatte.

»O, wie schwer ist diese beständige Fieberhitze!« dachte Fürst Andree und bemühte sich, dieses Gesicht aus seiner Phantasie zu entfernen. Aber das Gesicht stand mit der Kraft der Wirklichkeit vor ihm und näherte sich. Er bemühte sich, zu klarem Bewußtsein zu kommen und rührte sich, aber plötzlich vernahm er ein Rauschen in seinem Ohr, die Augen schlossen sich und er verlor das Bewußtsein. Als er die Augen wieder öffnete, lag Natalie vor ihm auf den Knien, dieselbe lebendige Natalie, welcher er vor allen anderen Menschen der Welt jene neue, reine, göttliche Liebe weihen wollte, welche ihm jetzt geoffenbart worden war. Er sah, daß das die wirkliche, lebendige Natalie war, und wunderte sich nicht, sondern freute sich im stillen. Natalie blickte ihn starr an und hielt ihr Weinen zurück. Ihr Gesicht war bleich und unbeweglich.

Ein Seufzer gewährte Fürst Andree Erleichterung. Er lächelte und streckte ihr die Hand entgegen.

»Sie!« sagte er. »Welches Glück!«

Natalie näherte sich ihm mit einer raschen, aber vorsichtigen Bewegung auf den Knien, ergriff scheu seine Hand, neigte ihr Gesicht darauf herab und küßte sie.

»Vergeben Sie!« flüsterte sie. »Vergeben Sie mir!«

»Ich liebe Sie!« sagte Fürst Andree.

»Vergeben Sie!«

»Was soll ich vergeben?« fragte Fürst Andree.

»Verzeihen Sie mir, was ich getan habe«, flüsterte Natalie kaum hörbar und küßte wieder und wieder seine Hand.

»Ich liebe dich mehr als früher«, erwiderte Fürst Andree und blickte ihr in die Augen. Ihre mit Tränen des Glückes erfüllten Augen blickten ihn schüchtern, mitleidig und freudig an. Das hagere und bleiche Gesicht Natalies mit den offen stehenden Lippen war mehr als unschön – es war schrecklich, aber Fürst Andree sah dieses Gesicht nicht, er sah nur die strahlenden Augen, welche so schön waren. Hinter ihnen hörte er Stimmen.

Der Kammerdiener, welcher jetzt ganz erwacht war, weckte den Arzt. Timochin, der vor Schmerz nicht schlafen konnte, hatte schon lange alles gesehen, was vorging.

»Was ist das?« sagte der Arzt. »Bitte, gehen Sie, Fräulein!«

In demselben Augenblick klopfte es an der Tür. Ein Mädchen war von der Gräfin abgesandt worden, um ihre Tochter zu suchen.

Wie eine Nachtwandlerin, welche plötzlich aufgeweckt worden war, verließ Natalie das Zimmer und fiel in ihrer Hütte weinend auf ihr Lager nieder. Von dieser Zeit an während der ganzen ferneren Fahrt eilte Natalie auf allen Halteplätzen an das Lager Bolkonskys, und der Doktor mußte gestehen, daß er von einem Mädchen weder so viel Festigkeit noch solche Geschicklichkeit in der Behandlung eines Verwundeten erwartet hätte.

Wie schrecklich auch der Gräfin der Gedanke war, daß Fürst Andree, wie der Doktor für wahrscheinlich hielt, noch unterwegs unter den Händen ihrer Tochter sterben könne, so vermochte sie es doch nicht, Natalie darin zu stören. Obgleich während der jetzt eingetretenen Annäherung zwischen dem Verwundeten und Natalie der Gedanke nahe lag, daß im Fall der Genesung die früheren Beziehungen von Braut und Bräutigam sich erneuern konnten, sprach doch niemand davon, und am wenigsten Natalie oder Fürst Andree. Die noch ungelöste Frage nach Leben oder Tod, nicht nur für Fürst Andree, sondern für ganz Rußland, schob alle anderen beiseite.

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