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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 202
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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202

Nach dem Feuerschein dieser ersten Feuersbrunst, die am 2. September begann, blickten Flüchtlinge und Reisende sowie die einziehenden Truppen mit verschiedenartigen Gefühlen. Der Wagenzug Rostows stand in dieser Nacht bei Mitischtschi, etwa zwanzig Werst von Moskau entfernt. Sie waren am 1. September so spät ausgefahren, und auf den Straßen drängten sich so viele Fuhrwerke, so viele Leute waren nach vergessenen Sachen zurückgeschickt worden, daß in dieser Nacht beschlossen wurde, fünf Werst von Moskau zu übernachten. Am anderen Morgen erwachte man spät, und wieder gab es so viel Aufenthalt, daß sie nur bis Mitischtschi kamen. Gegen zehn Uhr war die Familie sowie die Verwundeten, welche mit ihnen reisten, alle in den Höfen und Hütten eines großen Dorfes untergebracht. Die Diener, die Kutscher Rostows, die Offiziersburschen der Verwundeten aßen zu Abend, fütterten die Pferde und setzten sich auf die Vortreppe hinaus.

In einer benachbarten Hütte lag ein verwundeter Adjutant von Rajewsky und stöhnte kläglich unter heftigen Schmerzen. Die erste Nacht verbrachte der Adjutant in demselben Hof wie Rostows. Die Gräfin sagte, sie könne kein Auge schließen, und in Mitischtschi nahmen sie eine sehr schlechte Hütte ein, nur um diesem Verwundeten fernzubleiben. Einer der Leute bemerkte in der Dunkelheit der Nacht einen anderen kleinen Feuerschein. Der eine Feuerschein war schon lange sichtbar gewesen, und alle wußten, daß Klein-Mitischtschi brannte, das die Mamonowschen Kosaken angezündet hatten.

»Sieh her, da ist noch ein Feuerschein«, sagte der eine Offiziersbursche.

»O, daran ist ›er‹ schuld, denn das ist nicht Mitischtschi, das ist weiter.«

Lange blickten die Leute schweigend nach den Flammen der neuen Feuersbrunst. Der alte Kammerdiener des Grafen, Terentitsch, trat zu der Gruppe und schrie Mischka an: »Warum hast du nichts gesehen, Maulaffe? Der Graf fragt, und niemand weiß etwas!«

»Ich bin nur nach Wasser gegangen«, erwiderte Mischka.

»Was denken Sie, Terentitsch, ist das Feuer in Moskau?« fragte einer der Diener.

Terentitsch gab keine Antwort, und alles schwieg. Der Feuerschein breitete sich schwankend weiter aus.

»Gott erbarme sich! . . . Der Wind! . . . Alles ist trocken«, sagte wieder eine Stimme.

»Man wird es auslöschen, habe keine Sorge.«

»Wer soll es auslöschen?« fragte Terentitsch, der bisher geschwiegen hatte. Seine Stimme war ruhig und langsam, dann plötzlich schluchzte er, und alle schienen nur darauf gewartet zu haben, um die Bedeutung des Feuerscheins zu begreifen. Man hörte Seufzer, Gebetsworte und das Schluchzen des alten Kammerdieners.

Der Kammerdiener entfernte sich, um dem Grafen zu melden, daß Moskau brenne. Der Graf legte den Schlafrock an und kam heraus, um nach der Feuersbrunst zu sehen, und mit ihm kamen auch Sonja und Madame Chausse, die sich noch nicht entkleidet hatten. Natalie und die Gräfin blieben allein im Zimmer. Petja war nicht mehr bei der Familie, sondern mit seinem Regiment nach Troizy abmarschiert. Die Gräfin brach in Tränen aus bei der Nachricht, daß Moskau brenne; Natalie saß bleich und mit starren Augen vor dem Heiligenbild und achtete nicht auf die Worte ihres Vaters, sondern horchte nur auf das unaufhörliche Stöhnen des Adjutanten, das drei Häuser weit gehört wurde.

»Ach, wie entsetzlich!« rief Sonja. »Ich glaube, ganz Moskau brennt! Sieh doch, Natalie, diese Glut!«

»Was brennt?« fragte Natalie. »Ach ja, Moskau!«

An dem teilnahmslosen Wesen Natalies bemerkten die Gräfin und Sonja, daß der Brand Moskaus für Natalie gar kein Interesse hatte. Seit Natalie erfahren hatte, daß Fürst Andree schwer verwundet sei und mit ihnen reise, hatte sie nur im ersten Augenblick gefragt, ob er gefährlich verwundet sei und ob man ihn sehen könne. Als sie aber dann hörte, daß man ihn nicht sehen könne, daß sein Leben in Gefahr sei, glaubte sie augenscheinlich nicht daran, fragte aber nicht weiter, da sie voraussah, sie werde keine andere Antwort erhalten. Den ganzen Weg über hatte sie unbeweglich in einer Ecke des Wagens gesessen, und so saß sie auch jetzt auf der Bank, von ihrer Mutter mit Besorgnis beobachtet.

»Natalie, kleide dich aus und lege dich in mein Bett!«

Nur die Gräfin hatte ein Bett, Madame Chausse und die beiden jungen Mädchen mußten auf dem Fußboden schlafen.

»Nein, Mama, ich bleibe hier«, erwiderte sie kurz, ging zum Fenster und öffnete es. Sie blickte in die feuchte Nachtluft hinaus, und die Gräfin sah, daß sie heftig weinte.

»Lege dich schlafen, mein Juwel. Nun – komm!« Dabei berührte sie leicht die Schulter Natalies.

»Ach ja, ich komme gleich«, sagte Natalie und begann sich hastig zu entkleiden. Als ihr Nachtkostüm fertig war, legte sie sich leise auf das Lager nieder, das auf dem Fußboden bereitet war. Auch die Gräfin, Madame Chausse und Sonja legten sich schlafen. Bald vernahm Natalie das gleichmäßige Atmen ihrer Mutter und rührte sich nicht, obgleich Sonja sie anrief. Endlich krähte in der Ferne der Hahn, der Lärm in der Schenke und die geheimnisvollen Laute der Nacht waren schon verstummt. Man hörte nur das Stöhnen des Adjutanten. Natalie erhob sich.

»Sonja, schläfst du? Mama!« flüsterte sie, aber niemand antwortete. Sie erhob sich langsam und vorsichtig, bekreuzigte sich und schlich nach der Tür. Sie glaubte schwere, gleichmäßige Schläge an allen Wänden der Hütte zu vernehmen, aber das war nur ihr Herz, das, von Schrecken und Liebe aufgeregt, so heftig schlug. Sie öffnete die Tür, die kühle Nachtluft umfing sie, barfuß stieg sie über einen schlafenden Diener weg und öffnete die Tür zu der Hütte, in der Fürst Andree lag.

In der Hütte war es dunkel. In der hintersten Ecke beim Bett, auf welchem eine Gestalt lag, stand auf einer Bank eine trüb brennende Kerze.

Natalie hatte schon am Morgen, als sie die Anwesenheit des Fürsten Andree erfuhr, sich vorgenommen, ihn jedenfalls zu sehen. Sie wußte nicht warum, sie wußte nur, daß dieses Wiedersehen peinlich sein werde, und um so mehr war sie überzeugt, daß es unumgänglich nötig sei. Den ganzen Tag hatte sie nur in der Hoffnung gelebt, ihn am Abend zu sehen, jetzt aber, wo der Augenblick gekommen war, dachte sie mit Bangen an das, was sie sehen werde, und blieb angstvoll stehen. Aber eine unwiderstehliche Gewalt trieb sie weiter. Vorsichtig machte sie einen Schritt und dann noch einen. Unter dem Heiligenbild lag auf einer Bank noch ein Mensch, das war Timochin, und auf dem Fußboden noch zwei Leute, der Arzt und der Kammerdiener.

Der Kammerdiener erhob sich und flüsterte etwas. Timochin, welchen der Schmerz an seinem verwundeten Bein nicht schlafen ließ, blickte erstaunt nach der Erscheinung eines Mädchens im weißen Hemd, Jacke und Nachthäubchen. Die Frage des verschlafenen Kammerdieners: »Was wollen Sie?« veranlaßte Natalie nur, rasch an ihm vorüberzugehen, und bald erblickte sie deutlich die Gestalt des Fürsten Andree, dessen Hände auf der Decke lagen.

Er sah aus wie immer, aber die glänzenden Augen, welche entzückt nach ihr blickten, und besonders der zarte, weibliche Hals, der aus dem zurückgeschlagenen Hemdkragen hervorsah, gaben ihm ein kindliches Aussehen, das sie noch nie an ihm gesehen hatte. Sie ging zu ihm und ließ sich hastig auf die Knie nieder. Dann lächelte sie und streckte ihm eine Hand entgegen.

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