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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 201
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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201

Der Franzose war so höflich und liebenswürdig und wirklich dankbar für die Rettung seines Lebens, daß Peter seine Absicht, sich zu entfernen, auf das dringende Verlangen des Franzosen aufgab. Er wollte nichts davon wissen, daß Peter kein Franzose sei, und konnte nicht begreifen, wie man ein so schmeichelhaftes Prädikat ablehnen konnte. Achselzuckend meinte er, wenn Peter durchaus für einen Russen gelten wolle, so möge es so sein, aber er sei ihm für seine Lebensrettung dennoch sehr dankbar. Wenn dieser Mensch auch nur im geringsten Grad die Fähigkeit besessen hätte, die Gefühle anderer zu begreifen, die Empfindungen Peters zu erraten, so hätte dieser ihn wahrscheinlich verlassen, aber die Naivität und Verständnislosigkeit dieses Menschen in allem, was nicht er selbst war, besiegte Peter.

»Franzose oder russischer Fürst inkognito«, sagte der Kapitän, indem er die schmutzige, aber feine Wäsche Peters und den Ring an seiner Hand bemerkte, »ich bin Ihnen Dank schuldig und biete Ihnen meine Freundschaft an. Mehr sage ich nicht! Ein Franzose vergißt niemals, weder eine Beleidigung noch einen Dienst!« In dem Ton und in der Miene des Franzosen lag so viel Gutmütigkeit, daß Peter lachend die ihm entgegengestreckte Hand drückte.

»Kapitän Ramballes vom dreizehnten leichten Regiment, Ritter der Ehrenlegion«, stellte er sich mit selbstzufriedenem Lächeln vor. »Haben Sie die Güte, mir jetzt zu sagen, mit wem ich die Ehre habe, mich so angenehm zu unterhalten.«

Peter erwiderte verlegen, er könne seinen Namen nicht nennen.

»Gut, gut«, erwiderte der Kapitän, »ich verstehe, Sie sind Offizier, vielleicht Stabsoffizier, Sie haben gegen uns gekämpft! Das geht mich nichts an. Ich bin Ihnen Dank schuldig, das genügt mir. Nennen Sie mir nur einen Namen. Monsieur Pierre, sagen Sie? Gut, das genügt!«

Sie speisten und tranken Wein aus einem russischen Keller, den der Franzose mitgebracht hatte. Peter war hungrig und nahm mit Vergnügen Anteil an dem Mittagsmahl. Der Bursche stellte eine Flasche Rotwein in warmes Wasser und brachte auch eine Flasche Quas mit, die er in der Küche gefunden hatte. Dieses Getränk war den Franzosen schon bekannt, sie nannten es »Limonade de cochon« (Schweinelimonade). Der Kapitän überließ sie dem Burschen und goß für sich und Peter zwei Gläser Wein ein. Bald wurde der Kapitän lebhaft und sprach unaufhörlich. »Ja, mein liebenswürdiger Monsieur Pierre, ich werde Ihnen eine Kerze in der Kirche weihen, weil Sie mich vor diesem Tobsüchtigen gerettet haben. Sehen Sie, ich habe ja schon genug Kugeln im Leibe. Diese da erhielt ich bei Wagram, die andere bei Smolensk.« Er deutete auf eine Narbe an der Wange. »Und diese da, hier im Bein, erhielt ich in der großen Schlacht am siebenten an der Moskwa. Oh, das war wunderbar! Sie können sich rühmen, uns schwer zu schaffen gemacht zu haben, ich bedauere die, die nicht dabei waren.«

»Ich war dabei«, bemerkte Peter.

»O, wirklich?« fuhr der Franzose fort. »Um so besser! Die große Redoute hat sich gut gehalten, beim Teufel! Ich war dreimal darin, wie Sie mich hier sehen, und dreimal wurden wir hinausgeworfen wie Papiersoldaten. Ihre Grenadiere waren wundervoll, wie auf der Parade! Hahaha! Sie sind also auch ein Soldat! Umso besser, um so besser, Monsieur Pierre! Schrecklich in der Schlacht, liebenswürdig gegen schöne Damen, so sind die Franzosen, Monsieur Pierre! Nicht wahr? Aber sagen Sie, ist es wahr, daß alle Frauen aus Moskau davongelaufen sind? Sonderbare Idee! Was befürchten sie denn?«

»Wären die französischen Damen etwa nicht aus Paris fortgefahren, wenn die Russen dort einmarschiert wären?« fragte Peter.

»Hahaha!« lachte der Franzose und klopfte Peter auf die Schulter. »Wunderbarer Witz! Paris! . . . Nun, Paris . . . Paris . . .«

»Paris ist die Hauptstadt der Welt«, ergänzte Peter. Der Kapitän sah Peter an, er hatte die Gewohnheit, mitten im Gespräch zu verstummen und den anderen mit lachenden, freundlichen Augen starr anzublicken.

Unter dem Einfluß des Weines und nach den letzten, einsam mit seinen düsteren Gedanken verlebten Tagen empfand Peter unwillkürlich Vergnügen an dem Gespräch mit diesem heiteren Menschen.

»Aber kehren wir zu Ihren Damen zurück, man sagt, sie seien sehr hübsch. Was für ein unsinniger Gedanke, davonzufahren und sich in die Steppen zu vergraben, während die französische Armee in Moskau ist! Sie haben eine wundervolle Gelegenheit versäumt. Ihre gebildeten Leute sollten uns besser kennen. Wir haben Wien, Berlin, Madrid, Neapel, Rom, Warschau, alle Residenzen der Welt eingenommen. Man fürchtet uns, aber man liebt uns auch. Es schadet nichts, wenn man uns näher kennenlernt. Und dann der Kaiser! . . .«

»Der Kaiser«, unterbrach ihn Peter, und sein Gesicht nahm plötzlich einen düsteren, verwirrten Ausdruck an. »Ist der Kaiser in Moskau?« Er blickte den Franzosen mit schuldbewußter Miene an.

»Nein, er hält morgen seinen Einzug!« erwiderte Ramballes, und dann rühmte er den Kaiser in lebhaften, begeisterten Worten.

Der Kapitän ging hinaus, um seinen Leuten einige Befehle zu geben. Als Peter allein geblieben war, versank er in schwermütige Gedanken. Es war nicht die Trauer über die Einnahme Moskaus, die ihn quälte, sondern die Erkenntnis seiner eigenen Schwachheit. Einige Gläser Wein, das Gespräch mit diesem gutmütigen Menschen hatten seine düstere, gespannte Stimmung der letzten Tage vernichtet, die zur Ausführung seines Vorhabens unumgänglich notwendig war. Die Pistole, der Dolch und sein Bauernkittel waren bereit, Napoleon sollte morgen einziehen, und Peter war noch ebenso überzeugt von der Notwendigkeit, den Bösewicht zu töten, aber er fühlte, daß er das jetzt nicht vollbringen könne, und kämpfte vergebens gegen das Bewußtsein seiner Schwäche.

Der Kapitän ging pfeifend im Zimmer auf und ab. Alles an ihm, sein Pfeifen, sein hinkender Gang, seine Gebärden und die Art, wie er den Schnurrbart in die Höhe drehte, alles erschien jetzt Peter widerlich.

»Warum sind Sie so traurig?« fragte der Kapitän.

Peter gab keine Antwort. Die Teilnahme des Kapitäns war ihm unangenehm.

»Parole d'honneur! Auch abgesehen davon, was ich Ihnen verdanke, fühle ich lebhafte Freundschaft für Sie! Kann ich nicht etwas für Sie tun? Verfügen Sie ganz über mich, auf Leben und Tod!«

»Ich danke«, sagte Peter.

Dann erzählte der Franzose Peter die Geschichte seiner Vorfahren und seiner Kindheit, wobei »ma pauvre mère« natürlich eine große Rolle spielte.

»Und das alles ist nur der Eintritt ins Leben, das wirkliche Leben ist nur die Liebe, nicht wahr, Monsieur Pierre? Noch ein Gläschen!«

Peter trank und goß sich ein drittes Glas ein.

»O, die Frauen! Die Frauen!« Der Kapitän blickte mit feuchten Augen Peter an und erzählte von seinen zahlreichen Liebesabenteuern. Sie waren sehr zahlreich, was man leicht glauben konnte, wenn man das selbstzufriedene, hübsche Gesicht des Offiziers ansah, und den Enthusiasmus, mit dem er von den Damen sprach. Obgleich alle Liebesgeschichten des Kapitäns denselben Charakter der Schmutzigkeit hatten, in welcher die Franzosen ausschließlich das Entzücken und die Poesie der Liebe erblicken, hörte Peter ihm doch neugierig zu, weil der Kapitän seine Geschichte mit einer so festen, aufrichtigen Überzeugung erzählte, daß er allein das ganze Entzücken der Liebe empfunden und erkannt habe und so verführerisch die Damen beschrieb. Es war augenscheinlich, daß l'amour, welche der Franzose so liebte, nicht jene niedrige, einfache Art von Liebe war, welche Peter einst für seine Frau empfunden hatte, noch jene romantische Liebe, welche er für Natalie hegte. Kapitän Ramballes verachtete die eine Art von Liebe ebenso wie die andere, die eine war die Liebe der Kutscher, »l'amour des cochers«, die andere die Liebe der Dummköpfe, »l'amour des imbéciles«. Die Liebe, welcher der Franzose zuneigte, bestand hauptsächlich in der Unnatürlichkeit der Beziehungen zu den Damen und in den Kombinationen von Abscheulichkeiten, welche dem Gefühl hauptsächlich seine Wonne verleihen.

So erzählte der Kapitän die rührende Geschichte seiner Liebe zu einer bezaubernden, fünfunddreißigjährigen Marquise und zugleich zu einem entzückenden, unschuldigen, siebzehnjährigen Kind, der Tochter der bezaubernden Marquise. Der Kampf des Edelmuts zwischen Mutter und Tochter endigte damit, daß die Mutter sich opferte und ihre Tochter ihrem Liebhaber zur Frau anbot. Noch jetzt geriet der Kapitän in Aufregung bei dieser Erinnerung. Dann erzählte er eine Episode, in welcher ein Ehemann die Rolle des Liebhabers spielte, und er, der Liebhaber, die Rolle des Mannes, und einige komische Episoden aus Deutschland, »wo die Männer Sauerkohl essen«.

Die letzte Episode aus Polen, welche noch frisch in seinem Gedächtnis war, erzählte er mit vielen Gesten und erglühendem Gesicht. Er hatte einem Polen das Leben gerettet. – In den Erzählungen des Kapitäns handelte es sich beständig um eine Episode der Lebensrettung. Zum Dank vertraute dieser Pole ihm seine bezaubernde Frau an und trat sogleich selbst in den französischen Kriegsdienst. Der Kapitän war glücklich; die bezaubernde Polin wollte mit ihm fliehen, aber von Edelmut geleitet, gab der Kapitän dem Mann seine Frau zurück mit den Worten: »Ich habe Ihr Leben gerettet und rette jetzt Ihre Ehre!« Dabei riß der Kapitän die Augen auf und schüttelte sich, als ob er die Schwachheit, die ihn bei diesen rührenden Erinnerungen befiel, abschütteln wollte.

Erst spät in der Nacht traten sie beide auf die Straße hinaus. Zur Linken leuchtete die Glut der ersten Feuersbrunst, welche auf der Petrowkastraße anfing, zur Rechten stand die Mondsichel und dem Monde gegenüber der Komet. An der Pforte standen Gerasim, die Köchin und zwei Franzosen. Man hörte ihr Lachen und Schwatzen in ihren einander unverständlichen Sprachen. Sie blickten nach dem Feuerschein über der Stadt.

In der kleinen, fernen Feuersbrunst lag nichts Bedrohliches für die ungeheuere Stadt. Der Anblick des Sternenhimmels versetzte Peter in freudige Rührung. Plötzlich aber erinnerte er sich seines Vorhabens, sein Kopf schwindelte und ihm wurde so übel, daß er sich an den Zaun lehnen mußte, um nicht zu fallen.

Ohne von seinem neuen Freund Abschied zu nehmen, trat Peter mit unsicheren Schritten von der Pforte zurück, kehrte in sein Zimmer zurück, legte sich auf den Diwan und schlief sogleich ein.

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