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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 195
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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195

Das Innere der Stadt war ganz still und öde. Auf den Straßen war fast niemand zu sehen, die Pforten der Häuser und die Läden waren alle geschlossen. Zuweilen hörte man von ferne einsames Schreien oder Singen eines Betrunkenen aus einer Schenke.

In der Powarstraße, wo das Rostowsche Haus lag, war es ganz still und leer. In dem großen, mit allen seinen Reichtümern gefüllten Hause befanden sich zwei Menschen in dem großen Saal. Das war der Pförtner Ignat und der Diener Mischka, der Enkel von Wassilitsch, welcher bei seinem Großvater in Moskau zurückgeblieben war. Mischka öffnete das Klavier und spielte darauf mit einem Finger. Der Pförtner stand lachend vor einem großen Spiegel.

»Eh! Fein! Nicht wahr, Onkelchen Ignat?« sagte der Knabe und schlug plötzlich mit beiden Händen auf die Tasten.

»Gewissenlos! Wirklich gewissenlos!« sagte hinter ihm die Stimme Mawras, welche eintrat. »Dieser da mit der dicken Fratze, der die Zähne fletscht!«

Ignat zog den Gürtel zurecht, hörte auf zu lachen, schlug demütig die Augen nieder und verließ das Zimmer.

»Tantchen!« sagte der Knabe.

»Warte, ich werde dir geben, du Strolch!« schrie Mawra, ihm mit der Hand drohend. »Geh und stelle den Samowar auf!« Mawra wischte den Staub ab, schloß das Klavier und ging mit einem schweren Seufzer aus dem Saal hinaus, dessen Tür sie verschloß. Als sie auf den Hof trat, überlegte sie, wohin sie zuerst gehen sollte, Tee trinken mit Wassilitsch, oder in die Vorratskammer, um aufzuräumen.

In der stillen Straße hörte man schnelle Schritte, welche bei der Pforte anhielten, jemand klopfte an.

Mawra ging an die Pforte. »Wer ist da?« fragte sie.

»Ist der Graf Rostow da?«

»Wer seid Ihr denn?«

»Ich bin ein Offizier, ich muß ihn sprechen!« sagte eine angenehme, russische Stimme.

Mawra öffnete das Pförtchen. Ein etwa achtzehnjähriger Offizier mit einem runden Gesicht von Rostows Familientypus trat in den Hof.

»Alles fort, Väterchen! Gestern abend geruhten sie abzufahren!«

Der junge Offizier blieb unschlüssig am Pförtchen stehen.

»Ach, wie schade!« sagte er. »Gestern hätte ich sollen . . . ach, wie schade!«

Mawra hatte inzwischen gespannt die ihr bekannten Züge der Rostowschen Rasse betrachtet, sowie den zerrissenen Mantel und die abgenutzten Stiefel, die der Offizier trug.

»Was wollten Sie vom Grafen?« fragte sie.

»Nun ja . . . was ist zu machen? . . .« sagte der Offizier und wandte sich zum Gehen. Dann blieb er wieder unschlüssig stehen.

»Sehen Sie«, sagte er, »ich bin ein Neffe des Grafen, und er war immer sehr gut gegen mich. Nun, sehen Sie«, fuhr er mit einem gutmütigen Lächeln fort, »meine Kleider sind abgerissen, und ich habe kein Geld, deswegen wollte ich den Grafen bitten . . .« Mawra ließ ihn nicht ausreden.

»Warten Sie doch ein Minütchen, Väterchen«, sagte sie, und sowie der Offizier die Hand von der Pforte nahm, wandte sich Mawra um und ging mit raschen Schritten durch die Hintertür nach ihrer Wohnung.

»Wie schade, daß ich Onkelchen nicht getroffen habe!« sagte der Offizier mit einem Blick auf seine zerrissenen Stiefel. »Aber eine prächtige Alte! Wo ist sie nur hingelaufen? Sie schien mich beinahe zu erkennen! Und wie soll ich nun erfahren, auf welchem Wege ich am schnellsten das Regiment einholen kann, welches sich jetzt schon Rogoschsk nähert?«

Mawra erschien wieder an der Ecke und hielt in der Hand ein eingewickeltes, kariertes Tuch. Als sie näherkam, öffnete sie das Tuch, nahm einen neuen Schein von fünfundzwanzig Rubeln heraus und reichte ihn hastig dem Offizier.

»Wäre Seine Erlaucht zu Hause gewesen, so hätte er . . . würde er . . .« Mawra wurde verlegen und verwirrt.

Aber der Offizier wies das Geld nicht zurück, nahm gemütlich das Papier und dankte Mawra.

»Wenn nur der Graf zu Hause wäre . . .« sagte Mawra entschuldigend. »Christus sei mit Ihnen, Väterchen! Gott schütze Sie!« fügte sie mit einem tiefen Seufzer hinzu. Der Offizier lachte, nickte mit dem Kopf und lief fast im Trab auf die leere Straße hinaus, um sein Regiment an der Jausschen Pforte einzuholen. Mawra stand noch lange Zeit mit feuchten Augen an dem verschlossenen Pförtchen, wiegte nachdenklich den Kopf und empfand einen plötzlichen Ausbruch mütterlicher Zärtlichkeit für den ihr unbekannten Offizier.

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