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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 194
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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194

Währenddessen war Moskau verödet. Es war vielleicht noch der fünfzigste Teil der früheren Einwohnerschaft anwesend, aber es war verödet, um dieselbe Zeit, als Napoleon ermüdet und unruhig mit finsterer Miene vor Moskau auf und ab ging und die nach seiner Meinung für den äußeren Anstand erforderliche Deputation erwartete. Als Napoleon mit der nötigen Vorsicht mitgeteilt wurde, daß Moskau menschenleer sei, blickte er zornig den meldenden Adjutanten an und ging schweigend wieder auf und ab.

»Eine Equipage!« rief er, und er setzte sich mit einem Adjutanten in den Wagen und fuhr nach der Vorstadt.

»Moskau verödet! Welch unglaubliches Ereignis!« sagte er zu sich selbst und fuhr nicht in die Stadt ein, sondern blieb in einem Gasthof in der Dorogomilowskschen Vorstadt.

Seit zwei Uhr in der Nacht waren die russischen Truppen durch Moskau gezogen und um zwei Uhr mittags zogen sie auch die letzten Flüchtlinge und Verwundeten nach sich. Das größte Gedränge während des Abzuges hatte an der Steinernen Brücke, an der Moskwarezkibrücke und an der Jausschen Brücke stattgefunden. Während desselben hatte eine große Anzahl Soldaten den Aufenthalt und das Gedränge benutzt, um von den Brücken nach der Stadt zurückzukehren und zu plündern. Schweigend zogen sie an der Kathedrale von Wassili Blaschennoi vorüber nach dem Roten Platz, wo sie die meiste Beute zu finden hofften. Eine andere Menschenmenge war in alle Gänge des Großen Kaufhofs eingedrungen, aber sie fanden nicht die höflich zum Kaufen einladenden Verkäufer, noch die bunte weibliche Menge von Käufern, sondern nur Soldaten ohne Gewehre, welche mit leeren Händen in die Gänge eilten und mit Beute beladen herauskamen. Die wenigen übriggebliebenen Krämer verschlossen ihre Buden und trugen mit ihren jungen Burschen ihre Waren fort. Draußen auf dem Platz schlugen die Trommelschläger zum Sammeln, aber die Soldaten kümmerten sich nicht darum. Unter die Soldaten mischten sich auch andere Gestalten, graue Sträflinge mit rasierten Köpfen. Zwei Offiziere standen an der Iljinkastraße und sprachen miteinander, während ein dritter Offizier auf sie zugaloppierte.

»Der General hat befohlen, auf jeden Fall alle sogleich hinauszujagen! Das ist ja unerhört, die Hälfte der Leute ist davongelaufen! Wohin gehst du? Wohin geht ihr?« schrie er einigen Soldaten zu, welche ohne Gewehre an ihm vorüberschlichen. »Wartet, Canaillen!«

»Ja, versuchen Sie einmal, sie zu fangen, da müssen Sie schneller laufen«, rief der ältere Offizier.

Der Offizier mit der Schärpe stieg vom Pferd, rief den Trommler zu sich und ging mit ihm zusammen in die Gänge des Großen Kaufhofs hinein. Einige Soldaten kamen herausgelaufen, ein wohlgenährter Kaufmann kam dem Offizier entgegen.

»Euer Wohlgeboren«, sagte er, »ich bitte um Schutz! Wir sind nicht knickerig! Wenn es gefällig ist, es macht mir Vergnügen, Ihnen zwei Stück Tuch herauszubringen! Aber das ist ja der reine Mord! Wenn Sie eine Wache aufstellen möchten, damit wir wenigstens schließen können!«

Noch einige Kaufleute drängten sich um den Offizier.

»Ach, was liegt daran«, sagte einer derselben. »Wenn der Kopf abgenommen ist, braucht man um die Haare nicht zu weinen, mag jeder nehmen, was er will.«

»Du hast gut reden«, erwiderte der erste Kaufmann zornig.

»Ich?« rief der Hagere. »Ich habe dort in drei Läden Ware für hunderttausend Rubel! Kann man diese hüten, wenn die Truppen abgezogen sind?«

»Ich bitte, Euer Wohlgeboren«, begann der erste Kaufmann, sich verneigend. Der Offizier stand ratlos da.

»Was geht mich das alles an?« rief er plötzlich und ging mit raschen Schritten durch die Gänge. In einem aufgebrochenen Laden hörte man Schlagen und Schimpfworte, und als der Offizier nähertrat, flog ein hinausgestoßener Mensch heraus, in einem grauen Kittel und mit rasiertem Kopf. Dieser Mensch duckte sich zusammen und sprang an den Kaufleuten und dem Offizier vorüber. In diesem Augenblick hörte man entsetzliches Geschrei aus einer ungeheuren Menge an der Moskwabrücke, und der Offizier eilte auf den Platz hinaus.

»Was ist das?« fragte er, aber sein Kamerad galoppierte schon in der Richtung, woher das Geschrei kam. Der Offizier stieg auch zu Pferde und ritt dem ersten nach. Als er die Brücke erreichte, sah er zwei Kanonen, welche vor derselben aufgefahren waren, während Infanterie die Brücke überschritt. Vor derselben lagen einige umgeworfene Wagen. Er sah einige angstvolle Gesichter und lachende Soldaten. Neben den Kanonen stand eine zweispännige Fuhre, die mit einem Berg von Sachen beladen war. Ganz oben auf der Spitze saß neben einem umgekehrten Kinderstühlchen ein altes Weib, welches ein durchdringendes, verzweifeltes Geschrei ausstieß. Die Kameraden erzählten dem Offizier, das Geschrei der Menge und das Kreischen des alten Weibes komme daher, daß der General Jermolow, als er erfahren habe, daß die Soldaten sich plündernd in der Stadt zerstreuten und Volksmassen die Brücke versperrten, nun befohlen hatte, zwei Kanonen aufzupflanzen und Anstalten zu treffen, um die Brücke zu beschießen. Unter entsetzlichem Gedränge, wobei mehrere Wagen umgeworfen wurden, und unter verzweifeltem Geschrei wurde die Brücke frei und die Truppen gingen hinüber.

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