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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 191
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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191

Um zwei Uhr standen die vier Equipagen Rostows vor der Unterfahrt, während die Bauernwagen mit den Verwundeten nacheinander zum Hof hinausfuhren. Als die Kalesche des Fürsten Andree an der Haupttreppe vorüberfuhr, erregte sie die Aufmerksamkeit Sonjas, welche mit einer Zofe bemüht war, die ungeheuer hohe Kutsche für die Aufnahme der Gräfin bereitzumachen.

»Wem gehört diese Kalesche?« fragte Sonja.

»Wissen Sie das nicht, Fräulein?« erwiderte die Zofe. »Es ist der verwundete Fürst, der bei uns übernachtete und mit uns weiterfährt.«

»Wer ist es denn? Wie heißt er?«

»Unser gewesener Bräutigam, Fürst Bolkonsky«, erwiderte die Zofe seufzend. »Man sagt, er sei dem Tode nahe!«

Sonja sprang aus dem Wagen und lief zur Gräfin. Diese war schon in Reisekleidung mit Schal und Hut. Sie ging erschöpft im Salon umher und erwartete die Dienerschaft, um vor der Abreise zu beten. Natalie war nicht im Zimmer.

»Mamachen«, sagte Sonja, »Fürst Andree ist hier! Er ist tödlich verwundet und fährt mit uns weiter.«

Die Gräfin erschrak. »Und Natalie?« fragte sie.

Sonja und die Gräfin kannten Natalie, und die Angst vor den Folgen, welche diese Nachricht bei Natalie hervorrufen würde, erstickte in ihnen das Mitgefühl für den Menschen, den sie beide liebten.

»Natalie weiß es noch nicht, aber er fährt mit uns«, erwiderte Sonja.

»Du sagst, er sei schwer verwundet?«

Sonja nickte. Die Gräfin umarmte sie und weinte. »Die Wege Gottes sind wunderbar!« dachte sie.

»Nun, Mama, alles ist fertig, wo bleiben Sie?« fragte Natalie, welche mit gerötetem Gesicht auf der Schwelle stand.

»Gut, gehen wir!« sagte die Gräfin und beugte sich auf ihre Handtasche herab, um ihr ihre ängstliche Miene zu verbergen. Sonja umarmte Natalie und küßte sie. Natalie blickte sie fragend an.

»Was ist dir? Was ist geschehen?« fragte sie.

»Nichts! . . . Nichts! . . .«

»Etwas Schlimmes für mich? Was ist es?« fragte Natalie.

Sonja seufzte und gab keine Antwort. Der Graf, Petja, Madame Chausse, Mawra und Wassilitsch traten in den Saal. Die Türen wurden verschlossen, alle setzten sich und saßen schweigend einige Augenblicke da.

Der Graf erhob sich zuerst mit einem schweren Seufzer und bekreuzigte sich vor dem Heiligenbild. Alle folgten seinem Beispiel. Dann umarmte der Graf Mawra und Wassilitsch, welche in Moskau zurückblieben, und während sie seine Hand küßten, klopfte er sie auf den Rücken und sprach einige unklare, freundliche, tröstende Worte. Die Gräfin ging in die Hauskapelle, und Sonja fand sie dort auf den Knien vor den zurückgelassenen Heiligenbildern. Diejenigen, welche nach den Familienüberlieferungen die kostbarsten waren, wurden mitgenommen.

An der Haupttreppe und auf dem Hof verabschiedeten sich von den Zurückbleibenden die Leute, welche Petja mit Dolchen und Säbeln bewaffnet hatte und die mit in die Stiefel gesteckten Beinkleidern und mit Riemen umgürteten Kitteln hinauszogen.

Wie immer bei einer Abreise wurde viel vergessen und vieles mußte anders gelegt werden. Ziemlich lange standen zwei Heiducken zu beiden Seiten der geöffneten Wagentüren, um der Gräfin in den Wagen zu helfen, während Mädchen mit Kissen und Bündeln aus dem Hause nach dem Wagen, der Kalesche und dem Jagdwagen zuliefen, und dann wieder ins Haus zurückeilten.

»Ewig haben sie etwas vergessen«, sagte die Gräfin. »Du weißt doch, daß ich nicht so sitzen kann!« Und Dunjascha stieg mit zusammengebissenen Zähnen in den Wagen, um den Sitz besser zu arrangieren.

»Ach, dieses Volk!« sagte der Graf, den Kopf wiegend.

Der alte Kutscher Jefim, mit dem allein die Gräfin fahren wollte, saß hoch auf seinem Bock und blickte sich nicht um nach dem, was hinten geschah. Aus dreißigjähriger Erfahrung wußte er, daß man ihm noch nicht so bald zurufen werde: »Mit Gott!« und daß er dann, wenn das auch gesagt sei, noch zweimal anhalten müsse, damit man nach vergessenen Sachen senden könne, und daß er darauf noch einmal anhalten müsse, worauf die Gräfin den Kopf zum Fenster hinausstrecken und ihn im Namen Christi bitten werde, vorsichtig zu fahren, wenn es bergab gehe. Das wußte er und erwartete daher geduldiger als seine Pferde, was kommen werde. Endlich hatten alle Platz genommen, die Stufen an der Kutsche wurden hinaufgeschlagen, die Türen zugeschlagen, dann sandte man noch nach einer Schatulle, die Gräfin steckte den Kopf durchs Fenster und sprach, was sich gehörte. Dann nahm Jefim langsam die Mütze vom Kopf und bekreuzigte sich. Der Vorreiter und alle Leute folgten seinem Beispiel.

»Mit Gott!« sagte Jefim und setzte die Mütze auf. Der Vorreiter trabte voran, das Handpferd stemmte sich gegen das Kummet, die hohen Wagenfedern ächzten und die Kutschen bewegten sich. Ein Lakai sprang auf den Bock, die schwere Equipage fuhr schwankend aus dem Hof hinaus auf das holperige Pflaster, und der Wagenzug fuhr die Straße entlang. In den Wagen bekreuzigten sich alle vor der gegenüberliegenden Kirche. Die Dienstleute, welche in Moskau zurückblieben, gingen zu beiden Seiten der Equipage her, um sie zu begleiten.

Selten hatte Natalie eine so freudige Erregung empfunden wie jetzt, als sie langsam durch die Straßen des verlassenen Moskau fuhren. Sie blickte oft zurück und dann vorwärts nach dem langen Wagenzug der Verwundeten, der ihnen voranfuhr. Fast allen voran, erblickte sie die geschlossene Kalesche des Fürsten Andree. Sie wußte nicht, wer darin war, suchte sie aber immer mit den Augen.

Aus verschiedenen Straßen kamen noch ähnliche Wagenzüge heraus, und auf der Sadowajastraße fuhren Equipagen und Wagen in zwei Reihen nebeneinander. Als Natalie beim Sucharewturm (Zwiebacksturm) neugierig auf die Volksmenge hinausblickte, rief sie plötzlich laut und verwundert aus: »Papachen! Mamachen! Sonja! Seht doch, da ist er!«

»Wer? Wer?«

»Seht doch, wirklich, es ist Besuchow!« rief Natalie. Sie beugte sich zum Wagenfenster hinaus und sah nach einem hochgewachsenen, dicken Mann mit einem Kutscherkaftan, der nach Gang und Haltung augenscheinlich ein verkleideter Herr war, und neben einem gelben, bartlosen Greis in einem Friesmantel unter den Bogen des Sucharewturms hindurchging.

»Wirklich, es ist Besuchow!« rief Natalie. »Halt! Halt!« schrie sie dem Kutscher zu. Aber der Kutscher konnte nicht anhalten, weil noch mehr Wagen und Equipagen aus einer Seitenstraße hervorkamen und man ihm zurief, er solle sich beeilen und nicht andere aufhalten.

Wirklich sahen alle, obgleich schon entfernter als zuvor, Peter oder einen ihm ungewöhnlich ähnlichen Menschen in einem Kutscherkaftan, der mit gesenktem Kopf und ernster Miene die Straße entlang ging, neben einem kleinen, bartlosen Greis, der wie ein Diener aussah. Als dieser Greis das Gesicht, das aus dem Wagenschlag heraussah, bemerkte, berührte er ehrerbietig den Arm Peters und sagte ihm etwas, indem er nach der Kutsche deutete. Peter vermochte lange nicht zu begreifen, was er sagte, so sehr war er in seine Gedanken versunken. Endlich blickte er nach der bezeichneten Richtung, und als er Natalie erkannte, folgte er sogleich dem ersten Antrieb und ging rasch auf den Wagen zu, aber nach zehn Schritten blieb er stehen.

Das Gesicht Natalies, die sich aus dem Wagen herausbog, strahlte.

»Peter Kirilitsch, so kommen Sie doch! Wir haben Sie erkannt! Das ist merkwürdig!« rief sie und streckte ihm die Hand entgegen. »Warum sind Sie in diesem Aufzug?«

Peter ergriff die Hand und küßte sie.

»Was ist Ihnen, Graf?« fragte die Gräfin verwundert und teilnehmend.

»Was? Warum? Fragen Sie mich nicht!« erwiderte Peter.

»Bleiben Sie denn in Moskau?«

Peter schwieg. »In Moskau?« wiederholte er dann fragend, »ja in Moskau. Leben Sie wohl!«

»Ach, wenn ich ein Mann wäre, ich würde jedenfalls mit Ihnen zurückbleiben«, sagte Natalie. »Ach, wie wäre das schön! Mama, erlauben Sie, ich bleibe zurück.«

Peter blickte sie zerstreut an und wollte etwas sagen, aber die Gräfin unterbrach ihn.

»Sie waren in der Schlacht, wie wir hörten?«

»Ja«, erwiderte Peter. »Morgen wird hier eine Schlacht sein.«

»Aber was ist Ihnen, Graf, Sie sind nicht wie gewöhnlich?«

»Ach, fragen Sie mich nicht, ich weiß selbst nicht . . . morgen . . . nein . . . leben Sie wohl! Leben Sie wohl!« sagte er. »Eine schreckliche Zeit!« Er trat vom Wagen zurück und ging nach der Häuserreihe.

Natalie bog sich noch lange zum Wagenfenster hinaus und blickte mit strahlendem Lächeln zurück.

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