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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 190
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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190

Berg, der Schwiegersohn Rostows, war schon Oberst und bekleidete die ruhige, angenehme Stellung eines Gehilfen des Generalstabes des zweiten Armeekorps. Er war am 1. September von der Armee nach Moskau gekommen. Obgleich er dort nichts zu tun hatte, hielt er es doch für nötig, sich einen Urlaub zu erbitten, wie alle übrigen taten. Er umarmte den Grafen, küßte Natalie und Sonja die Hand und fragte hastig nach der Gesundheit der Gräfin.

»Wie geht's?« fragte der Graf. »Was macht die Armee? Zieht sie sich zurück, oder wird eine Schlacht stattfinden?«

»Nur der ewige Gott kann das Schicksal des Vaterlandes entscheiden. Man weiß nicht, was nun werden wird, aber einen solchen Heldenmut, wie ihn die russische Armee zeigte, kann man sich nicht vorstellen und nicht genug rühmen.« In diesem Augenblick erschien die Gräfin mit ermüdeter und unzufriedener Miene. Berg sprang hastig auf, küßte ihr die Hand und erkundigte sich nach ihrem Befinden.

»Ja, es sind schwere Zeiten für jeden Russen«, sagte Berg. »Aber warum beunruhigen Sie sich? Sie haben noch Zeit, abzureisen.«

»Ich begreife nicht, was die Leute tun«, sagte die Gräfin zu ihrem Mann. »Man hat mir eben gesagt, es sei noch nichts bereit, man muß doch Anordnungen treffen.«

Der Graf stand auf und ging zur Tür.

»Ich kam mit einer großen Bitte zu Ihnen, Papa«, sagte Berg.

»Nun?« fragte der Graf stehenbleibend.

»Ich kam eben bei Jusupows Haus vorüber, der Verwalter kam heraus und fragte, ob ich nicht etwas kaufen wollte. Ich habe dort so eine Chiffonniere und Toilette gefunden, Sie wissen, wie sie Wera immer gewünscht hat, entzückend. Ich möchte sie gern damit überraschen. Ich sehe, Sie haben so viele Bauern im Hof, geben Sie mir wenigstens einen, ich werde gut bezahlen.«

»Gehen Sie zur Gräfin, ich habe nichts zu sagen«, erwiderte der Graf.

»Wenn es Schwierigkeiten macht«, sagte Berg, »dann lassen wir es! Ich wünschte es nur zu sehr für Wera.«

»Ach, macht, daß ihr alle zum Teufel kommt! Zum Teufel! Zum Teufel! Zum Teufel!« schrie der alte Graf. »Mir geht der Kopf in die Runde.«

Damit lief er aus dem Zimmer. Die Gräfin brach in Tränen aus.

»Ja, ja, Mamachen, sehr schwere Zeiten!« sagte Berg.

Natalie ging mit ihrem Vater hinaus. Im Hof standen noch immer die beladenen Fuhren; zwei derselben waren abgeladen worden, und auf eine derselben stieg ein Offizier, unterstützt von seinem Burschen.

»Weißt du, warum Papa und Mama stritten?« fragte Petja. Natalie gab keine Antwort.

»Weil Papachen alle Fuhren den Verwundeten geben wollte«, sagte Petja. »Nach meiner Ansicht . . .«

»Nach meiner Ansicht«, schrie Natalie auf, »ist das eine solche Abscheulichkeit, eine solche Niedrigkeit . . . Ich weiß nicht . . . sind wir etwa solche Deutschen? . . .« Ihre Kehle zuckte vor verhaltenem Weinen, und in der Befürchtung, daß sich die Ladung ihres Zornes umsonst entladen würde, wandte sie sich um und stürmte die Treppe hinauf. Berg saß neben der Gräfin, und der Graf ging mit der Pfeife in der Hand im Zimmer auf und ab, als Natalie mit vor Zorn verzerrter Miene wie ein Sturmwind ins Zimmer stürzte und auf ihre Mutter zuging.

»Das ist abscheulich! Das ist nichtswürdig!« schrie sie. »Das kann nicht sein, daß Sie das befohlen haben.«

Berg und die Gräfin sahen sie verwundert an.

»Mamachen, es kann nicht sein. Sehen Sie, was auf dem Hof vorgeht! Sie bleiben zurück.«

»Was ist dir? Von wem sprichst du?«

»Von den Verwundeten! Es kann nicht sein, Mamachen, es wäre unerhört! Nein, Mamachen, das darf nicht sein! Ich bitte, verzeihen Sie mir. Mamachen! Was hilft uns das, was wir fortbringen? Sehen Sie nur, was auf dem Hof vorgeht! . . . Mamachen . . . das kann nicht sein!«

Der Graf stand am Fenster und hörte zu. Die Gräfin sah ihre Tochter an und blickte sich dann ratlos um.

»Macht, was ihr wollt, ich störe ja niemand«, sagte sie. Dann ging sie auf den Grafen zu. »Mein Freund, du hast getan, was recht ist, ich verstehe das nicht«, sagte sie mit gesenkten Augen.

»Die Eier . . . die Eier wollen klüger sein als die Hühner«, sagte der Graf unter Tränen und umarmte gerührt seine Frau, welche beschämt ihr Gesicht an seiner Brust verbarg.

»Papachen, Mamachen, kann ich den Befehl geben?« fragte Natalie. »Wir können immer noch alles Nötige mitnehmen.«

Der Graf nickte mit dem Kopf, und Natalie eilte durch den Saal und die Treppe hinab in den Hof.

Die Leute sammelten sich um Natalie und konnten nicht sogleich an den seltsamen Befehl glauben, den sie ihnen überbrachte, bis der Graf selbst im Namen seiner Frau den Befehl bestätigte, man solle alle Fuhren den Verwundeten übergeben und die Kisten in die Speicher stellen. Als die Leute dies begriffen, machten sie sich mit freudiger Dienstwilligkeit an die Arbeit. Der Dienerschaft erschien dies keineswegs sonderbar, sondern, im Gegenteil, sie dachten, es könne nicht anders sein, ebenso wie eine Viertelstunde vorher sich niemand darüber gewundert hatte, daß die Verwundeten zurückbleiben und die Sachen mitgenommen werden sollten.

Die Verwundeten kamen aus ihren Zimmern hervor und umgaben mit freudigen, bleichen Gesichtern die Fuhren. Auch in den benachbarten Häusern verbreitete sich das Gerücht, es seien Fuhren da, und auch aus den anderen Häusern kamen Verwundete in den Rostowschen Hof. Viele derselben baten, die Sachen nicht abzunehmen, sondern sie nur darauf Platz nehmen zu lassen, aber nachdem man einmal begonnen hatte, die Sachen abzuladen, war kein Halt mehr möglich. Es war ja ganz gleichgültig, ob man alles oder nur die Hälfte zurückließ. Auf dem Hof lagen die Kisten mit Geschirr, mit Bronzen, Bildern, Spiegeln, welche in der vergangenen Nacht so sorgfältig eingepackt worden waren.

»Vier kann man noch aufnehmen«, sagte der Verwalter. »Ich gebe meine Fuhren auch ab, aber wohin mit den anderen?«

»Dann lassen Sie meine Garderobe zurück«, sagte die Gräfin. »Dunjascha kann bei mir in dem Wagen sitzen.« Die ganze Dienerschaft war in fröhlicher Aufregung, und Natalie befand sich in einer glücklichen, entzückten Stimmung, wie sie sie lange nicht mehr empfunden hatte.

»Wohin soll das kommen?« fragten die Leute, indem sie eine Kiste herabschleppten. »Man muß wenigstens eine Fuhre behalten.«

»Was ist denn darin?« fragte Natalie.

»Die Bücher des Grafen.«

»Laßt sie zurück! Wassilitsch wird sie aufbewahren.«

Der kleine Jagdwagen war ganz voll Menschen, und man wußte nicht, wo Petja Platz finden sollte.

»Auf dem Bock! Du kannst ja auf dem Bock sitzen«, rief Natalie.

Sonja war unaufhörlich beschäftigt, aber in anderer Art als Natalie. Sie schrieb auf den Wunsch der Gräfin alle Sachen auf, welche zurückbleiben sollten, und bemühte sich dabei aber, so viel als möglich zum Mitnehmen zu erhaschen.

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