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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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19

Während diese Gespräche im Salon und bei der Fürstin stattfanden, brachte der Wagen des Fürsten Wassil Peter und mit ihm die Fürstin Drubezkoi, welche nötig gefunden hatte, ihn zu begleiten. Während die Räder lautlos über das Stroh rollten, das vor dem Palast des Grafen Besuchow auf der Straße ausgestreut war, suchte sie ihren Begleiter durch gewöhnliche Phrasen zu trösten. Zu ihrem großen Erstaunen aber war Peter eingeschlafen. Der Wagen hielt an einer der Seitenpforten. In dem Augenblick, wo Peter ausstieg und der Fürstin folgte, zogen sich zwei Männer rasch in den Schatten der Mauer zurück. Niemand achtete darauf. »Es muß so sein«, dachte Peter und folgte rasch der Gräfin die Hintertreppe hinauf. Er fragte sich, warum sie diesen ungewöhnlichen Eingang gewählt hatte und welchen Zweck dieser Besuch beim Grafen habe, aber die Zuversicht und Eile der Fürstin ließen ihm keine Zeit zu weiterem Nachdenken.

»Geht es hier nach den Gemächern der Fürstinnen?« fragte Anna Michailowna einen der Diener, welche die Treppe herabkamen und sich an die Wand drückten, um ihr Raum zu geben.

»Hier die Tür zur Linken!« erwiderte der eine.

»Der Graf hat mich wahrscheinlich nicht gerufen«, sagte Peter, »ich würde vorziehen, in mein Zimmer zu gehen.«

Die Fürstin hielt oben an, um ihn zu erwarten.

»Ach, mein Freund«, sagte sie, »glauben Sie mir, ich leide ebenso wie Sie. Aber seien Sie ein Mann! Bedenken Sie, es ist Ihr Vater, und er liegt im Sterben«, seufzte sie. »Ich liebe Sie wie meinen Sohn, vertrauen Sie mir, ich werde über Ihre Interessen wachen.«

Peter verstand nichts davon und ließ sich willenlos fortführen. Die Fürstin öffnete eine Tür und trat in ein kleines Vorzimmer. Ein alter Diener der Fürstin saß in einer Ecke und strickte einen Strumpf. Peter hatte niemals diesen Teil des Hauses gesehen. Die Fürstin fragte eine Kammerjungfer, wie die Fürstin sich befinde, indem sie auf das Mädchen verschiedene zärtliche Anredeworte, »meine Liebe« und »mein Kind« verschwendete. Diese ging der Fürstin einen langen Gang voran, das erste Zimmer zur Linken war das der älteren Nichte. Im Eifer ließ das Mädchen die Tür halb offen, so daß Peter und seine Führerin unwillkürlich hineinsahen und die ältere Fürstin mit dem Fürsten Wassil im Gespräch erblickten. Beim Anblick der beiden Besucher warf sich der letztere mit einer deutlichen Bewegung des Ärgers zurück, während die Fürstin heftig die Tür zuschlug und schloß. Der Ausdruck von Zorn, der seiner gewöhnlichen Ruhe so sehr widersprach, und die Besorgnis auf seinem Gesicht waren so auffallend, daß Peter mit einem fragenden Blick nach seiner Führerin stehenblieb. Die gute Dame teilte seine Überraschung nicht.

»Seien Sie ein Mann, mein Freund«, sagte sie lächelnd mit einem Seufzer. »Ich werde über Ihre Interessen wachen.« Dann schritt sie hastig weiter. Was wollte sie damit sagen? Peter verstand sie nicht. »Wahrscheinlich muß es so sein«, sagte er zu sich selbst. Der Gang endigte in einen großen, schwach erleuchteten Saal neben dem Empfangssaal des Grafen. Peter durchschritt ihn gewöhnlich, wenn er über die große Treppe nach Hause kam. Eine vergessene Badewanne stand in der Mitte auf dem Teppich. Der Nebensaal führte in einen Wintergarten. Dieselben Personen waren noch versammelt und flüsterten wie zuvor.

Beim Eintritt der Fürstin schwiegen alle und betrachteten forschend ihr bleiches Gesicht und den großen Peter, der ihr mit gesenktem Kopfe gefügig folgte. Ihr Gesicht drückte deutlich aus, daß der entscheidende Augenblick gekommen war, und mit der Sicherheit einer gewandten Petersburger Dame begegnete sie den neugierigen Blicken, des Schutzes ihres Begleiters sicher, denn der Sterbende hatte nach ihm gefragt. Ohne Zögern ging sie auf den Beichtvater des Grafen zu, verbeugte sich und bat um seinen Segen. Dann wandte sie sich mit derselben Demut an den anderen Würdenträger der Kirche.

»Gott sei gelobt, wir kommen noch zur rechten Zeit«, sagte sie. »Dies ist der Sohn des Grafen. Welch schrecklicher Augenblick! Lieber Doktor«, sagte sie zu dem Arzt, »dieser junge Mann ist der Sohn des Grafen. Ist noch Hoffnung vorhanden?«

Der Doktor blickte nach oben und zuckte die Achseln.

Die Fürstin ahmte ihn nach, bedeckte das Gesicht mit der Hand und verließ ihn mit einem tiefen Seufzer, um sich Peter zu nähern mit einer Miene voll Zärtlichkeit und bedeutsamer Trauer.

»Vertrauen Sie auf seine Barmherzigkeit!« Dann deutete sie nach einem kleinen Sofa, wo er Platz nehmen sollte, und endlich schritt sie geräuschlos der geheimnisvollen Tür zu, auf welche die allgemeine Aufmerksamkeit gerichtet war, öffnete sie leise und verschwand.

Peter gehorchte ihr blindlings, setzte sich auf das kleine Sofa und bemerkte nicht ohne Erstaunen, daß man ihn mit mehr Neugierde als Interesse betrachtete. Man deutete flüsternd nach ihm, er schien eine gewisse Furcht einzuflößen, und man erwies ihm eine Achtung, an die er nicht gewöhnt war. Eine Dame, welche mit den beiden Priestern sprach, erhob sich, um ihm ihren Platz zu überlassen, ein Adjutant hob den Handschuh auf, den er hatte fallen lassen, und reichte ihn ihm, die Ärzte schwiegen und traten zur Seite, um ihn vorüber zu lassen.

Die erste Regung Peters war, den angebotenen Platz abzulehnen, um die Damen nicht zu stören, und selbst den Handschuh aufzuheben. Aber er dachte, das sei nicht schicklich, er sei eine wichtige Persönlichkeit geworden, von der man während dieser traurigen Nacht viel erwarte, und er sei deshalb verpflichtet, jedermanns Dienste anzunehmen. Er nahm also schweigend den Handschuh und setzte sich auf den Platz der Dame.

Nach kaum zwei Minuten trat der Fürst Wassil majestätisch ein, mit hoch erhobenem Haupt und mit drei Sternen auf seinem langen Rock. Er ergriff Peters Hand, was er noch nie getan hatte.

»Fassen Sie Mut, mon ami, er hat nach Ihnen gefragt, das ist gut.«

»Wie ist die Gesundheit von . . .« begann Peter. Dann stockte er verwirrt, da er nicht wußte, ob er den Grafen seinen Vater nennen sollte.

»Vor einer halben Stunde hat er einen neuen Schlaganfall gehabt. Mut; mein Freund.«

Peter war so verwirrt, daß er ihn nicht verstand, er blickte den Fürsten entsetzt an. Dieser wechselte einige Worte mit dem Arzt und ging auf Zehenspitzen nach der offenen Tür. Die ältere Fürstin folgte ihm ebenso wie die Geistlichen und die Diener des Hauses. Im Krankenzimmer entstand eine Bewegung, und die Fürstin Drubezkoi ging mit bleicher Miene, aber fest in der Erfüllung ihrer Pflicht, hinaus, um Peter zu holen.

»Gottes Gnade ist unerschöpflich«, sagte sie. »Die Zeremonie der letzten Ölung wird sogleich beginnen, kommen Sie!«

Er erhob sich und bemerkte, daß alle Personen, welche in dem Saal waren, mit ihm in das nächste Zimmer gingen, als ob man sich keinem Zwang mehr zu fügen hätte.

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