Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Lew Tolstoi >

Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 189
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
Schließen

Navigation:

189

Der letzte Tag Moskaus brach an. Es war ein helles, heiteres Herbstwetter und ein Sonntag. Wie an gewöhnlichen Sonntagen wurde auf allen Kirchen zur Messe geläutet, niemand schien begreifen zu können, was Moskau erwartete. Nur an zwei Merkmalen zeigte sich die Lage, in der sich Moskau befand: das Benehmen des niederen Volkes und die Preise der Gegenstände. Fabrikarbeiter, Dienstleute, Bauern zogen in großen Massen, unter die sich auch Beamte, Seminaristen, Adlige mischten, frühmorgens nach den drei Bergen hinaus. Nachdem sie dort einige Zeit gestanden und vergebens Rostoptschin erwartet hatten, überzeugten sie sich, daß Moskau übergeben werde, und die ganze Menge zerstreute sich in Moskau in den Branntweinschenken. Die Preise für Waffen, für Gold, Wagen und Pferde stiegen ungeheuer, aber die Preise für Luxuswaren verminderten sich rasch, so daß es gegen Mittag vorkam, daß teuere Waren, wie Tuch, Möbel, Spiegel, umsonst weggegeben wurden, während man für ein Bauernpferd fünfhundert Rubel zahlte. In dem würdigen, alten Rostowschen Hause zeigten sich diese Anzeichen noch sehr schwach. In bezug auf die Leute ereignete sich nur, daß in der Nacht drei Männer von der großen Dienerschaft verschwanden, aber nichts wurde gestohlen, und in bezug auf die Preise der Sachen erwiesen sich die dreißig Fuhren, welche von den Gütern gekommen waren, als ein ungeheurer Reichtum, welchen viele mit Neid ansahen und wofür Rostow große Summen geboten wurden. Dabei aber kamen schon früh am Morgen die Burschen von verwundeten Offizieren und selbst Verwundete, welche sich herbeigeschleppt hatten aus dem Rostowschen und benachbarten Häusern und flehten die Familie an, ihnen die Fuhren zu überlassen, um aus Moskau fortzukommen. Der Haushofmeister, an welchen diese Bitten gerichtet wurden, weigerte sich entschieden, obgleich er die Verwundeten bedauerte, und sagte, er wage es nicht, dem Grafen dies zu melden. So traurig auch die Lage der zurückbleibenden Verwundeten sein mochte, so war es doch augenscheinlich, daß, wenn man nur eine Fuhre weggab, keine Möglichkeit war, die anderen zu behalten, man mußte sie alle und sogar die Equipagen weggeben. Aber die dreißig Fuhren konnten dennoch nicht alle Verwundeten retten, und in dem allgemeinen Unglück konnte man nicht anders, als an sich und seine Familie denken. Das war die Ansicht des Haushofmeisters.

Als der Graf am Morgen des 1. September erwachte, ging er auf Zehenspitzen in seinem seidenen Schlafrock hinaus auf die Vortreppe. Die beladenen Fuhren standen im Hof und die Equipagen vor der Tür. Der Haushofmeister sprach mit einem bleichen, jungen Offizier mit verbundenem Arm. Als er den Grafen erblickte, gab er dem Offizier einen strengen Wink, sich zu entfernen.

»Ist alles fertig, Wassilitsch?« fragte der Graf und nickte dem Offizier zu.

»Wir können sogleich anspannen, Erlaucht.«

»Vortrefflich! Gleich wird die Gräfin erwachen, und dann fort mit Gott! – Wer sind Sie, mein Herr?« wandte er sich an den Offizier. »Sind Sie bei mir im Hause?«

Der Offizier trat näher und sein bleiches Gesicht rötete sich lebhaft. »Graf, ich bitte Sie, erlauben Sie mir . . . um Gottes willen . . . irgendwo auf Ihren Fuhren ein Plätzchen! Ich habe nichts bei mir . . .«

Noch ehe der Offizier ausgesprochen hatte, kam ein Offiziersbursche mit derselben Bitte für seinen Herrn.

»Ach, ja, ja«, sagte der Graf, »ich freue mich sehr! Wassilitsch, sorge dafür! Man muß einen oder zwei Wagen abladen, nun dort . . . was nötig ist . . .« sagte der Graf mit unbestimmten Ausdrücken. In demselben Augenblick wurde durch den Ausruf heißer Dankbarkeit auf dem Gesicht des Offiziers dieser Befehl schon bekräftigt. Als der Graf sich umblickte, erschienen im Hof, an den Pforten und an den Fenstern überall Verwundete und Offiziersburschen, welche alle nach dem Grafen sahen.

»Erlauben Sie, Erlaucht, was soll mit den Bildern in der Galerie geschehen?« fragte der Haushofmeister. Der Graf ging mit ihm ins Haus, nachdem er seinen Befehl wiederholt hatte, die Verwundeten nicht zurückzuweisen, welche mitfahren wollten. »Nun, man kann etwas zusammenrücken«, fügte er mit leiser, geheimnisvoller Stimme hinzu, als ob er fürchtete, daß ihn jemand hören könnte.

Um neun Uhr erwachte die Gräfin, und Matrena, ihre frühere Zofe, meldete, Madame Chausse sei sehr erbost, und man könne doch die Sommerkleider der Fräulein nicht zurücklassen. Durch weitere Fragen, warum Madame Chausse entrüstet sei, erwies es sich, daß ihr Koffer von der Fuhre herabgenommen worden war, daß alle Fuhren aufgebunden und die Sachen abgeladen wurden und daß man die Verwundeten mitnehmen wolle. Die Gräfin ließ ihren Mann zu sich rufen.

»Was ist das, mein Lieber, wie ich höre, nimmt man die Sachen wieder ab?«

»Weißt du, meine Freundin, ich wollte dir sagen . . . Gräfin . . . ein Offizier hat mich gebeten, einige Fuhren für die Verwundeten abzugeben. Bedenke, wie sollen sie hier zurückbleiben? . . . Sie sind nun einmal auf dem Hof, wir haben sie selbst hereingerufen . . . Weißt du, ich glaube wirklich, meine Freundin, wir . . . man muß sie fortführen lassen . . .« Das sprach der Graf schüchtern, wie immer, wenn es sich um Geld handelte. Die Gräfin aber war an diesen Ton schon gewöhnt, der immer einer Sache vorherging, welche für die Kinder nachteilig war, wie der Bau irgendeiner Galerie oder Orangerie, oder die Errichtung eines Haustheaters, und darum hielt sie es immer für ihre Pflicht, sich dem zu widersetzen, was in diesem schüchternen Ton gesprochen wurde.

»Höre, Graf«, sagte sie in ihrem gehorsam weinerlichen Ton, »du hast es so weit gebracht, daß wir für das Haus nichts mehr erhalten, und jetzt willst du noch alles untergehen lassen, was den Kindern geblieben ist! Du hast selbst gesagt, im Hause seien Sachen im Wert von hunderttausend. Nein, mein Freund, ich kann nicht beistimmen, mache, wie du willst! Für die Verwundeten muß die Regierung sorgen, das wissen sie. Bei Lopuchins ist schon vorgestern alles fortgeführt worden. So handeln vernünftige Leute, nur wir sind Dummköpfe! Erbarme dich wenigstens der Kinder, wenn auch nicht meiner!« Der Graf verließ achselzuckend das Zimmer.

»Papa, was ist das?« sagte Natalie, welche nach ihm ins Zimmer der Mutter trat.

»Was willst du?« fragte der Graf ärgerlich.

»Ich habe alles gehört«, sagte Natalie. »Warum will Mama nicht?«

»Was geht es dich an?« schrie der Graf.

Natalie trat ins Zimmer und dachte nach.

»Papa, Berg ist gekommen«, sagte sie, durchs Fenster blickend.

 << Kapitel 188  Kapitel 190 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.