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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 187
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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187

Am Sonnabend, den 31. August, ging im Hause Rostow alles drunter und drüber. Alle Türen waren weit offen, alle Möbel wurden umgestellt oder fortgetragen, die Spiegel und Bilder abgenommen. In den Zimmern standen Koffer und Kisten, Heu und Packpapier lag umher. Die Dienerschaft und Bauern trugen Sachen hinaus und gingen mit schweren Schritten über das Parkett. Draußen drängten sich die Bauernwagen, einige waren schon beladen und festgebunden, andere noch leer. Der Graf war seit dem Morgen ausgefahren, niemand wußte, wohin; die Gräfin hatte Kopfschmerzen von all dem Lärm bekommen und lag in einem Salon mit einem Essigumschlag um die Stirne. Petja war nicht zu Hause, Sonja beaufsichtigte im Salon das Einpacken von Kristall und Geschirr. Natalie saß auf der Diele in ihrem Zimmer zwischen umherliegenden Kleidern, Bändern und Schärpen. Sie war beschämt darüber, daß sie nichts tat, während alle so eifrig arbeiteten, und seit dem Morgen versuchte sie es mehrmals, mitzuhelfen. Aber sie vermochte es nicht, ließ immer wieder alles liegen und ging in ihr Zimmer, um ihre Sachen einzupacken. Anfangs belustigte sie sich damit, ihre alten Kleider an die Zofen zu verteilen, dann aber, als die übrigen eingepackt werden sollten, erschien ihr das langweilig.

»Dunjascha«, sagte sie, »du wirst das alles zurechtlegen, mein Täubchen, nicht wahr?«

Dunjascha versprach, alles zu machen, und Natalie setzte sich mit einem alten Ballkleid auf die Diele und dachte nicht mehr an das, was jetzt geschehen sollte. Sie stand auf und betrachtete sich im Spiegel.

Auf der Straße hielt ein ungeheurer Wagenzug mit Verwundeten. Die Mädchen und Diener, die Köche, Kutscher und Stallknechte eilten zum Tore, um die Verwundeten zu sehen. Natalie band ein weißes Taschentuch um die Haare, hielt es mit beiden Händen an den Enden fest und ging auf die Straße hinaus. Die alte Haushälterin Mawra ging an einen Wagen und sprach mit einem darinliegenden, bleichen Offizier. Natalie näherte sich und hörte schüchtern zu, während sie immer noch die Zipfel ihres Tuches mit beiden Händen festhielt.

»Sie haben niemand in Moskau?« fragte Mawra. »Sie könnten ruhiger sein irgendwo in einer Wohnung, vielleicht gleich hier bei uns. Die Herrschaft reist ab.«

»Ich weiß nicht, ob die Herrschaft das erlauben wird«, sagte der Offizier mit schwacher Stimme. »Fragen Sie den Kommandierenden!« Dabei deutete er auf einen dicken Major, welcher längs der Wagenreihe näherkam. Natalie blickte angstvoll den Verwundeten an. »Können die Verwundeten bei uns im Hause bleiben?« fragte sie den Major.

Der Major legte lächelnd die Hand an den Schirm. »Was ist Ihnen gefällig, Mamsell?« fragte er lachend.

Natalie wiederholte ihre Frage mit ernster Miene.

»O ja, warum nicht?« erwiderte der Major. Der Wagen des Offiziers und noch zehn andere mit Verwundeten fuhren in den Hof ein. Natalie war sichtlich erfreut über dieses ungewöhnliche Ereignis und die Begegnung mit fremden Menschen und bemühte sich, mit Mawra soviel als möglich Verwundete in den Hof hineinzuführen.

»Aber man muß es doch erst dem Herrn Papa sagen«, meinte Mawra.

»Ach, das ist doch ganz gleichgültig, wir richten uns auf einen Tag im Salon ein und können ihnen unsere ganze Wohnung überlassen.

»Aber bedenken Sie, Fräulein, man könnte doch erst fragen.«

Natalie eilte ins Haus und ging auf den Zehenspitzen nach der halb offenen Tür des kleinen Salons, aus welchem ein Geruch von Essig und Hoffmannstropfen herauskam.

»Mama«, sagte Natalie und ließ sich auf die Knie vor ihrer Mutter nieder, »verzeihen Sie, daß ich Sie geweckt habe! Mawra schickt mich, unten sind verwundete Offiziere, welche kein Unterkommen haben; ich weiß, Sie erlauben es!« sagte sie hastig.

»Was für Offiziere? Ich begreife nichts!« sagte die Gräfin.

Natalie lächelte und auch die Gräfin lächelte schwach.

»Ich wußte, daß sie es erlauben werden!« Und Natalie küßte ihre Mutter, stand auf und ging zur Tür.

Im Saal begegnete sie ihrem Vater, der mit schlechten Nachrichten nach Hause zurückkehrte.

»Wir sind zwar lange sitzengeblieben«, sagte der Graf verdrießlich. »Jetzt ist der Klub geschlossen, und die Polizei zieht ab.«

»Papa, es ist doch recht, daß ich die Verwundeten ins Haus einlud? sagte Natalie.

»Versteht sich«, erwiderte der Graf zerstreut, »aber jetzt halte dich nicht mit Spielereien auf und hilf einpacken! Wir müssen morgen fort!« Und der Graf erteilte dem Hausmeister und den Dienern denselben Befehl.

Petja kehrte zu Tisch zurück und erzählte seine Neuigkeiten. Er erzählte, daß das Volk im Kreml sich bewaffnet habe, und obgleich Rostoptschin in seiner Proklamation gesagt habe, er werde das Volk aufrufen, habe man doch schon wirklich Anordnungen getroffen, daß morgen das ganze Volk nach den drei Bergen bewaffnet hinausziehen werde, und daß dort eine große Schlacht stattfinden werde.

Die Gräfin beobachtete mit Entsetzen das erregte, gerötete Gesicht ihres Sohns, während er erzählte. Sie wußte, wenn sie ihn zurückhalten wollte, werde er etwas von Männlichkeit, von Ehre und Vaterland sprechen und andere Unsinnigkeiten, auf die sie nichts erwidern konnte, und deshalb hoffte sie, es möglich zu machen, daß sie noch früher abreisen und Petja als Beschützer mitnehmen konnte. Nach Tisch rief sie den Grafen zu sich und flehte ihn mit Tränen an, sie sogleich fortzuführen, noch in dieser Nacht, wenn es möglich sei. Mit unwillkürlicher weiblicher Schlauheit sagte sie, sie sterbe vor Schrecken, wenn man nicht noch heute nacht abfahre.

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