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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 186
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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186

Graf Rostow blieb mit seiner Familie bis zum 1. September in Moskau, bis zum Tag vor dem Einmarsch des Feindes.

Nach dem Eintritt Petjas in das Kosakenregiment Obolensky und bis zu seiner Abreise nach Bjelaja Zerkow, wo dieses Regiment gebildet wurde, befiel die Gräfin eine heftige Angst. Jetzt erst kam ihr der Gedanke mit schrecklicher Klarheit, daß ihre beiden Söhne sich im Krieg befinden, daß sie ihre Fittiche verlassen hatten und jeder oder beide getötet werden konnten, wie die drei Söhne einer ihrer Bekannten. Sie wollte Nikolai zu sich rufen und selbst zu Petja reisen, um ihn irgendwo in Petersburg unterzubringen, aber beides erwies sich als unmöglich. Die Gräfin konnte nachts nicht mehr schlafen, und wenn sie einschlummerte, sah sie im Traum ihre Söhne getötet. Nach vielen Beratungen verfiel endlich der Graf auf ein Mittel zur Beruhigung der Gräfin. Er ließ Petja aus dem Regiment Obolensky in das Regiment Besuchow versetzen, welches in der Nähe von Moskau gebildet wurde. Dadurch hatte die Gräfin den Trost, wenigstens einen Sohn bei sich in Sicherheit unter ihren Fittichen zu sehen, und sie hoffte, ihn immer in solchen Stellen unterbringen zu können, wo er nicht in die Schlacht kommen konnte. Solange Nikolai in Gefahr war, glaubte die Gräfin zu bemerken, daß sie den Ältesten mehr als die übrigen Kinder liebte. Aber als der Jüngere, dieser Müßiggänger, der schlecht lernte und alle im Hause belästigte und alles im Hause zerbrach, dieser stumpfnasige Petja mit seinen vergnügten, schwarzen Äuglein zu diesen großen, schrecklichen Männern kam, welche dort Schlachten schlugen und daran Freude fanden, da erschien es der Mutter, daß sie ihn noch viel mehr liebe als alle übrigen Kinder. Je näher die Zeit kam, wo Petja nach Moskau zurückkommen sollte, um so mehr nahm ihre Unruhe zu. Sie dachte schon, sie werde dieses Glück nie erleben können.

Gegen Ende August kam ein zweiter Brief von Nikolai. Er schrieb aus Woronesch, wohin er zum Einkauf von Pferden gesandt worden war. Dieser Brief beruhigte die Gräfin nicht; da sie einen Sohn für jetzt außer Gefahr wußte, war sie noch mehr in Angst um Petja.

Obgleich schon seit dem 20. August fast alle Bekannten Rostows Moskau verlassen hatten, und obgleich alle der Gräfin dringend rieten, so schnell wie möglich abzureisen, wollte sie doch damals nichts von Abreise wissen, bevor ihr teurer Petja zurückgekehrt sei. Dieser kam am 28. August, aber die leidenschaftliche Zärtlichkeit, mit der er empfangen wurde, gefiel dem sechzehnjährigen Offizierchen schlecht. Er erriet das Vorhaben seiner Mutter, ihn nicht mehr aus ihren Fittichen zu entlassen, und in der Befürchtung, durch ihre Zärtlichkeit weibisch zu werden, benahm er sich kühl gegen sie, vermied sie und hielt sich ausschließlich zu Natalie.

Bei der gewohnten Sorglosigkeit des Grafen war am 28. August noch nichts zur Abreise bereit, und die Fuhren, die er von den Gütern im Räsanschen und Moskauschen Gouvernement erwartete, um alle Habseligkeiten aus dem Hause fortzubringen, kamen erst am 30. an.

Vom 28. bis zum 31. August befand sich ganz Moskau in Aufregung und Bewegung. Jeden Tag wurden Tausende von Verwundeten durch Moskau geführt und Tausende von Fuhren und Habseligkeiten verließen durch alle Tore die Stadt. Trotz der Proklamation Rostoptschins, vielleicht sogar infolge derselben, liefen die widersprechendsten Gerüchte durch die Stadt. Man sagte, es sei verboten, jemand hinauszulassen, andere dagegen erzählten, man habe alle Heiligenbilder aus den Kirchen fortgebracht und die Leute werden gewaltsam fortgebracht werden. Dann hieß es, nach der Schlacht bei Borodino habe noch eine andere stattgefunden, in welcher die Franzosen geschlagen worden seien, wogegen andere behaupteten, die ganze russische Armee sei vernichtet; es hieß, man habe Verräter gefangen, die Bauern seien aufständisch geworden und plünderten diejenigen, welche abfuhren, und so weiter. Aber alle fühlten, ohne es auszusprechen, daß Moskau jedenfalls dem Feinde überlassen werde und daß man so schnell wie möglich sich selbst und alle Habseligkeiten in Sicherheit bringen müsse. Bis zum 1. September trat keine Veränderung ein; obgleich man wußte, daß der Untergang nahe war, nahm doch das gewohnte Leben in Moskau noch immer seinen Fortgang.

Während dieser drei Tage vor der Einnahme Moskaus war die ganze Familie des Grafen Rostow mit verschiedenen Alltagssorgen beschäftigt. Das Haupt der Familie fuhr beständig in der Stadt umher, sammelte die umlaufenden Gerüchte ein und traf zu Hause oberflächliche, hastige Anordnungen für die Abreise. Die Gräfin beaufsichtigte die Aufräumung der Sachen, war mit allem unzufrieden und eifersüchtig auf Natalie, bei der Petja die ganze Zeit verbrachte. Nur Sonja widmete sich einer praktischen Tätigkeit, dem Einpacken der Sachen, war aber in der letzten Zeit schweigsam und kummervoll. Der Brief Nikolais, in dem er seine Begegnung mit der Fürstin Marie erwähnte, hatte hoffnungsvolle Äußerungen der Gräfin hervorgerufen, welche in dieser Beziehung eine Fügung Gottes sah. »Ich war niemals froh«, sagte die Gräfin, »über die Brautschaft Natalies mit Bolkonsky, aber ich habe ein Vorgefühl und habe es immer gewünscht, daß Nikolai die Fürstin heiraten werde. Und wie schön wäre das!«

Sonja wußte, daß die einzige Möglichkeit, die Umstände der Familie zu verbessern, in einer reichen Heirat Nikolais lag, und daß die Fürstin eine gute Partie war. Aber das war ihr ein sehr bitteres Gefühl. Ungeachtet ihres Kummers, oder vielleicht gerade infolgedessen, nahm sie alle Mühe und Sorge für die Einpackung der Sachen auf sich und war ganze Tage lang eifrig beschäftigt. Der Graf und die Gräfin wandten sich immer an sie, wenn sie etwas zu befehlen hatten. Petja und Natalie dagegen leisteten den Eltern nicht nur keine Hilfe, sondern waren allen im Hause lästig und störend. Fast den ganzen Tag hörte man im Hause ihr geräuschvolles Wesen, Schreien und Lachen. Petja freute sich, daß er, nachdem er das Haus als Knabe verlassen hatte, jetzt, wie dies alle sagten, als junger Mann zurückgekehrt war, und hauptsächlich deshalb, weil Natalie so froh und heiter war, deren Stimmung er stets geteilt hatte, Natalie aber befand sich deshalb in lustiger Stimmung, weil jemand zugegen war, der über sie entzückt war, und dieses Entzücken anderer war die Wagenschmiere, welche immer notwendig war, um ihre Maschine in Bewegung zu setzen. Sie waren überhaupt vergnügt darüber, daß man sich bei Moskau schlagen werde, daß alle flohen, daß überhaupt etwas Ungewöhnliches vorging, was immer den Menschen, besonders den jungen Menschen erheitert.

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