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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 182
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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182

Helene begriff, daß die Sache vom geistlichen Standpunkt aus sehr einfach war, aber daß ihre Führer ihr Schwierigkeiten nur deshalb machten, weil sie im Zweifel waren, wie die weltliche Gewalt die Sache ansehen werde. Demzufolge kam Helene zu dem Schluß, daß die Sache in der Gesellschaft vorbereitet werden müsse. Sie rief die Eifersucht des alten Ministers hervor und sagte ihm dasselbe wie ihrem ersten Verehrer, nämlich, daß es das einzige Mittel zur Erlangung von Rechten auf sie sei, sie zu heiraten. Im ersten Augenblick war der alte Herr verdutzt über diesen Vorschlag, bei Lebzeiten ihres Mannes einen anderen zu heiraten. Aber die unerschütterliche Überzeugung Helenes, daß das alles so einfach und natürlich sei wie die Heirat eines Mädchens, wirkte auch auf ihn. Hätte sie nur die geringsten Anzeichen von Zwang, von Scham oder Hintergedanken merken lassen, so wäre ihr Spiel unzweifelhaft verloren gewesen, aber es war kein Zwang und keine Beschämung an ihr zu bemerken. Sie erzählte vielmehr mit gutmütiger Naivität ihren nächsten Bekannten – und das war ganz Petersburg –, der Prinz und der Minister haben ihr Heiratsanträge gemacht, sie liebe beide und möchte keinen verletzen.

In Petersburg verbreitete sich sogleich das Gerücht, nicht, daß Helene sich von ihrem Mann scheiden lassen wolle, sondern das Gerücht, daß die unglückliche, interessante Helene sich in Verlegenheit und Unschlüssigkeit befinde, weil sie nicht wisse, welchen von beiden sie heiraten solle. Es kam schon nicht mehr in Frage, wieweit das möglich sei, sondern nur, welche Partie vorteilhafter sei und wie der Hof das ansehen werde. Es gab wirklich einige Menschen, welche sich nicht auf die Höhe der Fragen erheben konnten und von Entweihung des Sakraments der Ehe sprachen, aber solche gab es wenige. Darüber, ob es gut oder böse sei, bei Lebzeiten des Mannes einen anderen zu heiraten, sprach niemand, weil diese Frage für klügere Leute bereits gelöst war und man durch Zweifel an der Richtigkeit der Lösung dieser Frage riskierte, für einen beschränkten Menschen ohne Lebensart angesehen zu werden.

Der Fürst Wassil, welcher in letzter Zeit besonders oft vergaß, was er gesagt hatte und hundertmal dasselbe wiederholte, sagte jedesmal, wenn er seine Tochter sah: »Helene, ich muß dir etwas sagen.« Er führte sie beiseite und zog sie an der Hand auf einen Stuhl nieder. »Ich habe einige Bemerkungen gehört in betreff . . . nun, du weißt! Nun, mein liebes Kind, du weißt, daß das Herz deines Vaters sich darüber freut, daß du . . . du hast so viel durchgemacht! . . . Aber liebes Kind . . . handle so, wie dir dein Herz gebietet, das ist alles, was ich dir raten kann!« Dabei suchte er immer dieselbe Aufregung zu verbergen, drückte seine Wange an die seiner Tochter und ging.

Zu den Leuten, welche sich erlaubten, Zweifel an der Gesetzlichkeit der beabsichtigten Heirat auszusprechen, gehörte auch die Mutter Helenes, die Fürstin Kuragin. Sie wurde beständig von Neid auf ihre Tochter gequält und beriet sich mit einem russischen Geistlichen darüber, wieweit die Scheidung und eine neue Heirat bei Lebzeiten des Mannes möglich sei. Der Geistliche hatte ihr gesagt, das sei unmöglich, und verwies sie auf den Text in einem Evangelium, in welchem, wie dem Popen schien, die Möglichkeit einer zweiten Ehe bei Lebzeiten des Mannes direkt verneint wurde. Bewaffnet mit diesen Argumenten, welche ihr unwiderleglich erschienen, kam die Fürstin frühmorgens zu ihrer Tochter, um sie sicher anzutreffen. Helene hörte die Ermahnungen ihrer Mutter mit mildem, spöttischem Lächeln an.

»Siehst du, es heißt gerade da, wer eine geschiedene Frau heiratet . . .« sagte die alte Fürstin.

»Ach, Mama, reden Sie keinen Unsinn! Davon verstehen Sie nichts!«

»Aber meine Liebe . . .«

»Aber, Mama, wie ist's möglich, daß Sie das nicht begreifen, daß der Heilige Vater, der die Gewalt hat, zu vergeben . . .«

In diesem Augenblick wurde Helene durch eine Gesellschafterin gemeldet, Seine Hoheit sei im Saal und wünsche sie zu sehen.

»Nein, sagen Sie ihm, ich wolle ihn nicht sehen, ich sei ihm böse, weil er mir nicht Wort gehalten hat.«

»Gräfin, für jede Sünde gibt es Gnade«, sagte der junge Mann mit langem Gesicht und langer Nase, indem er eintrat.

Die alte Frau stand ehrerbietig auf und setzte sich wieder. Der Prinz achtete nicht im geringsten auf sie.

Die Fürstin nickte ihrer Tochter zu und schwebte zur Tür.

»Nein, sie hat recht«, dachte die alte Fürstin, deren Überzeugungen vor dem Erscheinen Seiner Hoheit zusammenfielen, »sie hat recht. Aber wie kam es, daß wir in unserer ehrbaren Jugend das nicht gekannt haben? Und das ist doch so einfach«, dachte die alte Fürstin, indem sie in den Wagen stieg.


Anfangs August war die Angelegenheit Helenes vollkommen entschieden, und sie schrieb ihrem Mann, der sie sehr liebte, wie sie glaubte, einen Brief, in welchem sie ihm von ihrer Absicht, Herrn N. N. zu heiraten, sowie von ihrem Übertritt zur alleinseligmachenden Religion Mitteilung machte und ihn bat, alle die Scheidung unumgänglichen Förmlichkeiten zu erfüllen, über welche ihm der Überbringer dieses Briefes berichten werde.

»Zugleich bitte ich Gott, Sie, mein Freund, unter seinen heiligen, starken Schutz zu nehmen.

Ihre Freundin Helene.«

Dieser Brief wurde in das Haus Peters gebracht, während er sich auf dem Schlachtfelde von Borodino befand.

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