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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 181
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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181

Helene, welche mit dem Hof zugleich aus Wilna nach Petersburg gekommen war, befand sich in schwieriger Lage. In Petersburg erfreute sie sich des besonderen Schutzes eines hohen Herrn, der eine der höchsten Stellen im Kaiserreich einnahm, in Wilna aber war sie mit einem jungen, ausländischen Prinzen näher bekannt geworden. Als sie nach Petersburg zurückkehrte, waren der Prinz und der Minister beide dort, machten ihre Rechte geltend, und Helene stand jetzt vor der ihr noch neuen Aufgabe, ihre Intimität mit beiden beizubehalten, ohne einen von ihnen zu verletzen.

Was für eine andere Frau schwer, sogar unmöglich gewesen wäre, das machte die Gräfin Besuchow keinen Augenblick nachdenklich. Hätte sie ihre Lebensweise geheim gehalten und sich durch List aus der unangenehmen Lage befreien wollen, so hätte sie damit alles verdorben, weil sie sich dadurch schuldig bekannt hätte. Helene aber, als wirklich großer Geist, der alles kann, was er will, stellte sich in das Licht der Gerechtigkeit und alle anderen in das Licht der Schuld.

Das erstemal, als der junge Prinz ihr Vorwürfe machte, warf sie stolz ihren schönen Kopf auf, wandte sich halb ihm zu und sagte mit Entschiedenheit: »Das ist der Egoismus und die Grausamkeit der Männer! Ich habe nichts anderes erwartet! Das ist der Dank für eine Frau, die sich für Sie zum Opfer brachte und für Sie leidet! Welches Recht haben Sie, Hoheit, von mir Rechenschaft über meine freundschaftlichen Gefühle zu verlangen? Das ist ein Mann, der für mich mehr als Vater war.«

Der Prinz wollte etwas erwidern, aber Helene unterbrach ihn. »Nun ja«, sagte sie, »vielleicht sind die Gefühle, die er für mich hegt, nicht ganz väterlich, aber daraus folgt noch nicht, daß ich ihm mein Haus verbieten muß. Ich bin kein Mann, um mit Undank zu bezahlen! Sie müssen wissen, Hoheit, daß ich über meine Gefühle nur Gott und meinem Gewissen Rechenschaft gebe«, schloß sie. Dabei legte sie die Hand auf ihren wogenden, schönen Busen und blickte zum Himmel auf.

»Aber hören Sie mich, ich bitte Sie!«

»Heiraten Sie mich, dann bin ich Ihre Sklavin.«

»Aber das ist nicht möglich.«

»Sie wollen sich nicht zu einer Heirat mit mir herablassen, Sie . . .«, sagte Helene weinend.

Der Prinz versuchte sie zu trösten.

Helene sagte unter Tränen, nichts könne sie abhalten, zu heiraten, dafür gebe es Beispiele – sie dachte an Napoleon und andere hohe Persönlichkeiten –, sie sei niemals die Frau ihres Mannes gewesen und nur aufgeopfert worden.

»Aber die Gesetze, die Religion«, sagte der Prinz schon einlenkend.

»Die Gesetze, die Religion! Wozu hat man diese denn erdacht, wenn Sie das nicht möglich machen können?« sagte Helene.

Der vornehme Herr war verwundert darüber, daß eine so einfache Idee ihm nicht in den Kopf kommen konnte, und wandte sich um Rat an die heiligen Brüder der Gesellschaft Jesu, mit denen er nahe bekannt war.

Einige Tage später gab Helene ein entzückendes Fest auf ihrer Villa bei Petersburg. Ein nicht mehr junger, entzückender Herr, Jobert, ein Jesuit im kurzen Gewande mit schneeweißem Haar und schwarzen, glänzenden Augen, wurde ihr vorgestellt. Er sprach im Garten beim Licht der Illumination und den Klängen der Musik lange mit Helene von der Liebe zu Gott, zu Christus, zum Herzen der Gottesmutter, sowie über die Tröstungen, welche die alleinseligmachende, katholische Religion für dieses und jenes Leben biete. Helene war gerührt, und Monsieur Jobert standen Tränen in den Augen. Am anderen Tag kam er abends allein zu Helene und seit dieser Zeit wiederholten sich seine Besuche sehr oft.

Eines Tages führte er die Gräfin in die katholische Kirche, wo sie vor dem Altar niederkniete, zu dem sie geführt wurde. Ein junger, entzückender Franzose legte ihr die Hände auf den Kopf, und wie sie selbst später erzählte, empfand sie dabei etwas wie einen frischen Luftzug, der in ihre Seele drang. Man sagte ihr, das sei die »Gnade«. Dann wurde ihr ein Abt in langem Kleide vorgestellt. Er hörte ihre Beichte und vergab ihr ihre Sünden. Am anderen Tage wurde ihr ein Kästchen gebracht, in dem sich das heilige Abendmahl befand, das nun in ihrem Hause blieb. Nach einigen Tagen erfuhr Helene zu ihrem Vergnügen, daß sie jetzt zu der alleinseligmachenden Kirche übergetreten sei, und daß in einigen Tagen der Papst selbst von ihr hören und ihr ein Papier zusenden werde.

Alles, was um diese Zeit bei ihr und mit ihr geschah, diese Aufmerksamkeit, welche von so vielen großen Leuten ihr gewidmet wurde und welche sich in so angenehmen, verfeinerten Formen äußerte, und die Taubenreinheit, in der sie sich jetzt befand (während dieser ganzen Zeit trug sie weiße Gewänder mit weißen Bändern) – alles das machte ihr großes Vergnügen. Aber sie verlor darüber keinen Augenblick ihr Ziel aus den Augen. Es ist oft zu beobachten, daß in bezug auf Schlauheit ein dummer Mensch klügere leitet. So hatte sie auch begriffen, daß der Zweck aller dieser Worte und Bemühungen hauptsächlich darin bestand, sie zur katholischen Religion zu bekehren und ihr Geld abzunehmen zum Besten jesuitischer Zwecke. Es hatte nie an Anspielungen dazu gefehlt, aber Helene bestand darauf, ehe sie Geld gab, daß die verschiedenen Operationen mit ihr vorgenommen werden, welche sie von ihrem Mann befreien sollten. Nach ihren Begriffen bestand die Bedeutung jeder Religion nur darin, daß bei der Befriedigung menschlicher Wünsche ein gewisser Anstand beobachtet werden sollte. Deshalb verlangte sie in einer ihrer Unterhaltungen mit dem Geistlichen mit großer Entschiedenheit eine Antwort von ihm auf die Frage, wie weit sie durch ihre Heirat gebunden sei. Sie saßen im Salon beim Fenster. Es dämmerte, durch das Fenster kam Blumenduft herein. Helene trug ein weißes Kleid, das auf der Brust und an den Schultern durchsichtig war. Der wohlgenährte Abt mit glattrasierten Wangen und weißen Händen saß nahe bei Helene. Mit einem feinen Lächeln auf den Lippen und weltlichem Entzücken blickte er zuweilen ihr Gesicht an und sprach seine Ansicht über die sie beschäftigende Frage aus.

Der Gedankengang des Gewissensrats war folgender: »In Unwissenheit über die Bedeutung dessen, was Sie taten, haben Sie das Versprechen ehelicher Treue einem Menschen gegeben, welcher seinerseits in die Ehe trat, ohne an die religiöse Bedeutung der Ehe zu glauben und dadurch eine Gotteslästerung beging. Diese Ehe hatte nicht die doppelte Bedeutung, welche sie haben sollte, aber dennoch waren Sie durch Ihr Versprechen gebunden. Sie haben ihn verlassen. Was haben Sie damit getan? Eine verzeihliche Sünde oder eine Todsünde? Eine verzeihliche Sünde, weil Sie sie ohne böse Absicht begangen haben. Wenn Sie jetzt in eine neue Ehe treten, so kann Ihre Sünde vergeben werden, aber die Frage teilt sich wieder in zwei Abteilungen. Die erste . . .«

»Aber ich denke«, sagte Helene plötzlich aufspringend mit ihrem bezaubernden Lächeln, »nachdem ich zu der wahren Religion übergetreten bin, kann ich nicht gebunden sein durch das, was mir eine falsche Religion auflegte?«

Der Gewissensrat war erstaunt über dieses Kolumbusei, das mit solcher naiven Einfachheit vor ihm aufgestellt wurde. Er war entzückt über die unerwartet schnellen Erfolge seiner Schülerin.

»Wir wollen die Sache überlegen, Gräfin«, sagte er lachend und begann ihre Ansicht zu widerlegen.

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