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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 175
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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175

Die Generale Napoleons, Davoust, Ney, Murat, welche sich in der Nähe dieser Feuerzone befanden und sogar zuweilen sich in dieselbe begaben, führten mehrmals starke Massen Soldaten hinein. Aber allen Erwartungen zuwider kamen diese Massen von dort in erschütterten und erschreckten Haufen zurück. Sie ordneten sie wieder, aber die Leute verringerten sich mehr und mehr. Gegen Mittag sandte Murat zu Napoleon seinen Adjutanten mit dem Verlangen nach Verstärkung.

Napoleon stand am Abhang des Hügels und trank Punsch, als ein Adjutant von Murat kam, mit der Versicherung, die Russen würden geschlagen werden, wenn Seine Majestät noch eine Division geben wolle.

»Verstärkung?« fragte Napoleon verwundert mit einem ernsten Blick auf den stutzerhaften Adjutanten. »Sagen Sie dem König von Neapel, es sei noch nicht Mittag, und ich könne noch nicht deutlich genug die Sachlage überblicken. Gehen Sie!«

Bald darauf kam ein General auf schweißbedecktem Pferde auf den Hügel zu. Das war Belliard. Er stieg vom Pferde, ging mit raschen Schritten auf den Kaiser zu und begann lebhaft und mit lauter Stimme die Notwendigkeit von Verstärkung zu beweisen. Er schwor, die Russen seien verloren, wenn der Kaiser noch eine Division gebe. Napoleon zuckte mit den Achseln und ging auf und ab.

»Sie sind sehr stürmisch, Belliard«, sagte Napoleon. »Es ist leicht, sich im Pulverdampf zu irren. Reiten Sie hin und sehen Sie sich alles an, dann kommen Sie wieder zu mir!«

Kaum war Belliard verschwunden, als von der anderen Seite wieder ein Adjutant kam.

»Was gibt es wieder?« fragte Napoleon.

»Sire, der Herzog von . . .« begann der Adjutant.

»Verlangt Verstärkung!« ergänzte Napoleon mit einer zornigen Bewegung, wandte sich ab und rief Berthier.

»Man muß die Reserven vorführen«, sagte er. »Was soll man dorthin senden? Wie denken Sie?« fragte er Berthier, »diesen Gänserich, den ich zum Adler gemacht habe«, wie er ihn später nannte.

»Sire, man muß die Division Claparèdes senden«, erwiderte Berthier, der alle Divisionen und Regimenter auswendig wußte.

Napoleon nickte bestätigend mit dem Kopfe. Ein Adjutant wurde an Claparèdes gesandt, und nach einigen Augenblicken setzte sich die junge Garde in Bewegung. Napoleon blickte schweigend nach ihnen hin.

»Nein«, sagte er plötzlich zu Berthier, »ich kann nicht Claparèdes senden, senden Sie die Division Friand.«

Der Befehl wurde sogleich ausgeführt, und die Division Friand war bald im Pulverrauch verschwunden. Von verschiedenen Seiten kamen immer wieder Adjutanten, und alle sagten dasselbe, als ob sie sich verabredet hätten. Alle baten um Verstärkung und erklärten: die Russen behaupten sich auf ihren Stellungen und unterhalten ein Höllenfeuer, vor welchem die französischen Truppen schmelzen.

Napoleon saß nachdenklich auf einem Feldstuhl. De Beausset, welcher hungrig geworden war, näherte sich dem Kaiser und lud ihn zum Frühstück ein. »Ich hoffe, daß ich Eurer Majestät schon jetzt zum Siege gratulieren kann?« sagte er.

»Gehen Sie zum . . .« sagte Napoleon finster und wandte sich ab, während ein wonniges Lächeln des Bedauerns, der Reue und des Entzückens das Gesicht des Herrn de Beausset erleuchtete.

Alle jene früheren Kunstgriffe, welche immer Erfolg hatten, die Konzentrierung der Batterien auf einen Punkt, der Angriff der Reserven zur Durchbrechung der feindlichen Linie und ein plötzlicher Angriff der Kavallerie, alle diese Kunstgriffe waren schon angewendet worden, und doch war der Sieg noch nicht errungen, sondern von allen Seiten kamen dieselben Nachrichten von gefallenen und verwundeten Generalen und von der Notwendigkeit von Verstärkungen und der Unmöglichkeit, die Russen zu werfen. Napoleon wußte nach seiner langen Kriegserfahrung sehr wohl, was es bedeutete, wenn eine Angriffsschlacht nach achtstündiger Anstrengung noch nicht gewonnen war. Er wußte, daß das eine verlorene Schlacht war, und daß der geringste Zwischenfall jetzt in dieser gespannten Situation ihm und seinen Truppen den Untergang bringen konnte. Die Russen konnten sich auf seinen linken Flügel stürzen, sein Zentrum durchbrechen, eine verlorene Kugel konnte ihn selber treffen. Alles das war möglich. Bei der Nachricht, daß die Russen den linken Flügel der Franzosen angreifen, saß Napoleon in stummem Schrecken auf seinem Feldstuhl. Berthier trat auf ihn zu und schlug ihm vor, die Linie entlang zu reiten, um sich vom Stande der Schlacht zu überzeugen.

»Wie? Was sagen Sie?« fragte Napoleon. »Ja, lassen Sie mir ein Pferd bringen.«

Er stieg zu Pferde und ritt nach Semenowskoje zu. Auf dem ganzen Wege erblickte Napoleon Pferde und Menschen haufenweise in Blutlachen liegend. Etwas so Entsetzliches, eine solche Menge von Toten auf einer so kleinen Strecke hatte weder Napoleon noch einer seiner Generale jemals gesehen. Napoleon ritt auf die Höhe von Semenowskoje und erblickte durch den Pulverrauch Reihen von Soldaten in ihm fremden Uniformen. Das waren Russen. Die Russen standen in festen Reihen bei Semenowskoje, und ihre Geschütze donnerten unaufhörlich. Es war keine Schlacht mehr, es war ein unaufhörliches Morden, welches weder für Russen noch für Franzosen ein Resultat bringen konnte. Einer der Generale erlaubte sich, dem Kaiser vorzuschlagen, die alte Garde ins Feuer zu führen. Ney und Berthier, welche neben Napoleon standen, sahen sich an und lächelten verächtlich über diesen unsinnigen Vorschlag.

»Dreitausend Kilometer von Frankreich entfernt, kann ich meine Garde nicht zertrümmern lassen«, sagte er, wandte das Pferd Und ritt zurück nach Schewardino.

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