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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 168
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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168

Die Offiziere wollten gehen, aber Fürst Andree, welcher nicht mit seinem Freund allein bleiben wollte, lud sie zum Tee ein. Die Offiziere blickten die dicke, mächtige Gestalt Peters erstaunt an und hörten auf seine Nachrichten aus Moskau und auf seine Bemerkungen über die Stellung unserer Truppen, die er gesehen hatte.

»Du hast also die ganze Stellung begriffen?« unterbrach ihn Fürst Andree.

»Nun, ich bin kein Krieger und kann nicht sagen, daß ich alles verstanden habe, aber doch die allgemeine Stellung.«

»Nun, dann weißt du mehr als irgend jemand«, sagte Fürst Andree.

»Wie?« fragte Peter erstaunt. »Und was sagen Sie über die Ernennung Kutusows?«

»Ich war sehr erfreut darüber!«

»Aber was ist Ihre Meinung von Barclay de Tolly? In Moskau spricht man viel von ihm.«

»Frage diese Herren!« erwiderte Fürst Andree.

»Es ist hell geworden, Erlaucht, als der Alte kam!« sagte Timochin mit schüchternem Blick nach seinem Vorgesetzten.

»Warum das?« fragte Peter.

»Nun, sehen Sie, zum Beispiel Holz oder Furage! Wir marschierten von Swenzjany ab und durften nichts anrühren, alles mußten wir ›ihm‹ überlassen! Nicht wahr, Erlaucht, in unserem Regiment wurden zwei Offiziere dafür vor Gericht gestellt, aber als der Durchlauchtigste kam, wurde alles anders, alles hell!«

»Warum hatte Barclay de Tolly das verboten?«

Timochin wußte nicht, wie er darauf antworten sollte.

»Das Land sollte nicht verheert werden, das wir dem Feinde überlassen!« sagte Fürst Andree mit boshaftem Spott. »Nun, und bei Smolensk hat er auch ganz richtig überlegt, daß die Franzosen uns umgehen können, weil sie die Übermacht hatten. Aber er konnte nicht begreifen«, rief Fürst Andree plötzlich mit grollender Stimme, »daß wir uns damals zum erstenmal um russisches Land schlugen, und daß der Geist der Truppen so vortrefflich war, wie ich ihn nie gesehen hatte. Aber er befahl den Rückzug, und alle Anstrengungen und Verluste waren verloren. Er ist jetzt nicht am Platz, weil er alles gründlich und genau überlegt, wie ein echter Deutscher. Und in eurem Klub ist euch eingefallen, er sei ein Verräter? Dadurch wird er später nur wieder zum Helden oder Genie gemacht, was noch weniger richtig ist. Er ist ein ehrlicher, sehr pünktlicher Deutscher, der aber den russischen Geist nicht versteht.«

»Aber er ist ein geschickter Heerführer!« sagte Peter.

»Was bedeutet das?« sagte Fürst Andree spöttisch.

»Nun, einen Führer, der alle Zufälle voraussieht und die Absichten des Gegners errät!«

»Das ist unmöglich«, sagte Fürst Andree.

»Aber man sagt doch«, erwiderte Peter, »der Krieg sei ein Schachspiel?«

»Ja, nur mit dem kleinen Unterschied, daß man beim Schachspiel jeden Zug überlegen kann, solange man will, und daß ein Pferd immer stärker ist als ein Bauer, und zwei Bauern immer stärker sind als einer. Im Kriege aber ist ein Bataillon zuweilen stärker als eine Division, zuweilen schwächer als eine Kompanie. Glaube mir, wenn etwas von den Anordnungen des Generalstabs abhängen würde, so wäre ich dort geblieben und würde auch anordnen. Statt dessen habe ich die Ehre, mit diesen Herren beim Regiment zu dienen, und ich glaube, daß der morgige Tag von uns und nicht vom Generalstab abhängen wird. Der Erfolg hängt niemals ab vom Terrain, der Bewaffnung, noch von der Zahl und am allerwenigsten von der Stellung.«

»Wovon denn?«

»Von jenem Gefühl, das in mir und in jedem Soldaten ist.«

Timochin blickte erschreckt seinen Vorgesetzten an, welcher jetzt, im Gegensatz zu seiner früheren Schweigsamkeit, ungewöhnlich erregt war.

»Die Schlacht gewinnt der, der fest entschlossen ist, sie zu gewinnen. Du sagst, unsere Stellung, besonders der linke Flügel, sei schwach, aber das ist alles Unsinn! Was steht uns morgen bevor? Hundert Millionen Zufälligkeiten, welche zum Sieg oder zur Niederlage führen, aber alles, was jetzt geschieht, ist nur Zeitvertreib. Die Wahrheit ist, daß diejenigen, mit denen du längs der Stellung hingeritten bist, nicht nur zum Verlauf der Schlacht nichts beitragen, sondern ihn noch stören! Sie sind nur mit ihren eigenen, kleinlichen Interessen beschäftigt.«

»In einem solchen Augenblick?« fragte Peter vorwurfsvoll.

»Gewiß, sie denken nur daran, ein Kreuz oder Ordensband zu erhalten! Ich sehe die Sache anders an. Hunderttausend Russen und hunderttausend Franzosen sind zusammengekommen, um sich zu schlagen, und wer sich wütender schlägt und weniger schont, der wird Sieger! Aber ich sage dir, was auch dort geschehen mag, und welche Konfusion dort oben herrschen mag, wir gewinnen morgen die Schlacht.«

»Das ist die Wahrheit, Erlaucht«, bemerkte Timochin. »Glauben Sie mir, die Soldaten in meinem Bataillon tranken keinen Schnaps, ›es ist jetzt nicht Zeit dazu‹, sagten sie.«

Alle schwiegen.

Als die Offiziere gegangen waren, wollte Peter das Gespräch fortsetzen und sagte: »Sie glauben also, daß die Schlacht morgen gewonnen wird?«

»Ja, ja«, erwiderte Fürst Andree zerstreut, »wenn ich die Macht hätte, würde ich verbieten, Gefangene zu machen. Wozu das? Die Franzosen haben mein Haus zerstört, wie sie Moskau zerstören werden, und beleidigen mich jeden Augenblick. Sie sind meine Feinde, sie sind Verbrecher nach meinen Begriffen, und so denkt auch Timochin und das ganze Heer. Man muß sie vernichten.«

»Ja, ja«, sagte Peter mit glänzenden Augen, »ich bin ganz Ihrer Ansicht.«

»Keinen Gefangenen!« fuhr Fürst Andree fort, »das würde den ganzen Krieg ändern und ihn weniger grausam machen. Dieses Prahlen mit Großmut und Empfindsamkeit kommt mir vor wie die gefühlvollen Damen, welche in Ohnmacht fallen, wenn sie sehen, wie ein Kalb geschlachtet wird, sie können kein Blut sehen, aber einen Kalbsbraten mit schmackhafter Sauce essen sie mit Appetit! Man spricht von Kriegsrecht, von Ritterlichkeit, von Schonung der Unglücklichen, das ist alles Unsinn! Sie plündern fremde Häuser, fabrizieren falsches Papiergeld, töten meine Kinder, meinen Vater und sprechen von Kriegsgesetzen und Großmut gegen Feinde. Keine Gefangenen! Alle umbringen und selbst in den Tod gehen! Wer dazu gelangt ist, wie ich, durch dieselben Leiden . . .«

Fürst Andree, welcher immer gedacht hatte, es sei ihm gleichgültig, ob Moskau eingenommen werde, wurde plötzlich durch einen inneren Krampf unterbrochen, der ihm die Kehle zuschnürte. Er ging einige Male schweigend auf und ab, seine Augen glänzten fieberhaft und seine Lippen zuckten. »Ohne diese Koketterie mit Großmut im Krieg würden wir nur dann in den Krieg ziehen, wenn es wirklich sein muß, und nicht wegen kleinlicher Interessen. Der Krieg ist kein Amüsement, sondern die abscheulichste Sache im Leben, daran muß man denken und nicht mit dem Krieg spielen. Man muß diese schreckliche Notwendigkeit ernst und streng auffassen. Der Krieg ist kein Kinderspiel, der Kriegerstand ist der rühmlichste Stand! Aber was ist der Krieg? Was ist nötig zum Erfolg? Was ist der Charakter des Kriegerstandes? Das Ziel des Krieges ist der Mord, die Waffe des Krieges ist Spionage und Verrat, die Verheerung der Länder, die Plünderung der Einwohner zur Unterhaltung des Heeres, dann Lug und Trug, die man Kriegslist nennt. Der Charakter des Kriegerstandes ist die Abwesenheit aller Freiheit, das heißt, die Disziplin, Müßiggang Grausamkeit, Trunkenheit und ungeachtet dessen ist das der höchste Stand, der von allen verehrt wird. Alle Kaiser, außer dem chinesischen, tragen Uniform, und wer am meisten Menschen tötet, erhält die größte Belohnung. Wie morgen stoßen sie zusammen, um Zehntausende zu ermorden, und dann wird ein Dankgottesdienst gefeiert dafür, daß man viele Menschen erschlagen habe. Wie wird Gott dies Gebet aufnehmen?« rief Fürst Andree mit dünner, kreischender Stimme. »Ach, Freund, in letzter Zeit ist mir das Leben schwer geworden, ich sah, daß ich schon zu viel begriffen habe! Es ist nicht gut für den Menschen, vom Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen! Nun, auf Wiedersehen!« fügte er hinzu. »Jetzt geh schlafen, und auch für mich ist's Zeit! Reite nach Gorky!« sagte plötzlich Fürst Andree, »vor einer Schlacht muß man ausschlafen.« Er küßte Peter und ging hastig in die Scheune zurück.

Einige Zeit blieb Peter schweigend stehen und überlegte, ob er Andree nachfolgen oder nach Hause reiten sollte. »Nein, er braucht mich nicht«, schloß er, »und ich weiß, daß wir uns zum letztenmal gesehen haben.« Mit einem schweren Seufzer kehrte er nach Gorky zurück.

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