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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 165
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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165

»Peter Kirilowitsch, wie kommen Sie hierher?« rief eine Stimme.

Peter wandte sich um und erblickte Boris Drubezkoi, welcher seine Knie nach den Kniebeugungen abstäubte und sich ihm lachend näherte. Sein Äußeres war elegant. Er trug wie Kutusow einen langen Mantel. Während dieser Zeit hatte Kutusow das Dorf erreicht und sich vor einer Hütte auf einer Bank niedergelassen, welche ein Kosak in aller Eile herbeigebracht hatte. Ein glänzendes Gefolge umgab ihn. Die Prozession zog weiter, während Peter im Gespräch mit Boris etwa dreißig Schritt von Kutusow stand. Peter sprach seinen Wunsch aus, an der Schlacht teilzunehmen. »Das beste wäre, beim General Bennigsen zu bleiben«, sagte Boris, »bei dem ich Ordonnanzoffizier bin. Ich werde von Ihnen mit ihm sprechen. Wollen Sie eine Idee von unserer Stellung haben, so kommen Sie mit uns, wir gehen nach dem linken Flügel, und wenn wir zurückkommen, müssen Sie mir das Vergnügen machen, mein Gast für die Nacht zu sein. Wir können sogar eine kleine Partie organisieren. Sie kennen ohne Zweifel Dmitri Sergejewitsch? Er liegt dort drüben in Gorky in Quartier.«

»Aber ich hätte gern den rechten Flügel gesehen, man sagt, er sei so stark.«

»Das können Sie wohl, aber der linke Flügel ist der wichtigste.«

»Vielleicht können Sie mir sagen, wo sich das Regiment des Fürsten Bolkonsky befindet?«

»Wir kommen dort vorüber, und ich werde Sie zum Fürsten führen.«

»Was wollten Sie vom linken Flügel sagen?« fragte Peter.

»Unter uns gesagt, der linke Flügel befindet sich in einer abscheulichen Stellung. Graf Bennigsen hatte einen ganz anderen Plan und wollte auch jenen Hügel dort unten befestigen, aber seine Hoheit hat es nicht erlaubt, denn . . .«

Boris sprach nicht weiter, weil er den Adjutanten Kutusows, Kaissarow, auf sich zukommen sah.

»Kaissarow!« rief Boris lebhaft, »ich erkläre dem Grafen unsere Stellung. Er bewundert seine Durchlaucht, welcher die Absicht des Feindes so gut durchschaut hat.«

»Sie sprachen vom linken Flügel?« fragte Kaissarow.

»Ja, gerade der linke Flügel ist jetzt furchtbar.«

Obgleich Kutusow aus seinem Hauptquartier alle unnützen Leute fortgeschickt hatte, hatte Boris doch verstanden, seine Stellung zu behaupten, indem er sich dem Grafen Bennigsen attachieren ließ, der große Stücke auf ihn hielt.

Die Armee war in zwei Lager geteilt, das von Kutusow und das von Bennigsen, dem Chef des Generalstabs, und Boris verstand es sehr geschickt, während er für Kutusow eine tiefe Achtung an den Tag legte, zu verstehen zu geben, daß dieser Greis unfähig sei, die Kriegsführung zu leiten, und daß in der Tat Bennigsen der wirkliche Leiter sei. Man stand jetzt vor dem entscheidenden Augenblick, welcher Kutusow vernichten und die Gewalt Bennigsen überliefern sollte, oder aber, wenn Kutusow die Schlacht gewann, so hätte man nicht verfehlt, verständlich zu machen, daß alle Ehre dafür Bennigsen gebühre. In jedem Falle wären zahlreiche Belohnungen zur Verteilung gekommen. Diese Aussicht versetzte Boris in fieberhafte Aufregung.

Peter war bald von mehreren Offizieren, die er kannte, umgeben, welche nach Kaissarow gekommen waren, und hatte Mühe, alle Fragen zu beantworten. Kutusow bemerkte Peter in der Gruppe und ließ ihn durch seinen Adjutanten rufen. Peter begab sich gleich zu ihm, aber in demselben Augenblick näherte sich auch ein Mann vom Landsturm Kutusow und kam Peter zuvor. Das war Dolochow.

»Wie kommt der Mensch hierher?« fragte Peter.

»Der Taugenichts drängt sich überall ein«, erwiderte man ihm. »Er ist degradiert worden, kommt aber wieder auf die Oberfläche des Wassers. Er hat verschiedene Projekte eingereicht und ist bis zu den feindlichen Vorposten geschlichen. Man kann ihm nicht abstreiten, daß er Mut hat!« Peter nahm ehrerbietig den Hut vor Kutusow ab.

»Ich habe mir überlegt«, sagte Dolochow, »wenn ich Eure Durchlaucht benachrichtigen würde, könnten Sie mich wegjagen oder mir sagen, die Sache sei schon bekannt.«

»Ja . . . ja . . .« sagte Kutusow.

»Aber ich sagte mir auch, wenn ich Erfolg habe, so leiste ich dem Vaterland einen Dienst, für das ich bereit bin, mein Leben zu lassen. Wenn Eure Durchlaucht einen Menschen braucht, der seine Haut nicht schont, so bitte ich, an mich zu denken.«

»Ja, ja«, erwiderte Kutusow, der seinen Blick lachend auf Peter richtete.

In demselben Augenblick trat Boris mit der Gewandtheit eines Höflings vor, um sich neben Peter zu stellen, mit dem er anscheinend eine begonnene Unterhaltung fortsetzte.

»Sie sehen, Graf, die Landstürmer haben weiße Hemden angezogen, um sich auf den Tod vorzubereiten. Ist das nicht Heroismus?«

Boris hatte augenscheinlich diese Worte nur in der Absicht ausgesprochen, um gehört zu werden. Seine Berechnung war richtig, Kutusow fragte ihn, was er vom Landsturm gesagt habe. Er wiederholte seine Worte.

»Ja, es ist ein unvergleichliches Volk«, bemerkte Kutusow und schlug die Augen auf. »Unvergleichlich!« murmelte er nochmals. »Sie wollen also Pulver riechen?« fragte er Peter. »Ein angenehmer Geruch! Sicherlich! Ich habe die Ehre, zu den Verehrern Ihrer Frau Gemahlin zu gehören, wie befindet sie sich. Mein Biwak steht zu Ihren Diensten!« Mit greisenhafter Zerstreutheit wandte Kutusow den Kopf zur Seite, als ob er vergessen hätte, was er zu sagen oder zu tun hatte. Dann schien er plötzlich gefunden zu haben, was er suchte, und winkte Andree Kaissarow, den Bruder seines Adjutanten, zu sich.

»Wie lauten die Gedichte Marins? Sagen Sie sie doch einmal her!« sagte er augenscheinlich in ironischer Stimmung; während Kaissarow sie deklamierte, begleitete sie Kutusow lächelnd mit Kopfnicken.

Als Peter sich wieder von Kutusow entfernte, näherte sich ihm Dolochow und reichte ihm die Hand entgegen.

»Sehr erfreut, Sie wiederzusehen, Graf«, sagte er laut und mit besonderer Feierlichkeit. »Am Abend vor dem Tag, welchen zu überleben nicht allen von uns beschieden sein wird, freue ich mich, Gelegenheit zu haben, um Ihnen zu sagen, daß ich unsere früheren Mißverständnisse bedauere und daß ich wünsche, daß Sie keinen Groll gegen mich hätten, und bitte Sie, mir zu verzeihen.«

Peter blickte Dolochow lächelnd an und wußte nicht, was er sagen sollte. Dolochow umarmte und küßte Peter unter Tränen.

Boris sprach einiges mit seinem General, dem Grafen Bennigsen, welcher sich darauf an Peter wandte und ihm vorschlug, mit ihm zusammen die Linie entlang zu reiten. Nach einer halben Stunde begab sich Kutusow nach Tatarinowo, und Bennigsen ritt mit seiner Suite, der sich Peter anschloß, die Linie entlang.

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