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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 164
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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164

Peter stieg die Anhöhe hinauf, wohin ihn der Arzt gewiesen hatte. Es war elf Uhr morgens. Die Sonne beleuchtete durch die reine, klare Luft das lebensvolle Panorama, das sich vor seinen Augen ausbreitete. Links zog sich die große Straße von Smolensk nach Moskau hin, welche ein Dorf mit seiner weißen Kirche durchschnitt, das fünfhundert Schritte weiter vorwärts, am Fuße eines Hügels lag. Das war Borodino. Ein wenig weiterhin überschritt die Straße eine Brücke und stieg noch weiter hinab, bis zum Dorf Walujew, in einer Entfernung von fünf oder sechs Kilometern. Jenseits dieses Dorfes, wo in diesem Augenblick sich Napoleon aufhielt, verschwand die Straße in einem dichten Gehölz, aus welchem in der Sonne ein vergoldetes Kreuz hervorglänzte und der Glockenturm des Klosters Kolozk. In der blauen Ferne links und rechts von dem Wald und der Straße sah man die Wachtfeuer und die Massen unserer Truppen. Rechts, längs der Kolotscha und der Moskwa erblickte das Auge eine lange Reihe von Hügeln und Terrainfalten, inmitten welcher die Dörfer Bessubowo und Sacharino liegen, sowie die rauchenden Trümmer des Dorfes Semenowskoje.

Das alles sah Peter in unbestimmten Umrissen. Es war kein Schlachtfeld, wie er es sich vorgestellt hatte, sondern offene Felder, Lichtungen, Gehölze, Dörfer, Bäche, so daß er trotz aller Mühe nicht entdecken konnte, wo in diesen lachenden Gefilden eigentlich unsere Stellung war.

»Ich muß mich darüber erkundigen«, sagte er sich und wandte sich an einen Offizier, welcher neugierig die kolossale Gestalt mit dem wenig militärischen Äußeren betrachtete.

»Unsere Stellung«, erwiderte der Offizier, »kann ich Ihnen deutlich angeben, denn ich habe alle Befestigungen erbaut. Sehen Sie, unser Zentrum ist in Borodino, dort!« Und er deutete auf das Dorf mit der weißen Kirche. »Hier ist der Übergang über die Kolotscha! Sehen Sie eine Brücke in jener kleinen Ebene mit den Heuhaufen? Das ist unser Zentrum. Unser rechter Flügel ist dort«, fuhr er fort, indem er nach dem Wald zur Rechten deutete. »Dort ist die Moskwa und dort haben wir drei starke Redouten errichtet. Unser linker Flügel ist etwas schwierig zu erklären. Gestern war er in Schewardino, wo Sie die große Eiche sehen, aber heute haben wir unseren linken Flügel zurückgezogen bis zu diesem verbrannten Dorf Semenowskoje. Gott mag wissen, ob auf diesem Punkt eine Schlacht stattfinden wird! Jedenfalls wird morgen mancher beim Verles fehlen.«

»Da kommen sie! Da kommen sie!« riefen mehrere Stimmen. Offiziere und Soldaten eilten nach der Landstraße, eine Prozession kam aus Borodino heraus, die Anhöhe herauf.

»Das ist die Mutter Gottes, unsere Beschützerin!«

»Nein, das ist die Mutter Gottes aus Smolensk«, berichtigte ein anderer.

Die Landsturmleute, die Dorfbewohner, die Erdarbeiter der Batterie, alle warfen die Schaufeln weg und liefen der Prozession entgegen. Voran marschierte Infanterie. Hinter ihr ertönten religiöse Gesänge, dann kamen die Geistlichen in ihren reichen Gewändern. Soldaten und Offiziere trugen ein großes Bild mit geschwärztem Gesicht, in Silber eingerahmt, hinter ihnen her. Das war das Heiligenbild, das man von Smolensk mitgenommen hatte. Zur Linken und Rechten drängte sich die Menge der Soldaten und Offiziere, welche sich bis zur Erde verneigten. Endlich erreichte die Prozession den Gipfel des Hügels. Die Träger des Bildes lösten sich ab, und das Tedeum begann. Ein leichter, frischer Wind spielte in den Haaren aller dieser unbedeckten Köpfe. Ein kleiner Raum hinter den Priestern war von den höheren Offizieren eingenommen. Ein kahlköpfiger General mit dem Georgenkreuz um den Hals stand starr und unbeweglich. Augenscheinlich war es ein Deutscher, denn er bekreuzigte sich nicht und schien geduldig das Ende der Gebete abzuwarten, das er aber notwendig fand, um die Stimmung der Soldaten zu heben. Peter bemerkte einige bekannte Gesichter. Als die Sänger zum zwanzigstenmal mit sichtlicher Ermüdung den Gesang anstimmten, zeigten alle Mienen tiefes Gefühl. Endlich näherte sich eine wichtige Persönlichkeit dem Bilde, für welche er sogleich eine Gasse öffnete. Es war Kutusow, der nach Tatarinowo zurückkehrte, nachdem er die Gegend betrachtet hatte. Peter erkannte ihn sofort. Er trug einen langen Mantel auf dem gewölbten Rücken. Er trat etwas schwankend ein, blieb hinter dem Priester stehen und machte mechanisch das Zeichen des Kreuzes. Dann neigte er tief seinen grauen Kopf. Er war begleitet von Bennigsen und seinem Generalstab. Ungeachtet der Anwesenheit des Oberkommandierenden, welche die Aufmerksamkeit der Generale abgelenkt hatte, beteten die Soldaten weiter, ohne sich stören zu lassen. Als die Gebete beendigt waren, trat Kutusow vor, kniete schwerfällig nieder und berührte die Erde mit seiner Stirn. Nach längeren, vergeblichen Anstrengungen, sich wieder zu erheben, gelang es ihm endlich, er spitzte die Lippen, wie die Kinder tun, und küßte das Bild. Die Generale folgten seinem Beispiel, dann die Offiziere und nach ihnen auch die Soldaten, welche einander drängten und stießen.

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