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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 161
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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161

Zu Hause angekommen, fand Peter die beiden letzten Proklamationen des Grafen Rostoptschin vor. In der einen widersprach er dem Gerücht, er habe den Einwohnern verboten, die Stadt zu verlassen. Er forderte aber die Damen des Adels und der Kaufmannschaft auf, sich nicht zu entfernen. »Denn«, sagte er sich, »das sind nur falsche Nachrichten, welche die Panik verursachen, und ich stehe mit meinem Leben dafür, daß der Bösewicht Moskau nicht erreichen wird.«

Aus dieser Proklamation schloß Peter zum erstenmal mit Sicherheit, daß die Franzosen bestimmt nach Moskau kommen würden. Die zweite Proklamation sagte, unser Hauptquartier sei bei Wjäsma, der Graf Wittgenstein habe den Feind geschlagen, und diejenigen, welche sich bewaffnen wollen, finden im Arsenal Gewehre und Säbel zu billigen Preisen.

»Was tun?« fragte sich Peter zum erstenmal. »Zur Armee gehen oder hier abwarten?« Er ergriff ein Kartenspiel, das auf dem Tisch lag. »Wir wollen eine Patience machen; wenn sie gelingt, so bedeutet das, daß . . . was wird es bedeuten?« fragte er sich, indem er die Karten legte.

Er hatte die Lösung noch nicht gefunden, als die Stimme der älteren Fürstin draußen gehört wurde, die allein noch bei ihm wohnte, nachdem die jüngeren verheiratet waren.

»Entschuldigen Sie, mein Vetter, daß ich Sie störe, aber man muß einen Entschluß fassen. Alle Welt verläßt Moskau, das Volk erhebt sich, etwas Schreckliches ist im Anzug . . . warum bleiben wir noch?«

»Im Gegenteil, Cousine, mir scheint, es geht alles vortrefflich«, erwiderte Peter in dem scherzenden Ton, den er gegen sie beobachtete, um der Verlegenheit zu entgehen, die ihm immer seine Rolle als Wohltäter verursachte.

»Wieso vortrefflich? Woraus schließen Sie das? Noch heute morgen hat mir Barbara die Taten unserer Truppen erzählt, das macht ihnen Ehre! Aber hier wird das Volk meuterisch und gehorcht nicht mehr, sogar meine Kammerzofe wird frech. Wenn das noch länger dauert, wird man nicht mehr aus der Stadt hinauskommen, und überdies werden die Franzosen sicherlich kommen . . . Warum erwarten wir sie? Ich bitte Sie, geben Sie Befehl, daß man mich so schnell als möglich nach Petersburg bringt; denn ich kann nicht hierbleiben und mich der Herrschaft Bonapartes unterwerfen.«

»Hier, lesen Sie doch diese Proklamation! Die Stadt ist ruhig, es hat keine Gefahr.«

»Ach, dieser Graf ist ein Heuchler und bringt das Volk zum Aufstand.«

Peter fuhr fort, seine Karten zu legen. Die Patience gelang, aber er ging doch nicht zur Armee und blieb in Moskau, das sich alle Tage mehr entvölkerte. Die Fürstin verließ ihn am folgenden Tage. Sein Intendant kündigte Peter an, daß das Geld für die Ausrüstung des Regiments nicht anders angeschafft werden könne als durch den Verkauf eines seiner Güter, und stellte ihm vor, diese Phantasie werde ihn ruinieren.

»Verkaufen Sie es!« erwiderte Peter lachend. »Ich kann mein Wort nicht zurückziehen!«

Die Stadt war schon halb verlassen. Julie war abgereist, sowie auch die Fürstin Marie. Von allen seinen Bekannten waren nur noch Rostows da, aber Peter besuchte sie nicht mehr.

Am 24. August abends verließ Peter Moskau. Auf der Station Perchuschkowo, wo er einige Stunden später ankam, hörte er, daß eine große Schlacht stattgefunden habe. Man erzählte, in Perchuschkowo habe die Erde gezittert während der Kanonade, aber niemand konnte ihm sagen, auf welcher Seite der Sieg geblieben war. Das war das Gefecht von Schewardino. Bei Tagesanbruch kam Peter in Moschaisk an.

Alle Häuser waren von Soldaten besetzt, in dem Gasthof fand er seinen Diener und seinen Kutscher, welche ihn erwarteten. Sechs Zimmer waren voll von Offizieren und immer neue Truppen marschierten vorüber. Überall sah man nur Infanterie, Kosaken, Reiter, Bagagewagen, Pulverwagen und Kanonen. Peter beeilte sich, seine Reise fortzusetzen. Je mehr er sich von Moskau entfernte und in diesen Ozean von Truppen eindrang, um so mehr fühlte er sich von einer Unruhe erfaßt und von jener inneren Genugtuung, die er während der Anwesenheit des Kaisers in Moskau empfunden hatte, als es sich darum handelte, ein Opfer zu bringen.

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