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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 160
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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160

Nach der Abreise des Kaisers nahm Moskau sein alltägliches Leben wieder auf und die Begeisterung der letzten Tage schien nur ein Traum gewesen zu sein. Inmitten des Schweigens, das nun folgte, schien niemand mehr an die Wirklichkeit der Gefahr zu glauben. Die Annäherung des Feindes machte die Moskauer nicht ernsthafter, sie sahen im Gegenteil ihre Situation mit wachsendem Leichtsinn an, wie es oft vor einer Katastrophe der Fall ist. Dann erheben sich in der Seele zwei Stimmen von gleicher Stärke, die eine predigt die Notwendigkeit, der bevorstehenden Gefahr ins Auge zu sehen und an Gegenmittel zu denken, die andere findet, es sei peinlich, daran zu denken, weil es dem Menschen nicht gegeben sei, dem Unvermeidlichen zu entgehen, und weil es daher einfacher sei, die Gefahr zu vergessen und vergnügt weiter zu leben bis zu dem Augenblick, wo sie eintritt. In der Einsamkeit hört man auf die erstere dieser Stimmen, die meisten aber gehorchen der zweiten, und die Moskowiter waren ein neues Beispiel dafür, denn niemals war man in Moskau so vergnügungssüchtig wie in diesem Jahr. Man las und besprach die neuesten Ankündigungen des Gouverneurs Rostoptschin, wie man einen Band neuer Gedichte bespricht. Man sagte, alle Fremden seien aus Moskau ausgewiesen, weil es Spione darunter gegeben habe. Das Regiment, welches Mamonow ausgerüstet habe, koste ihn achthunderttausend Rubel, und Besuchow werde das seinige noch mehr kosten, und es mache ihm alle Ehre, daß er die Uniform anziehen und seinem Regiment vorausmarschieren und sich von jedem gratis bewundern lassen werde.

»Sie schonen niemand«, sagte Julie Drubezkoi zu Schinschin, mit einem kleinen Knäuel Scharpie in der Hand, das sie verfertigt hatte. Sie gab eine Abschiedsgesellschaft, weil sie am nächsten Tage Moskau verlassen wollte. »Besuchow ist lächerlich«, sagte sie französisch, »aber er ist so gutmütig und liebenswürdig! Welches Vergnügen finden Sie darin, so kaustisch zu sein?«

»Sie zahlen Strafe!« rief ein junger Mann, welchen Julie ihren Chevalier nannte, und der sie nach Nishnij begleiten sollte. Man hatte sich das Wort gegeben, nicht mehr Französisch zu sprechen, und für jede Übertretung dieses Gebots mußte eine Strafe bezahlt werden.

»Sie zahlen doppelt«, sagte ein russischer Literat, »denn Sie haben einen Gallizimus begangen.«

»Ich habe gesündigt und zahle Strafe«, sagte Julie, »weil ich das Wort kaustisch gebraucht habe, aber für Gallizismen kann ich nicht verantwortlich sein, ich habe nicht Geld und Zeit genug, um, wie Fürst Galizin, russische Stunden zu nehmen. Ach, da ist er! Wenn man vom Wolf spricht –« Sie wollte das französische Sprichwort wiederholen, unterbrach sich aber lachend – »Nein, Sie sollen mich nicht fangen! – Wir sprachen von Ihnen!« rief sie Peter zu. »Wir sagten, Ihr Regiment sei ohne Widerrede schöner als das von Mamonow«, log sie mit eleganter Leichtigkeit.

»Ach, bitte sprechen Sie nicht davon«, sagte Peter, indem er ihr die Hand küßte. »Wenn Sie wüßten, wieviel Verdruß es mir verursacht!«

»Sie werden es selbst befehligen, wirklich?« fuhr Julie fort mit einem spöttischen Blick.

»O nein«, erwiderte er laut lachend, »die Franzosen wären zu sehr im Vorteil, und ich fürchte, nicht aufs Pferd klettern zu können.«

Das Gespräch berührte alle möglichen Gegenstände und kam auch auf die Familie Rostow.

»Wissen Sie«, sagte Julie, »daß ihre Umstände ganz zerrüttet sind? Der Graf ist ein Einfaltspinsel, Rasumowsky wollte ihm sein Haus und sein Gut bei Moskau abkaufen, aber die Sache zieht sich in die Länge, weil er einen zu hohen Preis verlangt.«

»Aber ich glaube«, sagte jemand, »daß der Kauf zum Abschluß kommen wird, obgleich in jetziger Zeit es eine Torheit ist, Häuser zu kaufen.«

»Warum?« fragte Julie. »Glauben Sie, daß Moskau in Gefahr sei?«

»Ja, warum reisen Sie denn ab?«

»Ich? Nun, Sie fragen seltsam! Ich reise, weil alle Welt fortreist, und weil ich keine Jungfrau von Orleans und keine Amazone bin.«

»Wenn der Graf von Rostow sich zu arrangieren versteht, so kann er alle seine Schulden bezahlen. Aber was hält ihn so lange hier zurück? Ich glaubte, er sei schon lange wieder auf dem Lande.«

»Natalie ist vollständig genesen, nicht wahr?« fragte Julie, indem sie sich mit einem maliziösen Lächeln an Peter wandte.

»Sie erwarten den jüngsten Sohn, der als Kosak in den Dienst getreten ist. Man hat ihn nach Bjelaja Zerkow gesandt, wo das Regiment gebildet wird. Die Gräfin will nicht abreisen, ohne ihn noch einmal gesehen zu haben.«

»Vor drei Tagen habe ich sie bei Acharow gefunden. Natalie ist sehr hübsch gewesen und guter Laune«, bemerkte Julie. »Sie hat ein Lied gesungen . . . Wie sich bei gewissen Leuten alles so rasch wieder verwischt!«

»Was verwischt sich denn?« fragte Peter ärgerlich.

Julie lächelte.

»Sie wissen sehr gut, Graf, daß Ritter wie Sie nur in Romanen vorkommen.«

»Ritter? Ich verstehe nicht!« sagte Peter errötend.

»O, o, Graf, sagen Sie das nicht! Ganz Moskau kennt die Geschichte. Ich bewundere Sie! Parole d'honneur.«

»Strafe! Strafe!« riefen verschiedene.

»Gut, gut«, erwiderte Julie ungeduldig. »Man kann also nicht mehr sprechen! . . . Aber Sie wissen ja, Graf, Sie wissen es!«

»Ich weiß nichts«, erwiderte Peter.

»Ich aber erinnere mich sehr gut, daß Sie mit Natalie sehr gut gestanden, während ich immer Wera vorgezogen habe.«

»Nein, gnädige Frau«, erwiderte Peter, »ich habe nicht die Rolle des Ritters der Gräfin Rostow übernommen, ich habe sie schon seit einem Monat nicht mehr gesehen.«

»Wer sich entschuldigt, klagt sich an«, erwiderte Julie. »Raten Sie, wen ich gestern abend gesehen habe! . . . Die arme Marie Bolkonsky. Sie hat ihren Vater verloren; wissen Sie es?«

»Nein. Wo wohnt sie denn? Ich werde glücklich sein, sie wiederzusehen.«

»Ich weiß nur, daß sie morgen auf ihr Gut in der Umgegend abreist und ihren Neffen dahin mitnimmt.«

»Wie befindet sie sich?«

»Sie ist sehr betrübt. Aber werden Sie erraten, wer sie gerettet hat? Es ist ein ganzer Roman . . . Nikolai Rostow! Man hatte sie umringt und wollte sie töten, nachdem man ihre Leute verwundet hatte, als er sich plötzlich in die Menge stürzte und sie befreite. Ich bin überzeugt«, bemerkte Julie französisch, »sie ist ein wenig verliebt in den jungen Mann.«

»Strafe! Strafe!« hieß es von allen Seiten.

»Aber wie hätte ich das auf russisch sagen sollen?«

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