Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Lew Tolstoi >

Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 158
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
Schließen

Navigation:

158

Kutusow hatte das Oberkommando der Armee angenommen. Er erinnerte sich des Fürsten Andree und berief ihn ins Hauptquartier. An dem Tage, als Kutusow eine große Parade abhielt, kam Fürst Andree in Zarewo-Saimischtsche an. Er setzte sich vor dem Pfarrhause auf eine Bank und erwartete Seine Durchlaucht, wie man jetzt den Obergeneral nannte. Zwei Leute von der Dienerschaft Kutusows, ein Kurier und ein Haushofmeister, benutzten einen Augenblick der Muße, um frische Luft zu schöpfen. In diesem Augenblick kam zu Pferd ein Husarenoberstleutnant von kleinem Wuchs, mit braunem Gesicht und mächtigem Schnurrbart und fragte Fürst Andree, ob hier Seine Durchlaucht wohne, und ob man ihn von der Revue bald zurückerwartete.

Andree erwiderte, er gehöre nicht zum Generalstab des Fürsten und sei erst seit wenigen Minuten hier. Der Husar wandte sich darauf an einen der Diener, welcher auf seine Frage mit der Herablassung antwortete, welche gewöhnlich die Leute des Oberkommandierenden tieferstehenden Offizieren gegenüber zeigen.

»Wer? Seine Durchlaucht? Wird gleich hier sein! Was wünschen Sie?«

Der Oberstleutnant lachte über diese Dreistigkeit, stieg vom Pferd, warf den Zügel seiner Ordonnanz zu und näherte sich grüßend Bolkonsky. Fürst Andree erwiderte seinen Gruß und machte ihm Platz neben sich auf der Bank.

»Sie erwarten auch den Oberkommandierenden?« sagte der Husar. »Man sagt, er sei zugänglich, das ist sehr glücklich! Wenn man mit diesen Wurstessern, den Deutschen, zu tun hätte, gäbe es kein Ende. Jermolow tat recht daran, als er den Kaiser bat, ihn zum Deutschen zu ernennen! Aber jetzt werden auch die Russen zum Wort kommen! Der Teufel weiß, was das werden soll mit diesen ewigen Rückzügen! Haben Sie den Feldzug mitgemacht?«

»Ich habe nicht nur dieses Vergnügen gehabt«, erwiderte Fürst Andree, »sondern auch verloren, was mir am teuersten war, meinen Vater, der aus Kummer starb, und dann auch mein Gut! Ich bin aus dem Gouvernement Smolensk.«

»Ah, Sie sind wahrscheinlich Fürst Bolkonsky? Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen! Ich bin Oberstleutnant Denissow! Ich habe davon gehört.«

Fürst Andree kannte Denissow aus den Erzählungen Natalies. Erinnerungen, welche in den letzten Monaten in seinem Gedächtnis sich verwischt hatten, erwachten aufs neue und verursachten ihm Schmerz und Freude zu gleicher Zeit. Auch in Denissow erweckte der Name Bolkonsky poetische Erinnerungen an den Abend, wo er, ohne zu wissen, wie, der kleinen, fünfzehnjährigen Natalie eine Liebeserklärung gemacht hatte. Er lachte, indem er sich an diesen Roman erinnerte, kam dann aber sogleich auf das Thema, das ihn jetzt allein interessierte. Es war ein Feldzugsplan, den er entworfen hatte, während er bei dem Vorposten stand. Er hatte ihn Barclay de Tolly übersandt und wollte ihn auch Kutusow vorlegen. Seinem Plan lagen folgende Gedanken zugrunde. Die Operationslinie der Franzosen war viel zu lang, man konnte also, während man ihrem weiteren Vorrücken sich entgegenstellte, zugleich ihre Verbindungen unterbrechen. »Sie können eine so große Operationslinie nicht halten«, sagte er sich, »mit fünfhundert Mann werde ich sie durchbrechen . . . Mein Ehrenwort, nur der kleine Krieg kann jetzt zum Ziele führen.«

Denissow hatte sich erhoben, um sein Projekt mit größter Lebhaftigkeit darzulegen, als er von den Hurrarufen und von Musik, welche näher kamen, unterbrochen wurde.

»Das ist er!« rief ein Kosak, der am Eingang des Hauses stand.

Andree und Denissow erhoben sich. Am Ende der Straße bemerkten sie Kutusow auf einem kleinen Pferd, der in Begleitung eines zahlreichen Gefolges von Generalen näher kam. Barclay de Tolly ritt neben ihm. Kutusow grüßte nach rechts und links, indem er die Hand an seine weiße Mütze ohne Schirm legte.

»Auf Wiedersehen, meine Herren«, sagte er und ritt durch die Pforte in den Hof. Mit einem Seufzer der Erleichterung ließ er sich in die Arme der Kosaken und Adjutanten gleiten, die ihn unterstützten. Als er wieder auf den Beinen war, warf er einen Blick um sich und bemerkte Fürst Andree, aber ohne ihn zu erkennen. An der Haustür sah er nochmals nach Fürst Andree, und wie es bei Greisen öfter vorkommt, brauchte er einige Augenblicke, um den Namen dieser Gestalt zu finden, die ihm aufgefallen war.

»Ach, guten Tag, Fürst! Mein Freund, komm her!« sagte er mit Anstrengung und stieg mühsam die Stufen hinauf, welche unter seinem Gewicht krachten. Dann knöpfte er die Uniform auf und setzte sich auf eine Bank.

»Was macht dein Vater?« fragte er.

»Gestern erhielt ich die Nachricht von seinem Tod«, erwiderte Fürst Andree kurz.

»Friede sei mit ihm!« rief Kutusow, nahm die Mütze ab und bekreuzigte sich. »Ich habe ihn geschätzt und geliebt«, fügte er nach kurzem Schweigen mit einem Seufzer hinzu, umarmte den Fürsten Andree und drückte ihn lange an seine breite Brust.

»Nun, komm zu mir! Wir wollen ein wenig sprechen«, sagte er.

In diesem Augenblick stieg Denissow, der in Gegenwart seiner Vorgesetzten ebenso kühn war wie vor dem Feind, entschlossen die Treppenstufen hinauf und trat auf Kutusow zu, ungeachtet der Einreden der Adjutanten, nannte seinen Namen und erklärte, er habe dem Durchlauchtigsten etwas von hoher Wichtigkeit für das Wohl des Vaterlandes vorzulegen.

Kutusow kreuzte mit verdrießlicher Miene seine Arme über der Brust und wiederholte: »Für das Wohl des Vaterlandes, sagst du? Was kann das sein? Sprich!«

Denissow errötete, aber er begann seinen Plan mit größtem Eifer zu entwickeln. Kutusow sah zur Erde und warf zuweilen einen Blick nach der gegenüberliegenden Hütte, als ob er von dort etwas Unangenehmes erwarte. Bald erschien daselbst ein General mit einer großen Mappe unter dem Arm und kam auf Kutusow zu.

»Was gibt's?« fragte Kutusow mitten in der Rede Denissows. »Schon fertig?«

»Ja, Durchlaucht«, erwiderte der General.

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort«, sagte Denissow, »daß ich die Verbindungslinie Napoleons unterbrechen werde.«

»Höre einmal«, fragte plötzlich Kutusow, »ist Ciril Denissow von der Intendantur ein Verwandter von dir?«

»Er ist mein Onkel«, erwiderte Denissow.

»Wir waren Freunde«, erwiderte Kutusow heiter. »Sehr gut, mein Freund, bleibe beim Generalstab, morgen werden wir weiter darüber sprechen.« Er verabschiedete sich mit einem Kopfnicken und griff nach den Papieren, welche Konownizin gebracht hatte.

Ein Adjutant erschien auf der Schwelle mit der Nachricht, das Zimmer für den Oberkommandierenden sei bereit.

»Nein«, erwiderte dieser, »bringt mir hierher einen kleinen Tisch, und du da, gehe nicht fort!« wandte er sich an Fürst Andree. Während der General vom Dienst den Bericht machte, wurde das Rauschen eines seidenen Kleides hörbar. Fürst Andree erblickte eine junge, hübsche Frau in rosafarbigem Kleid mit einem seidenen Tuch um den Kopf, welche ein Tragbrett in der Hand hielt. Der Adjutant erklärte Fürst Andree leise, daß das die Frau des Priesters sei, der den Durchlauchtigsten schon mit dem Kreuz in der Hand empfangen habe, sie wolle ihn mit Salz und Brot willkommen heißen.

»Sie ist sehr hübsch«, bemerkte der Adjutant lächelnd.

Verwundert über diese Worte wandte sich Kutusow um.

Der Bericht des Generals enthielt hauptsächlich eine Kritik der neuen Stellung bei Zarewo-Saimischtsche. Kutusow hörte ihn ebenso zerstreut an wie vorhin Denissow und sieben Jahre früher am Abend vor der Schlacht bei Austerlitz im Kriegsrat. Er hörte nur, weil er Ohren hatte, welche auch ohne seinen Willen hörten. Man sah, daß ihn nichts wunderte oder interessierte, daß er voraus wußte, was man ihm erzählen konnte, und daß er alles geduldig anhörte, wie man ein Tedeum anhört. Was Denissow gesagt hatte, war klug und vernünftig gewesen, was der General vom Dienst ihm vortrug, war noch klüger und vernünftiger. Aber Kutusow verachtete das Wissen und die Klugheit, denn nach seiner Ansicht mußte etwas anderes die Entscheidung bringen. Fürst Andree beobachtete aufmerksam seine Miene, welche zuerst Langeweile, dann Neugierde bei dem Rauschen des Kleides ausdrückte und endlich den Wunsch, die Gebräuche zu beobachten. Er traf nur eine Verfügung in betreff der Plünderer. Der General vom Dienst reichte ihm zur Unterschrift einen Befehl an die Korpsgenerale, für die Kriegsschäden, die die Soldaten anrichten, Entschädigung zu zahlen, infolge der Klage eines Landbesitzers, dessen Haferfeld verwüstet worden war.

»Ins Feuer! Ins Feuer damit!« rief Kutusow. »Ein für allemal, mein Freund, wirf alle Dummheiten ins Feuer! Man mag das Getreide schneiden, oder den Wald verbrennen, so viel man will! Ich werde es weder befehlen noch erlauben, aber es steht nicht in meiner Macht, es zu verhüten, noch die Leute zu entschädigen. Wenn man Balken zimmert, fliegen Späne!« Dann überflog er nochmals den Rapport. »Ach«, sagte er, »diese deutsche Kleinlichkeitskrämerei.«

 << Kapitel 157  Kapitel 159 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.