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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 157
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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157

»Ist sie hübsch? O, die meinige, die Rosafarbige, ist entzückend! Sie heißt Dunjascha!« rief Ilin, aber beim Anblick von Rostows Miene verstummte er sogleich. Er sah, daß sein Held und Chef nicht zu Scherzen aufgelegt war und sich rasch in der Richtung nach dem Dorfe zu entfernte. Alpatitsch holte ihn mit Mühe ein.

»Was haben Sie beschlossen?« fragte er ehrerbietig.

»Beschlossen!« rief der Husar, ihn mit den Fäusten bedrohend. »Die Bauern machen Aufstand, und du stehst da und siehst sie an und weißt dir keinen Gehorsam zu verschaffen! Du bist ein Verräter! Ich kenne euch alle und werde euch alle abschlachten lassen!« Darauf setzte er hastig seinen Weg wieder fort. Alpatitsch folgte ihm so gut er konnte und drängte das Gefühl unverdienter Kränkung zurück. Er sagte Rostow, es wäre gefährlich und unklug, bei der sinnlosen Hartnäckigkeit der Bauern sich auf einen offenen Kampf mit ihnen einzulassen, bevor Hilfe von der bewaffneten Macht herbeigeholt sei.

»Ich werde es ihnen zeigen!« erwiderte Rostow. Er ging in heftiger Erregung auf die Menge zu, welche sich bei der Scheune gesammelt hatte. Obgleich Rostow keinen vorbedachten Plan hatte, sah Alpatitsch doch voraus, daß dieses Ungestüm guten Erfolg haben werde. Schon während der Unterhaltung Rostows mit der Fürstin Marie hatte sich unter den Bauern Unschlüssigkeit gezeigt. Mehrere meinten, die Reiter seien wirklich Russen und werden es nicht zulassen, daß man die Fürstin mit Gewalt zurückhalte. Dron war auch dieser Ansicht und äußerte sie laut, aber Karp widersprach ihm sogleich.

»Seit wieviel Jahren hast du die Gemeinde ausgesogen?« schrie Karp. »Du hast gut reden! . . . Du hast irgendwo einen Topf mit Geld vergraben und damit gehst du davon; was kümmert's dich, wenn unsere Häuser geplündert werden?«

»Wir wissen, daß es befohlen wurde«, schrie ein anderer, »die Dörfer nicht zu verlassen und nichts fortzubringen, auch nicht ein Getreidekorn! Nun, und doch will sie dort fortfahren!«

»An deinem Sohn war die Reihe, Soldat zu werden, aber das gefiel dir nicht, und deshalb hat man meinen Iwan dafür genommen!« rief zornig ein kleiner Greis.

»Es bleibt uns nichts mehr übrig als zu sterben! . . . Ja, sterben!«

»Man hat mich noch nicht abgesetzt!« erwiderte Dron.

»Ja, ja, man hat dich noch nicht fortgejagt, aber das wird bald geschehen.«

Sobald Karp Rostow, begleitet von Ilin Lawruschka und Alpatitsch kommen sah, ging er ihnen entgegen, die Finger in den Gürtel gesteckt, mit lächelnder Miene, Dron aber verbarg sich in den hintersten Reihen.

»Heda! Wo ist der Älteste?« fragte Rostow.

»Der Älteste? Was wollen Sie von ihm?« fragte Karp. Kaum hatte er seine Worte beendigt, als er einen so heftigen Schlag erhielt, daß seine Mütze in die Luft flog.

»Die Mützen ab, ihr Halunken!« rief Rostow mit wilder Stimme. »Wo ist der Älteste?« wiederholte er.

»Der Älteste! Er fragt nach dem Ältesten! Dron, dich meint er!« sagten mehrere Stimmen, während die Mützen nacheinander abgenommen wurden.

»Wir machen keinen Aufstand, wir gehorchen den erhaltenen Befehlen«, begann Karp.

»Wir haben nach dem Rat der Alten gehandelt.«

»Ihr wagt es, mir zu antworten, Bande?« rief Rostow, indem er den großen Karp am Kragen faßte. »Da nehmt ihn und bindet ihn!«

Lawruschka sprang auf ihn zu und faßte seine Arme von hinten.

»Soll ich die Unsrigen rufen«, rief er, »welche dort am Bergabhang stehen?«

»Das ist überflüssig!« erwiderte Alpatitsch. Er rief zwei der Bauern mit Namen und befahl ihnen, ihre Gürtel abzunehmen, um den Gefangenen damit zu binden.

Die Bauern gehorchten schweigend.

»Wer ist der Älteste?« sagte Rostow.

Dron entschloß sich endlich, mit bleichem Gesicht zu erscheinen.

»Du bist's? Binde ihn auch, Lawruschka!« rief Rostow gebieterisch, als ob dieser Befehl keinem Widerstand begegnen könnte. Und wirklich traten noch zwei Bauern hervor, und Dron nahm selbst seinen Gürtel ab, um sich die Hände binden zu lassen.

»Jetzt hört ihr da«, fuhr Rostow fort, »ihr kehrt im Augenblick nach Hause zurück, und nun kein Wort mehr!«

»Wir haben nichts Böses getan, es war nur Dummheit, nichts weiter!«

Nun folgten gegenseitige Vorwürfe.

»Ich habe es vorher gesagt«, murmelten mehrere Bauern zu gleicher Zeit.

»Habe ich euch nicht gleich gesagt, daß das sehr schlecht von euch ist, Kinder?« rief Alpatitsch, welcher fühlte, daß er wieder im Vollbesitz der Gewalt war.

»Ja, Jakob Alpatitsch, wir sind dumm gewesen!« erwiderten die Bauern, und die Menge zerstreute sich ruhig, während man die Gefangenen nach dem Herrenhause führte.

Zwei Stunden später standen die Wagen angespannt vor dem Haus und die Bauern luden die Sachen auf unter Aufsicht von Dron, welcher auf die Bitte der Fürstin freigelassen worden war.

»Achtung!« rief einer der Bauern, ein junger Bursche mit einnehmender Miene seinem Genossen zu, der eine Kassette aus den Händen der Kammerzofe empfing. »Sie ist kostbar! Wirf sie nicht achtlos in eine Ecke! Siehst du so, man legt sie sorgfältig ins Heu!«

»Ach, wieviel Bücher! Wieviel Bücher!« sagte ein anderer, der einen Schrank der Bibliothek herausschleppte. »Stoßt mich nicht, Kinderchen! Himmel, wie schwer das ist! Was für schöne Bücher!«

Rostow wollte sich der Fürstin nicht aufdrängen und erwartete ihre Abreise im Dorf. Als die Wagen sich in Bewegung setzten, stieg er zu Pferd und begleitete sie zwölf Werst weit bis Jankowo, das von unseren Truppen besetzt war. Dann nahm er respektvoll Abschied von ihr und küßte ihr die Hand zum erstenmal.

»Sie beschämen mich«, erwiderte er errötend auf ihre lebhaften Dankesworte, »jeder Landpolizeimeister hätte dasselbe getan. Wenn wir nur Bauern zu bekämpfen hätten, so wäre der Feind nicht so tief ins Land gekommen«, fügte er mit etwas verlegenem Ton hinzu, um das Gespräch abzulenken. »Ich bin glücklich, die Ehre gehabt zu haben, Ihre Bekanntschaft zu machen. Leben Sie wohl, Fürstin, empfangen Sie meine besten Wünsche für die Zukunft und erlauben Sie mir, die Hoffnung auszusprechen, daß wir uns unter günstigeren Umständen wiedersehen werden.«

Die Miene der Fürstin Marie strahlte in lebhafter Erregung und Rührung. Sie fühlte, daß sie ihm den größten Dank schuldig war. Was wäre ohne ihn aus ihr geworden? Wäre sie nicht unfehlbar zum Opfer der aufständischen Bauern geworden oder den Franzosen in die Hände gefallen? Hatte er sich nicht den größten Gefahren ausgesetzt, um sie zu retten? Und welche zarte Rücksicht hatte er für ihre Lage und ihren Schmerz gezeigt! Seine guten, ehrlichen Augen hatten sich mit Tränen gefüllt, als sie mit ihm gesprochen hatte, und das Andenken daran blieb in ihrem Herzen eingegraben. Als sie ihm Lebewohl sagte, hatte sie eine seltsame Regung empfunden, und sie fragte sich, ob sie ihn nicht schon liebe. Ohne Zweifel widerstrebte es ihr, sich einzugestehen, welchen Eindruck ein Mann auf sie gemacht hatte, welcher sie vielleicht nicht einmal liebte, aber sie tröstete sich mit dem Gedanken, daß niemand es erfahren werde, und daß es kein Verbrechen sei, im geheimen das ganze Leben lang denjenigen zu lieben, der zum ersten- und letztenmal ihr Herz erregt hatte.

»Es mußte so sein, daß er nach Bogutscharowo kam, um mich zu befreien, es mußte sein, daß seine Schwester meinem Bruder absagte«, dachte sie. Sie sah den Finger Gottes in dieser Verkettung der Umstände und hegte dann ganz im Verborgenen die Hoffnung, daß dieses Glück, das sie kaum kennengelernt hatte, eines Tages Wirklichkeit werden könne.

Auch sie hatte einen milden Eindruck auf Rostow gemacht, und als seine Kameraden, welche von seinem Abenteuer Wind erhalten hatten, sich erlaubten, ihn ironisch zu beglückwünschen dafür, daß er nach Heu ausgeritten sei und dabei das Verständnis gehabt habe, eine der reichsten Erbinnen Rußlands zu entdecken, wurde er ernstlich zornig. Im Grunde seines Herzens aber gestand er sich, daß er nichts besseres wünschen könnte, als die sympathische Fürstin Marie zu heiraten. Diese Heirat konnte sein Glück und das seiner Eltern machen, und wie er unwillkürlich fühlte, auch das des sanften Wesens, das ihn seinen Retter nannte. Und andererseits hätte ihr großartiges Vermögen auch die Möglichkeit geboten, auch das Vermögen seines Vaters wiederherzustellen. Aber Sonja – der er sein Wort gegeben hatte? Die Erinnerung daran war es eben, was ihn so aufbrachte, wenn seine Kameraden über seinen Streifzug nach Bogutscharowo scherzten.

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