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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 156
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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156

Am 17. August machten Rostow und Ilin, begleitet von einer Ordonnanz und Lawruschka, einen Streifzug in der Nähe von Bogutscharowo, um die Pferde zu versuchen, welche Ilin gekauft hatte, und um nach Heu in der Nachbarschaft zu suchen. Seit drei Tagen standen die beiden Armeen in gleicher Entfernung von Bogutscharowo. Die russischen und französischen Vorposten konnten jeden Augenblick dort zusammentreffen. Rostow wünschte die Vorräte, welche sich wahrscheinlich dort befanden, für sein Regiment zu sichern.

Rostow und Ilin versprachen sich überdies in heiterster Laune, sich mit den hübschen Kammerzofen zu amüsieren, welche wahrscheinlich in dem Landhause zurückgeblieben waren. Rostow ahnte nicht, daß dasselbe dem früheren Bräutigam seiner Schwester gehörte. Sie setzten ihre Pferde in Trab und erreichten bald die Scheune, um welche eine Anzahl Bauern sich gesammelt hatte. Einige derselben zogen die Mützen ab, andere gafften sie nur neugierig an. Zwei große, alte Bauern, deren faltige Gesichter einen dünnen Bart trugen, kamen in diesem Augenblick aus der Schenke und näherten sich laut singend den Offizieren.

»Wer seid ihr?« fragte der eine Bauer.

»Wir sind Franzosen«, erwiderte Ilin lachend, »und dieser da ist Napoleon!« Er deutete auf Lawruschka.

»A bah, ihr seid Russen!« sagte der andere.

»Seid ihr hier in großer Stärke?« fragte ein anderer.

»Ja, in sehr großer Stärke«, erwiderte Rostow. »Aber was macht ihr denn da? Habt ihr heute Feiertag?«

»Die Alten haben heute Gemeindeversammlung«, erwiderte der Bauer.

In diesem Augenblick kamen zwei Frauen und ein Mann mit einem weißen Hut auf dem Kopf vom Herrenhaus her.

»Die Rosafarbige gehört mir! Wehe dem, der sie anrührt!« rief Ilin, als er bemerkte, daß eine der beiden Frauen dreist auf ihn zukam. Dies war Dunjascha.

»Sie gehört uns!« sagte Lawruschka, indem er Ilin ein Zeichen machte.

»Was wünschen Sie, meine Schöne?« fragte Ilin lachend.

»Die Fürstin möchte den Namen Ihres Regiments und den Ihrigen erfahren.«

»Hier ist der Graf Rostow, Rittmeister, und ich bin Ihr ganz untertänigster Diener.«

Dunjascha wurde von Alpatitsch begleitet, der schon die Mütze abgenommen hatte.

»Darf ich wagen, Euer Wohlgeboren zu stören?« fragte er, indem er die Hand in seine Weste steckte mit einem Anflug von Geringschätzung, die wahrscheinlich durch die große Jugend des Offiziers hervorgerufen wurde. »Meine Herrin, die Tochter des Generals, Fürsten Nikolai Bolkonsky, der soeben gestorben ist, befindet sich in einer schwierigen Lage, infolge der Wildheit dieser Tiere«, fügte er hinzu, indem er auf die Menge Bauern deutete, die sie umgab. »Sie läßt Sie bitten, sie zu besuchen. Es sind nur wenige Schritte.«

»Nun, was geht hier vor?« rief Rostow, lachend nach den betrunkenen Bauern hinüberblickend.

»Ich habe die Ehre, Euer Exzellenz mitzuteilen, daß diese groben Menschen ihrer Herrin nicht erlauben wollen, das Gut zu verlassen, daß sie drohen, die Pferde auszuspannen. Alles ist eingepackt seit heute morgen, die Fürstin aber kann sich nicht auf den Weg begeben.«

»Unmöglich!« rief Rostow.

»Es ist die reine Wahrheit, Exzellenz!«

Rostow stieg vom Pferde, übergab es seiner Ordonnanz und ging mit Alpatitsch auf das Haus zu, indem er ihn nach den Einzelheiten fragte. Es erwies sich, daß Dron sich entschieden auf die Seite der ungehorsamen Bauern gestellt und die Schlüssel dem Verwalter zurückgegeben hatte, sich aber weigerte, vor ihm zu erscheinen. Als die Fürstin befohlen hatte, die Pferde einzuspannen, hatten sich die Bauern zusammengerottet und ihr sagen lassen, sie würden sie wieder ausspannen, und sie dürfe nicht abreisen, denn es sei verboten, die Wohnung zu verlassen. Vergebens hatte Alpatitsch versucht, sie zur Vernunft zu bringen. Dron war unsichtbar, aber ein anderer Anführer, Karp, hatte erklärt, sie würden die Abreise der Fürstin nicht zulassen, sie würde den erhaltenen Befehlen zuwiderlaufen, aber wenn sie bleibe, so werden sie, wie bisher, ihr dienen und gehorchen. Die Fürstin hatte jedoch beschlossen, trotz der Vorstellungen von Alpatitsch, der alten Amme und ihrer Dienstleute, um jeden Preis abzureisen, und befohlen, einzuspannen, als plötzlich Rostow und Ilin im Galopp auf der Landstraße herankamen. Alles verlor den Kopf, da man sie für Franzosen hielt, die Kutscher liefen davon, und das ganze Haus war in Verzweiflung. Rostow wurde als Befreier empfangen.

Als er in den Salon trat, war Marie im ersten Augenblick kaum imstande, zu begreifen, wer er sei, aber an seinem Äußeren und seinem ganzen Wesen bemerkte sie sogleich, daß er der feinen Gesellschaft angehörte.

»Welche seltsame Fügung des Schicksals führt mich zu diesem verlassenen und vom Schmerz niedergedrückten Mädchen, das schutzlos den aufständischen Bauern gegenübersteht?« dachte Rostow.

Sie richtete ihre leuchtenden Augen auf ihn und erzählte ihm mit zitternder Stimme, was nach dem Tode ihres Vaters vorgefallen war. Die Aufregung überwältigte sie, aber als sie in den Augen des jungen Offiziers Tränen glänzen sah, richtete sie einen ihrer tiefen, milden Blicke auf ihn, die ihre Häßlichkeit sogar vergessen machten.

»Ich kann Ihnen nicht sagen, Fürstin, wie sehr ich dem Zufall dankbar bin, der mich hierhergeführt hat! Wenn Sie abreisen wollen, so verspreche ich Ihnen auf meine Ehre, daß niemand es wagen wird, sich im geringsten feindlich gegen Sie zu zeigen. Bewilligen Sie mir nur die Erlaubnis, Sie zu begleiten!« Er grüßte sie mit einer Hochachtung, als ob sie eine Prinzessin des kaiserlichen Hauses gewesen wäre, und wandte sich der Tür zu. Durch diese Hochachtung schien er auszudrücken, daß er glücklich wäre, nähere Bekanntschaft mit ihr zu machen, daß aber sein Zartgefühl ihm nicht erlaube, ihren Schmerz und ihre Verlassenheit zu benutzen, um die Unterhaltung fortzusetzen. So faßte Marie sein Benehmen auf.

»Ich bin Ihnen sehr dankbar«, erwiderte sie französisch. »Ich hoffe, daß das alles nur ein Mißverständnis ist, und daß Sie keine Schuldigen vorfinden werden!« Sie brach in Tränen aus.

Rostow verließ den Saal nach einer tiefen Verbeugung.

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