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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 155
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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155

Bogutscharowo war bei seinem alten Herrn niemals beliebt gewesen. Die Bauern dieses Gutes waren verschieden von denen in Lysy Gory in ihrer Sprache, Kleidung und ihren Sitten. Sie nannten sich Steppenbewohner. Der Fürst schätzte sie als fleißige Arbeiter und ließ sie oft nach Lysy Gory zur Ernte kommen, aber er liebte sie nicht wegen ihres scheuen Wesens. Die Reformen des Fürsten Andree während seines Aufenthaltes in Bogutscharowo, die Hospitäler und Schulen, die er erbaut hatte, die Verminderung der Fronabgaben hatten ihr scheues Wesen nicht gemildert. Seltsame Gerüchte fanden bei ihnen immer Glauben. Bald erzählte man, die ganze Bevölkerung sei den Kosaken zugeschrieben worden, man werde eine neue Religion bei ihnen einführen; oft sprachen sie auch von der Freiheit, die der Kaiser Paul im Jahre 1707 ihnen gegeben und welche die Herren wieder weggenommen hätten. Der Krieg mit Napoleon und der feindliche Einfall hatte sich mit ihren konfusen Ideen vom Antichristen, vom Ende der Welt und von unbegrenzter Freiheit in ihrer Phantasie vermischt. Geheimnisvolle Strömungen des Volkslebens, dessen Quellen uns oft verborgen bleiben, erlangten hier eine ganz besondere Kraft. Zwanzig Jahre früher zum Beispiel waren die Bauern von Bogutscharowo, durch andere verleitet, in Massen ausgewandert, wie Zugvögel. Sie zogen nach Südosten, wo es Flüsse geben sollte, deren Wasser beständig warm war. Hunderte von Familien verkauften alles, was sie besaßen, und verließen ihre Heimat. Manche hatten sich losgekauft, andere waren entflohen. Viele dieser Unglücklichen wurden grausam bestraft und nach Sibirien geschickt, andere kamen unterwegs durch Hunger und Kälte um, die übrigen kamen nach Bogutscharowo zurück, und die Bewegung hörte auf, wie sie begonnen hatte, ohne erkennbare Ursache. Jetzt herrschte eine ähnliche Gärung unter den Bauern. Sie wurden durch geheimnisvolle Einflüsse heftig erregt, die nur eine günstige Gelegenheit erwarteten, um sich mit neuer Heftigkeit zu äußern.

Alpatitsch war in Bogutscharowo wenige Tage vor dem Tode des alten Fürsten als Verwalter eingesetzt worden und bemerkte eine gewisse Aufregung unter den Bauern. Es hieß, die Kosaken zerstörten die Dörfer, welche von ihren Einwohnern verlassen wurden, während die Franzosen sie schonten. Alpatitsch wußte auch, daß ein anderer Bauer aus dem benachbarten Städtchen eine französische Proklamation mitgebracht hatte, worin gesagt war, die Franzosen werden alles bar bezahlen. Dabei zeigte er die Hundertrubelscheine vor, welche er für sein Heu erhalten hatte, er wußte aber nicht, daß das Papiergeld gefälscht war.

Was aber das Wichtigste war – Alpatitsch erfuhr, daß die Bauern beschlossen hatten, die verlangten Pferde nicht zu stellen und das Dorf nicht zu verlassen. Und doch war keine Zeit zu verlieren. Seit dreißig Jahren war Dron Ältester von Bogutscharowo. Dron war eine jener in moralischer wie in physischer Beziehung starken Naturen, welche, einmal erwachsen, siebzig Jahre alt werden ohne ein weißes Haar, ohne Zähne zu verlieren, ebenso stark und rüstig wie mit dreißig Jahren. Niemals war er krank oder betrunken gewesen, niemals war nach harter Arbeit und schlaflosen Nächten Ermüdung an ihm zu bemerken. Er verstand nicht zu lesen und zu schreiben, aber niemals täuschte er sich in seinen Rechnungen. Dieser Dron erhielt also von Alpatitsch den Auftrag, zwölf Pferde für die Wagen der Fürstin Marie und achtzehn bespannte Karren für den Transport ihrer Sachen zu stellen.

Aber Dron erwiderte, es seien keine Pferde da. Die einen hätten sie an die Krone vermietet und den anderen Bauern seien viele durch Anstrengung und schlechte Nahrung gefallen, es sei ganz unmöglich, die verlangten Pferde zusammenzubekommen.

Erstaunt und aufmerksam betrachtete Alpatitsch Dron. Er war ebenso vortrefflich als Verwalter wie Dron als Ältester und begriff sofort, daß diese Antwort nicht die Ansicht Drons, sondern die der Gemeinde ausdrückte.

»Höre, Dron«, sagte er, »mach keine Dummheiten! Der Fürst Andree hat mir befohlen, euch alle fortzuschaffen, damit ihr nicht mit dem Feind gemeinschaftliche Sache macht. Es ist sogar ein kaiserlicher Befehl da, wer bei dem Feind zurückbleibt, ist ein Verräter. Verstehst du?«

»Ich verstehe«, erwiderte Dron, ohne die Augen aufzuschlagen. Doch Alpatitsch war damit nicht zufrieden.

»Dron, es wird schlimm«, fuhr er fort. »Ich sage dir, sei nicht eigensinnig! Ich durchschaue dich durch und durch, bis drei Ellen unter den Fußboden. Also sage ihnen, sie sollen sich auf den Weg nach Moskau machen, und die Fahrzeuge müssen morgen bereit sein.«

»Was soll ich machen?« erwiderte Dron. »Die Leute nehmen nicht Verstand an, was ich ihnen auch sagen mag.«

»Gut, also höre, ich gehe zum Landpolizeimeister, und du gehst zu den Bauern und sagst ihnen, sie sollen nicht mehr an solche Dummheiten denken und die Wagen liefern.«

»Gut«, erwiderte Dron.

Alpatitsch sprach nicht weiter über die Sache. Er wußte, daß es das beste Mittel war, diese Leute zu regieren, die Möglichkeit eines Widerstandes gar nicht zuzugestehen. Er schien also von Drons anscheinender Fügsamkeit befriedigt zu sein, machte sich aber bereit, ohne ein Wort darüber zu sprechen, die obrigkeitliche Gewalt herbeizurufen.

Der Morgen kam, aber die Wagen nicht. Eine lärmende Versammlung vor der Dorfschenke hatte beschlossen, keine Wagen zu liefern und alle Pferde in den Wald zu schicken. Alpatitsch gab Befehl, die Wagen, welche seine Sachen von Lysy Gory herübergebracht, abzuladen und seine Pferde für die Fürstin bereitzuhalten.

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