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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 154
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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154

Die Fürstin Marie befand sich nicht in Moskau in Sicherheit, wie Fürst Andree glaubte. Als Alpatitsch aus Smolensk zurückkam, erwachte der Fürst wie aus einer Betäubung. Er versammelte den Landsturm und schrieb dem Obergeneral, er sei entschlossen, in Lysy Gory zu bleiben und es aufs äußerste zu verteidigen, und er überlasse es ihm, Maßregeln zum Schutze eines Ortes zu ergreifen, wo einer der ältesten russischen Generale gefangengenommen oder getötet werden werde, oder nach seinem Belieben dies zu unterlassen. Dann kündigte er feierlich dem ganzen Hause seine Absicht an, Lysy Gory nicht zu verlassen. Seine Tochter sollte den kleinen Fürsten nach Bogutscharowo mit sich nehmen, und er traf sogleich Anordnungen für ihre Abreise mit Desalles. Die Fürstin Marie war durch diese fieberhafte Tätigkeit beunruhigt und konnte sich nicht entschließen, den alten Fürsten allein zu lassen. Zum erstenmal in ihrem Leben erlaubte sie sich, ungehorsam zu sein. Ihre Weigerung, abzureisen, hatte eine sehr heftige Szene zur Folge. Der alte Fürst überhäufte sie mit den schrecklichsten Vorwürfen. Sie habe sein Dasein vergiftet, ihn mit seinem Sohn entzweit und ihn abscheulich verleumdet, schrie er, sie solle sein Zimmer verlassen und machen, was sie wolle, er wolle sie nicht mehr kennen, und sie solle sich vor seinen Augen nicht wieder zeigen. Die Fürstin Marie war froh, daß sie nicht mit Gewalt in einen Wagen gesetzt und fortgefahren wurde, und sah darin einen unverkennbaren Beweis dafür, daß ihr Entschluß, bei ihm zu bleiben, ihn sehr befriedigte. Am Tage nach der Abreise seines Enkels zog der alte Fürst seine große Uniform an und machte sich auf den Weg, den Obergeneral aufzusuchen. Sein Wagen war vorgefahren. Marie bemerkte, wie er, ganz mit Orden bedeckt, nach einer Allee des Gartens ging, um dort die Bauern und die Dienerschaft, die er bewaffnet hatte, zu besichtigen. An ihrem Fenster sitzend, hörte sie gespannt auf die Befehle, die er gab, als plötzlich einige Leute mit bestürzten Gesichtern auf das Haus zugelaufen kamen. Sie eilte sogleich hinaus in die Allee und erblickte einen Haufen von Bauern und inmitten derselben den alten Fürsten, welcher, unterstützt von einigen Leuten, sich mühsam nach dem Hause schleppte. Als sie näher kam, war sie tief ergriffen. Seine harte, entschlossene Miene hatte einen Ausdruck von Kraftlosigkeit und Unterwürfigkeit angenommen. Beim Anblick seiner Tochter bewegte er seine Lippen, aus welchen rauhe, unverständliche Töne hervorkamen. Man trug ihn in sein Kabinett und legte ihn auf den Diwan.

Der Arzt, welcher aus der Stadt geholt wurde, pflegte ihn die ganze Nacht und erklärte, die rechte Seite sei durch einen Schlag gelähmt worden. Der Aufenthalt in Lysy Gory wurde mit jedem Augenblick gefährlicher, deshalb ließ Marie den Kranken nach Bogutscharowo bringen und schickte ihren Neffen nach Moskau unter der Obhut von Desalles.

Der alte Fürst brachte drei Wochen im Hause seines Sohnes zu, immer in demselben Zustand. Er lag regungslos in halber Bewußtlosigkeit da und murmelte zuweilen unverständliche Worte. Es war nicht zu verstehen, ob er von Familienangelegenheiten oder von politischen Ereignissen sprechen wollte.

Der Arzt sagte, diese Aufregung habe nichts zu bedeuten und rühre von physischen Ursachen her, aber die Fürstin Marie war vom Gegenteil überzeugt, und die Unruhe, die der Kranke zeigte, wenn sie zugegen war, bestärkte sie darin.

Es war keine Hoffnung auf Genesung mehr, und es war unmöglich, ihn weiterzubringen, da man befürchtete, daß er unterwegs sterben würde.

»Wäre das Ende nicht besser als dieser Zustand?« sagte sich zuweilen Marie. Zu ihrem Schrecken konnte sie sich nicht verhehlen, daß alle ihre Hoffnungen, die sie seit so vielen Jahren vergessen hatte, plötzlich wieder erwachten, daß sie an ein unabhängiges Leben, voll neuer Freude, frei von dem Joch der väterlichen Tyrannei, dachte. Die Möglichkeit, zu lieben und endlich das eheliche Glück zu genießen, schwebte ihr beständig in ihrer Einbildungskraft vor wie Dämonen der Versuchung. Dann war das Gebet ihr einziger Trost. Jetzt war der Aufenthalt in Bogutscharowo auch nicht mehr ungefährlich, die Franzosen näherten sich, und ein benachbartes Gut war bereits von Plünderern heimgesucht worden. Der Arzt bestand darauf, den Kranken fortzubringen, der Adelsmarschall schickte einen seiner Leute, um die Fürstin Marie zu schneller Abreise zu mahnen. Auch der Landpolizeimeister kam persönlich, um ihr mitzuteilen, daß die französischen Truppen schon auf vierzig Werst nahegekommen seien. In den Dörfern seien schon feindliche Proklamationen verbreitet worden, und er könne für nichts stehen, wenn sie nicht sofort abreisen würde.

Sie entschloß sich endlich, am 15. September abzureisen. Die Vorbereitungen hatten sie den ganzen 14. beschäftigt, und sie verbrachte die folgende Nacht, wie gewöhnlich, ohne sich zu entkleiden, in einem Zimmer neben dem ihres Vaters. Sie konnte nicht schlafen und näherte sich immer wieder der Tür, um zu horchen. Sie hörte, wie er stöhnte, während Tichon und der Arzt seine Lage veränderten. Noch nie zuvor hatte sie so tiefes Mitleid empfunden. Eine Veränderung war in ihr vorgegangen, jetzt fürchtete sie, ihn zu verlieren, und erinnerte sich an zahlreiche Beweise seiner Zuneigung für sie während der gemeinschaftlich verlebten, langen Jahre. Sie verscheuchte die Phantasiebilder ihres zukünftigen Lebens wie Einflüsterungen des bösen Geistes. Endlich, als sie kein Geräusch bei dem Kranken mehr hörte, schlief sie erschöpft bis zum Morgen.

»Also immer dasselbe«, sagte sie sich, erwachend. »Was wünsche ich denn? Seinen Tod!« rief sie mit Abscheu. Sie kleidete sich hastig an, betete und ging auf die Terrasse hinaus. Man spannte die Pferde an den Wagen und lud die letzten Sachen auf. Es war mildes Wetter. Der Arzt näherte sich der Fürstin.

»Er sieht heute morgen etwas besser aus! Ich habe Sie gesucht. Man kann ihn ein wenig verstehen. Kommen Sie, er fragt nach Ihnen!«

Der Kranke lag aufgerichtet, von Kissen unterstützt. Marie näherte sich ihm und küßte seine Hand. Die linke Hand ihres Vaters drückte sogleich die ihrige, augenscheinlich hatte er sie erwartet. Erschreckt blickte sie ihn an. Was wünschte er? Er beruhigte sich sogleich und machte eine verzweifelte Anstrengung, zu sprechen. Die Zunge bewegte sich etwas, es folgten einige unverständliche Laute und endlich sprach er einige Worte, indem er seine Tochter bittend und furchtsam ansah. Mehrmals wiederholte er dieselben Silben, aber es war unmöglich, sie zu verstehen. Endlich glaubte der Arzt zu erraten, daß er fragte, ob sie Furcht habe, und wiederholte dies laut, aber der Kranke schüttelte verneinend den Kopf. »Ich denke immer an dich«, sagte er endlich, beinahe deutlich. »Ich habe dich die ganze Nacht gerufen.«

»Wenn ich gewußt hätte . . .« erwiderte sie.

»Hast du nicht geschlafen?« fragte er.

»Nein«, erwiderte sie.

»Mein Seelchen!« murmelte er, »mein Seelchen!«

Sie konnte das Wort kaum verstehen, aber sein Blick sagte ihr, daß er einen zärtlichen Ausdruck ausgesprochen hatte, was nie bei ihm vorgekommen war.

»Warum bist du nicht gekommen?«

»Und ich habe seinen Tod gewünscht!« sagte sie zu sich selbst.

»Danke, meine Tochter, meine Freundin, danke für alles! . . . Vergib! – Danke!« Zwei Tränen glänzten in seinen Augen. »Schreibe Andree, er soll kommen!«

»Ich habe einen Brief von ihm erhalten«, erwiderte Marie.

»Wo ist er denn?« fragte der Fürst erstaunt.

»Bei der Armee, bei Smolensk.«

Lange schwieg er, dann öffnete er die Augen. »Ja«, sagte er langsam und deutlich, »Rußland ist verloren! Sie haben es zugrunde gerichtet!« Und er schluchzte.

Er machte mit der Hand eine Bewegung, deren Sinn Tichon verstand. Er wischte ihm die Tränen ab. Während der alte Fürst von seinem Sohn, vom Krieg, vom Kaiser sprach, zornig die Augenbrauen zusammenzog und seine heisere Stimme immer lauter wurde, war er plötzlich von einem zweiten und letzten Schlag gerührt worden.

Das Wetter hatte sich aufgeheitert, die Sonne strahlte in ihrer ganzen Pracht, aber Marie sah nichts, vermochte an nichts zu denken. Ihr einziges Gefühl war eine verdoppelte Zärtlichkeit für ihren Vater, den sie nie so geliebt hatte wie in diesem Augenblick. Sie stieg die Treppe von der Terrasse hinab und schritt rasch durch die Lindenallee nach dem Teich. Ja, ich habe seinen Tod herbeigewünscht«, sagte sie laut in heftiger Aufregung, »um Ruhe zu finden.« Sie ging durch den Garten und als sie wieder zum Hause zurückkam, sah sie, wie Mademoiselle Bourienne mit einem Unbekannten ihr entgegenkam. Es war der Adelsmarschall, welcher ausdrücklich gekommen war, um Marie die Notwendigkeit sofortiger Abreise dringend vorzustellen. Sie hörte ihn an, ohne zu verstehen, lud ihn ein, in den Speisesaal zu treten und zu frühstücken, sofort aber erhob sie sich wieder aufgeregt und unruhig, entschuldigte sich und eilte in das Zimmer ihres Vaters. Der Arzt erschien an der Schwelle.

»Sie können nicht eintreten, Fürstin, gehen Sie!« sagte er mit Entschiedenheit.

Sie kehrte in den Garten zurück und setzte sich an den Rand des Teiches. Man konnte sie dort vom Hause aus nicht bemerken. Sie wußte nicht, wie lange Zeit sie dort gesessen hatte, bis sie endlich plötzlich aus ihrer Träumerei erweckt wurde durch Schritte, die sich auf dem Kiesweg näherten. Es war Dunjascha, ihre Kammerzofe, die man nach ihr ausgesandt hatte.

»Kommen Sie«, rief sie, »der Fürst . . .«

»Gleich, gleich«, erwiderte Marie und eilte auf das Haus zu.

»Fürstin«, sagte der Arzt, der sie am Eingang erwartete, »der Wille Gottes ist erfüllt. Fassen Sie sich!«

»Es ist nicht wahr! Lassen Sie mich!« rief sie in heftiger Angst.

Der Arzt suchte sie zurückzuhalten, aber sie drängte sich vorüber.

»Warum hält man mich zurück? Warum diese erschreckten Gesichter . . .?«

Sie trat in das Zimmer ihres Vaters. Die alte Amme und noch einige Frauen, die das Bett umgaben, traten bei ihrem Anblick zurück, und sie erblickte das strenge, aber ruhige Gesicht des Toten.

»Nein, es ist nicht möglich!« rief sie.

Sie überwand ihren Schrecken, näherte sich dem Totenbett und drückte ihre Lippen auf die Wange ihres Vaters. Aber bei dieser Berührung zitterte sie und schrak zurück. Alle Liebe, die sie empfunden hatte, war verschwunden und einem Gefühl des Abscheus und der Furcht gewichen.

»Er ist nicht mehr! Er ist nicht mehr, und an seiner Stelle ist etwas Schreckliches, ein entsetzliches Geheimnis erschienen, das mich zurückstößt und erstarren macht«, murmelte sie. Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen und fiel bewußtlos in die Arme des Arztes, der ihr gefolgt war.


Der Leichnam wurde gewaschen und mit seiner Uniform bekleidet, und alle Orden wurden auf einem kleinen Tisch neben der Leiche niedergelegt. Wie durch Zauberei war der Sarg am Abend bereit, man bedeckte ihn mit dem Leichentuch, Kerzen wurden angezündet, man streute Wacholderzweige auf den Fußboden aus, und der Diakon begann Psalmen zu lesen. Viele Nachbarn und sogar Fremde waren gekommen und umgaben den Sarg, zitternd wie Pferde, welche schnauben und sich bäumen beim Anblick eines toten Pferdes. Der Adelsmarschall, der Dorfälteste und die Dienstleute des Hauses bekreuzigten und verbeugten sich mit starren Augen und schreckerfüllten Gesichtern vor dem Sarg und küßten die kalte steife Hand des alten Fürsten.

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