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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 153
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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153

Die Truppen setzten den Rückzug von Smolensk aus fort, vom Feind verfolgt. Am 10. August kam das Regiment des Fürsten Andree in der Nähe von Lysy Gory an. Eine drückende Hitze und Trockenheit herrschte schon seit drei Wochen. Das Getreide, welches nicht geschnitten wurde, vertrocknete auf dem Feld, und vergebens suchten die Kühe, vor Hunger brüllend, einige Gräschen auf den Feldern und an den ausgetrockneten Teichen. Auf den staubigen Straßen marschierten die Truppen in dichten Staubwolken von Tagesanbruch an, Wagen und Kanonen fuhren in der Mitte der Straßen, während die Infanterie sich an den Seiten hielt. Der Staub drang in die Nase, Augen und Lungen von Menschen und Tieren. Die Sonne war nur wie eine feurige Kugel durch den dichten, staubigen Dunst sichtbar. In allen Dörfern stürzten die Leute nach den Brunnen und schlugen sich um einen Tropfen schmutzigen Wassers.

Fürst Andree suchte nach Kräften für sein Regiment zu sorgen, aber jetzt erschien ihm alles in einem düsteren Licht. Smolensk hätte man nach seiner Ansicht verteidigen können und müssen. Sein Vater war krank und zur Flucht gezwungen aus diesem Lysy Gory, das der alte Fürst gebaut hatte und das er über alles liebte. Zum Glück wurde Fürst Andree durch die Sorge für sein Regiment von diesen düsteren Gedanken abgezogen. Rasch näherten sich die Franzosen Moskau. Thiers, der Geschichtsschreiber Napoleons, sucht die Fehler seines Helden zu verdecken, indem er behauptet, er sei gegen seinen Willen bis vor Moskau geführt worden, als ob die Ereignisse dieser Welt von dem Willen eines einzigen Menschen abhängen. Unsere Geschichtsschreiber hätten mit demselben Recht behaupten können, Napoleon sei durch die Geschicklichkeit unserer Generale nach Moskau gelockt worden. Der Verlauf des Krieges aber wird nicht von einem einzigen Willen gelenkt, sondern er ist das Resultat der Reibung und des Zusammenstoßes von tausend verschiedenen Willen und Leidenschaften, welche daran beteiligt sind.

Nachdem Napoleon Smolensk verlassen hatte, versuchte er vergebens bei Dorogobusch an der Wjäsma, dann bei Zarewo-Saimischtsche den Feind einzuholen und zum Stehen zu bringen. Verschiedenen Umständen zufolge konnten die Russen erst bei Borodino, erst hundertzwölf Werst vor Moskau, eine Schlacht annehmen. In Wjäsma gab Napoleon Befehl, gerade auf Moskau, die asiatische Hauptstadt des großen Reiches, zu marschieren. Moskau mit seinen zahllosen Kirchen erregte seine Phantasie. Er verließ Wjäsma auf seinem kleinen, isabellafarbigen Pferd, begleitet von seiner Garde, seinen Adjutanten und Pagen. Berthier, der Generalstabschef, war zurückgeblieben, um einen russischen Gefangenen durch einen Dolmetscher verhören zu lassen, und holte dann mit freudestrahlendem Gesicht seinen Herrn wieder ein.

»Was gibt es?« fragte Napoleon.

»Ein Kosak, den man gefangen hat, sagt, die Truppen Platows vereinigen sich mit der Hauptarmee, und Kutusow sei zum Obergeneral ernannt worden. Der Bursche ist sehr gesprächig und scheint intelligent zu sein.«

Napoleon lächelte, befahl, dem Kosaken ein Pferd zu geben und ihn herzuführen, um das Vergnügen zu haben, ihn selbst zu verhören. Einige Adjutanten galoppierten davon, um den Befehl auszuführen, und einen Augenblick darauf erschien unser alter Bekannter Lawruschka, Rostows Diener, im Anzug eines Offizierburschen zu Pferd, auf einem französischen Kavalleriesattel. Napoleon ließ ihn neben sich reiten, um ihn zu befragen.

»Du bist Kosak?« fragte er.

»Ja, Euer Wohlgeboren.«

»Der Kosak wußte nicht, in welcher Gesellschaft er sich befand – denn das einfache Wesen Napoleons entsprach nicht seiner Vorstellung von einem Selbstherrscher« – erzählt Monsieur Thiers, »und sprach mit der größten Zutraulichkeit über den Krieg.«

Lawruschka war etwas angetrunken. Er war am Tage vorher von seinem Herrn durchgeprügelt worden, weil er nicht rechtzeitig für Mittagessen gesorgt hatte. Deswegen war er in ein Dorf gegangen, um Hühner zu stehlen und war dabei von den Franzosen erwischt worden. Lawruschka hatte viel in seinem Leben gesehen und war eine jener dreisten, aufgeweckten Naturen, welche stets zu allen möglichen Verlogenheiten und Täuschungen bereit sind.

Er hatte Napoleon sofort erkannt und suchte sich dessen Gunst zu sichern, ohne sich im geringsten einschüchtern zu lassen.

Er erzählte, was er von seinen Kameraden gehört hatte, aber als Napoleon ihn fragte, ob die Russen Bonaparte zu besiegen glaubten, witterte er eine Schlinge in dieser Frage und überlegte mit zusammengezogenen Augenbrauen.

»Wenn es bald eine Schlacht gibt«, erwiderte er, »dann ist es möglich, aber wenn drei Tage vorübergehen, ohne daß es zur Schlacht kommt, so zieht es sich in die Länge.«

Dieser sibyllinische Ausspruch wurde vom Dolmetscher dem Kaiser übersetzt wie folgt: »Wenn die Schlacht vor Ablauf von drei Tagen geliefert werde, so werden die Franzosen gewinnen, aber wenn sie später stattfinde, so könne Gott wissen, wie es kommen werde.«

Napoleon, der sich in vortrefflicher Laune befand, hörte dieses Orakel, ohne zu lachen, an und ließ es sich wiederholen. Lawruschka bemerkte es und stellte sich noch immer, als ob er nicht wisse, mit wem er spreche.

»Wir wissen wohl, daß ihr einen großen Napoleon habt, der die ganze Welt besiegt hat, aber bei uns wird ihm das nicht so leicht werden«, sagte er.

»Die Antwort des Kosaken machte den Kaiser lachen«, erzählt Monsieur Thiers. Er machte einige Schritte vorwärts, lachend sagte er zu Berthier, er wünsche den Eindruck zu sehen, den auf diesen Steppensohn die Nachricht machen werde, daß er mit dem Kaiser spreche, mit demselben Kaiser, der auf die Pyramiden seinen siegreichen Namen geschrieben hatte.

Als man das Lawruschka sagte, erriet dieser sogleich, daß Napoleon erwarte, ihn vor Schrecken starr zu sehen, und spielte seine Rolle sehr gut. Er verdrehte die Augen und machte ein ganz verdutztes Gesicht mit dem Ausdruck, der ihm gewohnt war, wenn er zur Strafe für irgendein Vergehen einige Rutenstreiche erhalten sollte. Napoleon beschenkte ihn, entließ ihn und setzte seinen Weg fort, nur von dem Gedanken an dieses Moskau erfüllt, während Lawruschka zu dem Vorposten zurückkehrte und über die phantasievolle Geschichte nachdachte, die er seinen Kameraden erzählen wollte. Es genügte ihm nicht, nur die einfache Wahrheit zu erzählen. Lawruschka kam am Abend bei seinem Regiment an, in dem Augenblick, wo Rostow zu Pferde stieg, um mit Ilin einen Streifzug in der Umgebung zu machen. Lawruschka erhielt den Befehl, ihnen zu folgen.

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