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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 151
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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151

Am Tage nach der Abreise seines Sohnes rief der alte Fürst Bolkonsky seine Tochter zu sich.

»Nun, bist du jetzt zufrieden?« sagte er. »Hast mich mit meinem Sohn entzweit. Bist du zufrieden? Das hast du ja nur gewollt! Bist du zufrieden? . . . Mir ist's schmerzlich, ich bin alt und schwach, aber du hast es gewollt! Nun freue dich! Freue dich!«

Darauf sah Marie eine Woche lang ihren Vater nicht wieder. Er war krank und verließ sein Zimmer nicht.

Mit Verwunderung bemerkte Marie, daß der Alte auch Mademoiselle Bourienne nicht mehr zu sich ließ. Nur Tichon durfte sein Zimmer betreten.

Nach einer Woche erschien der Graf wieder und begann seine frühere Lebensweise. Besonders eifrig beschäftigte er sich mit Neubauten und Gärten, brach aber allen Verkehr mit Mademoiselle Bourienne ab. Durch seine Miene und durch seinen kalten Ton gegen Marie schien er sagen zu wollen: »Siehst du! Du hast gegen mich intrigiert, hast dem Fürsten Andree über meine Beziehungen zu dieser Französin etwas vorgelogen und mich mit ihm entzweit. Aber jetzt siehst du, daß ich weder dich noch die Französin brauche.«

Einen großen Teil des Tages brachte Marie bei Nikolai zu, unterrichtete ihn im Russischen und in der Musik, und sprach mit Desalles. Die übrige Zeit verbrachte sie mit Büchern, mit ihrer alten Amme, mit Pilgerinnen, welche zuweilen durch die Hintertür zu ihr kamen. Während des ganzen Juli war der Fürst außerordentlich tätig und erschien wie neu belebt. Er legte noch einen neuen Garten an und baute ein neues Gebäude für Hofsleute. Marie war beunruhigt darüber, daß er wenig schlief und seine Gewohnheit, in seinem Kabinett zu übernachten, ganz aufgab. Jeden Tag hatte er eine andere Schlafstelle, bald befahl er, sein Feldbett in der Galerie aufzuschlagen, bald schlummerte er unausgekleidet auf einem Diwan oder in einem Lehnstuhl, während sein Bursche Petruschka, aber nicht Mademoiselle Bourienne, ihm vorlas, bald übernachtete er wieder im Speisezimmer.

Am 1. August kam ein neuer Brief vom Fürsten Andree. In seinem ersten Brief, bald nach seiner Abreise, hatte er seinen Vater um Verzeihung gebeten für das, was er sich ihm zu sagen erlaubt hatte. Darauf hatte der alte Fürst ihm einen freundlichen Brief geschrieben und die Französin von sich ferngehalten. Der zweite Brief Andrees aus der Nähe von Witebsk, nach der Einnahme dieser Stadt durch die Franzosen, bestand in einer kurzen Beschreibung des ganzen Feldzuges mit einem Plan, der im Brief aufgezeichnet war, und aus Vermutungen über den ferneren Gang des Feldzugs. In diesem Brief stellte Andree seinem Vater die Mißlichkeit seines längeren Aufenthalts so nahe beim Kriegstheater vor und riet ihm, nach Moskau zu reisen.

Bei Tisch erinnerte sich der Alte auf eine Bemerkung Desalles', daß die Franzosen schon Witebsk eingenommen hätten, an den Brief.

»Er schreibt über diesen Krieg«, sagte der Fürst zu Marie mit jenem verächtlichen Lächeln, mit dem er stets vom Kriege sprach.

»Es muß sehr interessant sein«, bemerkte Desalles. »Der Fürst ist imstande, zu wissen . . .«

»Ach, sehr interessant!« sagte Mademoiselle Bourienne.

»Holen Sie ihn her!« wandte sich der alte Fürst an Mademoiselle Bourienne. »Sie wissen, auf dem kleinen Tisch unter einem Briefbeschwerer.« Mademoiselle Bourienne sprang vergnügt auf.

»Ach nein«, rief er, »gehe du, Michail Iwanowitsch!«

Der Architekt stand auf und ging in das Kabinett, aber kaum war er gegangen, als der alte Fürst sich unruhig umblickte, die Serviette wegwarf und selbst ging.

»Niemand versteht mich, alles wird in Verwirrung gebracht.«

Marie, Desalles, Mademoiselle Bourienne und selbst der kleine Nikolai blickten sich schweigend an. Der alte Fürst kam mit hastigen Schritten zurück, begleitet von dem Architekten. Er hielt einen Brief in der Hand, den er neben sich auf den Tisch legte und während des Essens niemand zu lesen gab. Als er in den Salon ging, gab er Marie den Brief, breitete vor sich den Plan zu einem neuen Bauwerk aus und befahl ihr, laut zu lesen.

Nachdem Marie den Brief gelesen hatte, blickte sie fragend ihren Vater an, aber er schien ganz in den Plan vertieft zu sein.

»Was denken Sie darüber, Fürst?« erlaubte sich Desalles zu fragen.

»Ich? Ich?« sagte der Alte, ohne die Augen von dem Plan abzuwenden.

»Es kann wohl sein, daß der Kriegsschauplatz sich uns nähert.«

»Hahaha! Kriegsschauplatz! Ich habe es immer gesagt, der Kriegsschauplatz ist Polen, und der Feind wird nicht weiter vordringen als bis zum Niemen.«

Desalles blickte verwundert den Fürsten an, der vom Niemen sprach, während der Feind schon am Dnjepr war. Aber Marie hatte die geographische Lage des Niemen vergessen und hielt für richtig, was ihr Vater sagte.

»Wenn der Schnee auftaut, werden sie in den polnischen Sümpfen ertrinken! Bennigsen hätte müssen früher in Preußen eindringen, dann hätte die Sache eine andere Wendung bekommen.«

»Aber Fürst«, bemerkte Desalles schüchtern, »in dem Brief ist von Witebsk die Rede . . .«

»Im Brief? Ja, ja«, sagte der Alte. Sein Gesicht nahm plötzlich einen finsteren Ausdruck an. »Ja, er schreibt, die Franzosen seien geschlagen worden – bei welchem Flusse?«

Desalles blickte wieder erstaunt auf.

»Davon schreibt der Fürst nichts«, bemerkte er leise.

»Nichts? Nun, ich habe es doch nicht selbst erdacht!«

Ein langes Schweigen trat ein.

»Ja – ja . . . Nun, Michail Iwanowitsch«, sagte er plötzlich, auf den Plan deutend, »wie willst du das abändern?«

Der Architekt ging zum Plan. Der Alte sprach mit ihm darüber und darauf verließ er das Zimmer mit einem bösen Blick auf Marie und Desalles. Marie sah den verwunderten und besorgten Blick Desalles', den er nach ihrem Vater richtete, und war verwundert darüber, daß ihr Vater den Brief auf dem Tisch vergessen hatte, aber sie fürchtete sich, Desalles über die Veranlassung seines sorgenvollen Schweigens zu befragen.

Am Abend kam der Architekt mit dem Auftrag vom Fürsten, den Brief Andrees zu holen, den er vergessen hatte. Marie reichte ihm den Brief und fragte, was ihr Vater mache.

»Er hat immer viele Sorgen«, erwiderte der Architekt mit einem höflich spöttischen Lächeln. Marie erbleichte, als sie dies bemerkte. »Er ist jetzt sehr beschäftigt mit dem Bau des neuen Gesindehauses. Wir haben ein wenig gelesen. Jetzt beschäftigt er sich mit seinem Testament.«

In letzterer Zeit beschäftigte sich der alte Fürst viel mit Papieren, die er nach seinem Tod hinterlassen wollte und die er sein Testament nannte.

»Und Alpatitsch wird nach Smolensk gesandt?« fragte Marie.

»Jawohl, er wartet schon lange.«

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