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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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15

»Lieber Boris«, sagte die Fürstin zu ihrem Sohn, während der Wagen, welchen die Gräfin Rostow ihr zur Verfügung gestellt hatte, vor Besuchows Palais vorfuhr, »sei klug! Er ist dein Taufpate und deine Zukunft hängt von ihm ab! Vergiß das nicht. Sei höflich und angenehm, wie du es verstehst, wenn du willst.«

»Ich möchte nur sicher sein, daß es nicht wieder auf eine neue Demütigung hinausläuft«, erwiderte er kühl.

Mutter und Sohn lehnten es ab, sich anmelden zu lassen und traten in die Vorhalle ein, welche mit zwei Reihen von Statuen in Nischen geschmückt war. Der Portier musterte sie vom Kopf bis zu den Füßen, sein Blick blieb auf dem abgetragenen Mantel der Mutter haften. Dann fragte er, ob sie wegen der jungen Fürstinnen oder zum Grafen gekommen seien. Als er hörte, daß sie den Grafen zu sprechen wünschten, beeilte er sich zu erklären, Seine Exzellenz empfange niemand bei seinem leidenden Zustand.

»Gehen wir wieder«, sagte Boris französisch.

»Mein Freund«, erwiderte die Mutter in bittendem Tone, indem sie ihn am Arm berührte.

Boris schwieg. Die Fürstin wandte sich in freundlichem Tone an den Portier: »Ich weiß, daß der Graf sehr krank ist, und deswegen bin ich eben gekommen! Ich bin mit ihm verwandt und werde ihn nicht stören! Ich will nur den Fürsten Wassil sprechen, ich weiß, daß er hier ist. Bitte, gehe und melde uns an!«

Mürrisch zog der Portier die Klingel.

»Die Fürstin Drubezkoi läßt sich bei dem Fürsten Wassil anmelden!« rief er einem Diener zu, welcher unter dem Gewölbe der Treppe hervorsah.

Die Fürstin ordnete die Falten ihres Kleides, warf einen Blick in den großen venezianischen Spiegel an der Wand und setzte entschlossen ihr abgetragenes Schuhwerk auf den kostbaren Teppich, der die Treppenstufen bedeckte.

»Ich habe dein Versprechen, mein Lieber«, sagte sie französisch zu ihrem Sohne.

Ein alter Kammerdiener erhob sich bei ihrer Annäherung. Eine der zahlreichen Flügeltüren öffnete sich und der Fürst Wassil trat heraus in seinem Samtrock mit nur einem Orden, was bei ihm Haustoilette war. Er begleitete einen hübschen Herrn mit schwarzen Haaren, den Doktor Lorrain.

»Und das ist ganz sicher?« fragte der Fürst.

»Errare humanum est«, erwiderte der Doktor, welcher das Lateinische auf französische Weise aussprach.

»Gut, gut«, erwiderte Fürst Wassil. Als er die Fürstin Drubezkoi und ihren Sohn bemerkte, verabschiedete er den Arzt mit einem Kopfnicken. Schweigend näherte er sich ihnen und maß sie mit forschendem Blick.

Boris sah, wie der Ausdruck tiefen Schmerzes sogleich in den Augen seiner Mutter erschien, und lächelte heimlich darüber.

»Wir finden uns unter sehr traurigen Umständen wieder, mein Fürst . . . Wie geht es dem teuren Kranken?« fragte sie, ohne auf den kalten, beleidigenden Blick, den er auf sie richtete, zu achten.

Mit unverhohlenem Erstaunen betrachtete sie der Fürst, ohne den Gruß des jungen Mannes zu erwidern, und antwortete nur mit einer Kopfbewegung, welche andeutete, daß der Zustand des Kranken hoffnungslos sei. »Es ist also wahr?« rief sie. »Ach, wie schrecklich! . . . Dies ist mein Sohn, er wünscht sehnlichst, Ihnen persönlich zu danken!« – Eine neue Verbeugung von Boris. »Seien Sie überzeugt, mein Fürst, daß das Mutterherz niemals vergessen wird, was Sie für ihn getan haben!«

»Ich bin glücklich, teuerste Fürstin, daß ich Ihnen nützlich sein konnte«, erwiderte der Fürst ziemlich trocken und sehr herablassend. Und zu Boris gewendet: »Geben Sie sich Mühe! Dienen Sie mit Eifer und machen Sie sich würdig der . . . der . . . Ich bin entzückt . . . daß ich . . . Sie sind hier auf Urlaub?« Das alles wurde mit großer Gleichgültigkeit gesprochen.

»Ich erwarte den Befehl, Exzellenz, mich an meinen Bestimmungsort zu begeben«, erwiderte Boris, ohne Empfindlichkeit bemerken zu lassen, noch den Wunsch, die Unterhaltung fortzusetzen. Verwundert über sein ruhiges, bescheidenes Wesen, betrachtete ihn der Fürst aufmerksam.

»Wohnen Sie bei Ihrer Mutter?«

»Ich wohne beim Grafen Rostow, Exzellenz.«

»Ach, ich weiß«, erwiderte der Fürst eintönig. »Ich habe niemals begreifen können, wie Natalie sich entschließen konnte, diesen schmutzigen Bären zu heiraten! Ein bornierter, lächerlicher Mensch, und noch obendrein ein Spieler, wie man sagt.«

»Ja, aber ein sehr braver Mann, mein Fürst«, sagte die Fürstin mit einem Lächeln, als ob sie beistimmte, für den armen Grafen aber doch Nachsicht erbitten wollte. »Was sagen die Ärzte?«

»Wenig Hoffnung!«

»Ich hätte sehr gewünscht, dem Onkel noch einmal für all seine Güte zu danken. Er ist der Taufpate meines Sohnes«, fügte sie mit Würde hinzu. Fürst Wassil schwieg und zog die Augenbrauen zusammen.

Sie begriff sofort, daß er in ihr eine gefährliche Mitbewerberin um die Erbschaft des Grafen Besuchow argwöhnte, und beeilte sich, ihn zu beruhigen. »Nur meine aufrichtige Ergebenheit für meinen Onkel . . .« Die Worte »meinen Onkel« glitten von ihren Lippen zuversichtlich und dabei mit einer gewisssen Nachlässigkeit. »Ich kenne seinen edlen Charakter! Aber hier hat er nur seine jungen Nichten um sich!« Und mit gesenktem Kopf fuhr sie halblaut fort: »Hat er seine letzten Pflichten erfüllt? Seine Augenblicke sind kostbar, und es wäre deshalb dringend nötig, ihn vorzubereiten. Wir Frauen wissen immer solche Dinge annehmbar zu machen. Ich muß ihn durchaus sehen, so peinlich mir auch ein solches Gespräch sein kann, ich bin so sehr daran gewöhnt, zu leiden.«

Der Fürst begriff, wie damals bei der Soiree der Hofdame, daß es ihm unmöglich sei, sich der Fürstin zu entledigen.

»Ich fürchte, ein solches Gespräch wird ihm peinlich sein, teuerste Fürstin, wir wollen bis zum Abend warten, die Ärzte hoffen auf eine Krisis.«

»Warten, mein Fürst? Aber das sind ja seine letzten Augenblicke! Bedenken Sie, es handelt sich um das Heil seiner Seele! Ach, wie schwer sind die Pflichten eines Christen!«

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, welche zu den inneren Zimmern führte, und eine der Fürstinnen trat mit kaltem Gesicht heraus.

»Nun, wie geht es?« fragte Fürst Wassil.

»Immer wie bisher, und das kann nicht anders sein bei diesem Lärm«, erwiderte das Fräulein, indem sie die Fürstin wie eine Fremde musterte.

»Ach, ma chère, ich habe Sie kaum wiedererkannt!« rief diese mit glücklichem Lächeln und trat auf sie zu. »Ich bin soeben angekommen und sogleich herbeigeeilt, um Ihnen in der Pflege meines Onkels beizustehen! Wieviel haben Sie durchgemacht!« fügte sie hinzu, indem sie die Augen zum Himmel aufschlug.

Die junge Fürstin wandte sich auf den Absätzen um und verließ das Zimmer, ohne ein Wort zu sagen.

Die Fürstin Drubezkoi nahm die Handschuhe ab und richtete sich in einem Lehnstuhl ein wie in einem erstürmten Festungswerk. Dann forderte sie den Fürsten auf, neben ihr Platz zu nehmen.

»Boris, ich werde zum Grafen, zu meinem Onkel, gehen und du könntest inzwischen Peter besuchen. Bringe ihm die Einladung Rostows zum Diner! Ich glaube, er wird nicht kommen«, bemerkte sie zum Fürsten Wassil.

»Warum nicht?« erwiderte dieser sichtlich verdrießlich. »Es wäre mir sehr angenehm, wenn Sie mich von diesem jungen Mann befreien würden; er hat sich hier niedergelassen, und der Graf hat nicht ein einziges Mal nach ihm gefragt.«

Er zuckte mit den Achseln und klingelte. Ein Diener erschien und wurde beauftragt, Boris zu Peter zu führen.

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