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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 148
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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148

Bei Rostows speisten einige Bekannte, wie Sonntags immer.

Peter kam früher, um sie allein anzutreffen. Er war in diesem Jahr so dick geworden, daß er beinahe ungeheuerlich ausgesehen hätte ohne seinen hohen Wuchs, seine mächtigen Glieder und die Kraft, mit der er augenscheinlich die Last trug.

Keuchend stieg er die Treppe hinauf. Die Diener kamen ihm freudig entgegen, um ihm den Mantel, Hut und Stock abzunehmen.

Die erste Person, die er sah, war Natalie. Er hatte sie schon im Vorzimmer gehört, sie sang Solfeggien im Saale. Er wußte, daß sie seit ihrer Krankheit nicht mehr gesungen hatte, und hörte deshalb erfreut ihre Stimme. Leise öffnete er die Tür und sah Natalie in ihrem veilchenblauen Kleide singend im Zimmer auf und ab gehen. Als sie sich plötzlich umwandte und sein dickes, verwundertes Gesicht sah, errötete sie und ging ihm rasch entgegen.

»Ich versuche, wieder zu singen, man muß sich doch mit etwas beschäftigen«, sagte sie, als ob sie sich entschuldigen wollte.

»Es geht ja ganz vortrefflich!«

»Wie erfreut bin ich, daß Sie gekommen sind! Ich bin heute so glücklich!« sagte sie mit ihrer früheren Lebhaftigkeit, wie er sie lange nicht gesehen hatte. »Sie wissen, mein Bruder hat das Georgenkreuz erhalten, ich bin so stolz auf ihn.«

»Ich weiß, ich habe den Armeebefehl mitgebracht. Aber ich will Sie nicht stören!« Damit wollte er vorübergehen in den Salon, aber Natalie hielt ihn an.

»Mißfällt es Ihnen, Graf, daß ich singe?« sagte sie errötend und blickte ihn fragend an.

»Nein . . . im Gegenteil . . . Aber warum fragen Sie mich?«

»Ich weiß nicht«, erwiderte Natalie rasch. »Aber ich möchte nichts tun, was Ihnen mißfällt. Ich vertraue Ihnen in allem, Sie wissen nicht, wie wichtig Sie für mich sind . . .« Sie sprach rasch, ohne zu bemerken, daß Peter bei diesen Worten errötete. – »Ich habe gelesen, daß er, Bolkonsky«, flüsterte sie, »in Rußland ist und hier dient. Was meinen Sie«, fragte sie hastig und schüchtern, »wird er mir später einmal vergeben? Was meinen Sie? Wie denken Sie?«

»Ich meine . . .« sagte Peter, »er hat nichts zu vergeben. Wenn ich an seiner Stelle wäre . . .«

»Ja, Sie! Sie!« rief sie entzückt. »Das ist etwas anderes. Gutherziger und großmütiger als Sie ist niemand zu finden! Wenn Sie damals nicht gewesen wären, ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, denn . . .« Plötzlich füllten sich ihre Augen mit Tränen, sie wandte sich ab, hielt das Notenblatt vor die Augen und begann wieder zu singen.

Aus dem Salon kam Petja gelaufen. Er war jetzt ein hübscher, rotwangiger, fünfzehnjähriger Knabe mit dicken roten Lippen und Natalie sehr ähnlich. Er sollte sich auf die Universität vorbereiten, aber in letzter Zeit hatte er sich mit seinem Freund Obolensky verabredet, zu den Husaren zu gehen, und hatte Peter gebeten, sich zu erkundigen, ob man ihn annehmen werde.

»Nun, wie ist's, Peter Kirilitsch? Bitte, bitte, Sie sind meine einzige Hoffnung!« rief Petja.

»Ach, ja, ja! Also zu den Husaren? Nun, ich werde noch heute darüber sprechen.«

»Nun, mein Lieber, haben Sie das Manifest gebracht?« fragte der alte Graf. »Die Gräfin war in der Kirche, man hat ein neues Gebet gesprochen, sie sagt, es sei sehr schön.«

»Das Manifest? Ich habe es bei mir«, erwiderte Peter. »Morgen wird der Kaiser ankommen, eine außerordentliche Adelsversammlung ist einberufen, und man sagt, es werden zehn von tausend ausgehoben.«

»Nun, und was hört man von der Armee?«

»Die Unsrigen haben sich alle zurückgezogen, man sagt, sie seien schon bei Smolensk«, erwiderte Peter.

»Mein Gott, mein Gott«, sagte der Graf. »Wo haben Sie das Manifest?«

»Den Aufruf?«

»Ja, ja.«

Peter suchte in seinen Taschen, konnte aber das Papier nicht finden. Er küßte der eintretenden Gräfin die Hand und fuhr fort, in seinen Taschen zu wühlen. »Ich weiß wirklich nicht, wo ich es gelassen habe.«

»Ein bißchen zerstreut, wie immer!« sagte die Gräfin. Natalie trat mit aufgeregter Miene ein, setzte sich und blickte schweigend Peter an. Sobald sie eingetreten war, strahlte sein Gesicht.

»Nun, ich werde nach Hause fahren, ich muß es dort vergessen haben«, sagte er.

»Nein, Sie werden zu Tisch zu spät kommen!« Sonja war bereits ins Vorzimmer gegangen und hatte das Papier in Peters Hut gefunden, wo er es sorgfältig bereit gelegt hatte, und wollte es sogleich vorlesen.

»Nein, nach Tisch!« sagte der alte Graf, der diese Vorlesung für ein großes Vergnügen ansah.

Nach Tisch wurde Champagner getrunken auf die Gesundheit des neuen Georgenritters. Schinschin erzählte von Stadtneuigkeiten, von Metivier, der aus Moskau verschwunden war, und von Rostoptschin, dem man einen Deutschen vorgeführt habe mit der Beschuldigung, er sei ein Champignon, und wie Rostoptschin befohlen habe, den Champignon freizulassen und dem Volk gesagt habe, das sei kein Champignon, sondern nur ein alter, deutscher Pilz.

»Ja, ja«, sagte der Graf, »ich habe der Gräfin schon gesagt, sie soll weniger französisch sprechen, das schickt sich jetzt nicht.«

»Haben Sie schon gehört«, sagte Schinschin, »Fürst Galizin hat einen russischen Lehrer genommen, er will Russisch lernen, es wird gefährlich, auf den Straßen Französisch zu sprechen.«

Nach Tisch lehnte sich der Graf auf seinem Stuhle zurecht und bat Sonja mit ernster Miene, das Manifest vorzulesen.

»Der Feind ist mit großer Macht in Rußlands Gebiet eingedrungen, er verheert unser geliebtes Vaterland!« las Sonja mit ihrer dünnen Stimme. Natalie blickte bald ihren Vater, bald Peter an. Peter fühlte ihren Blick auf sich und suchte ihn zu vermeiden. Die Gräfin begleitete jeden feierlichen Ausdruck mit erzürntem Kopfschütteln. Schinschin war in spöttischer Stimmung und bereit, sich über alles lustig zu machen, über Sonjas Vorlesen, über das, was der Graf sagen werde, sogar über den Aufruf selbst in Ermangelung eines anderen Gegenstandes.

Sonja las von den Gefahren, welche Rußland drohten, und von den Hoffnungen, welche der Kaiser auf Moskau und besonders auf den Adel setzte. Die letzten Worte las sie mit zitternder Stimme: »Wir werden demnächst inmitten unseres Volkes in der Residenz erscheinen, sowie in anderen Städten unseres Reiches, um den Landsturm aufzurufen, welcher dem Feinde den Weg verlegen und ihn in Schrecken versetzen wird, wo er auch erscheinen mag. Das Verderben, das er uns zugedacht hat, wird auf sein Haupt zurückfallen, und das befreite Europa wird den Namen Rußlands preisen.«

»Ja, so ist's!« rief der Graf mit feuchten Augen. Schinschin hatte seinen Witz über den Patriotismus des Grafen noch nicht ausgesprochen, als schon Natalie aufsprang, auf ihren Vater zueilte und ihn umarmte.

»Sieh doch, die Patriotin!« sagte Schinschin.

»Scherz beiseite!« rief der Graf. »Wenn der Kaiser ein Wort spricht, so kommen wir alle, wir sind nicht solche Deutsche.«

»Aber jetzt, Papa«, rief Petja, »sage ich es Ihnen und Mama entschieden, ich gehe zu den Husaren!«

Die Gräfin erhob mit Entsetzen die Augen zum Himmel.

»Sieh doch«, rief der Graf, »was für ein Krieger! Aber lasse jetzt den Unsinn!«

»Das ist kein Unsinn, Papachen, Fedja Obolensky geht auch, und ich kann jetzt nichts lernen, solange das Vaterland in Gefahr ist!«

»Höre auf mit den Dummheiten!«

»Sie haben doch selbst gesagt, Sie wollen alles opfern!«

»Schweig!« rief der Graf. Die Gräfin blickte erbleichend ihren Sohn an.

»Peter Kirilitsch, kommen Sie rauchen!« sagte der alte Graf und nahm die Papiere zusammen, um sie in seinem Kabinett vor dem Einschlafen nochmals zu lesen.

Peter war verlegen und unschlüssig, die ungewöhnlich glänzenden, lebhaften Augen Natalies hatten ihn in diesen Zustand versetzt.

»Nein, ich werde nach Hause fahren«, sagte er.

»Nach Hause? Und Sie wollten doch zum Abend bleiben? Das ist jetzt solch eine Seltenheit! Und diese da«, sagte der Graf, auf Natalie deutend, »ist nur in Ihrer Gegenwart vergnügt.«

»Ja, ich habe vergessen – ich muß durchaus nach Hause!« sagte Peter hastig.

»Nun, denn auf Wiedersehen!« erwiderte der Graf und verließ das Zimmer.

»Warum wollen Sie gehen?« fragte Natalie.

»Weil ich dich liebe«, wollte er sagen, aber er senkte errötend die Augen. »Weil es besser ist . . . wenn ich seltener komme . . . weil . . . nun, weil ich zu tun habe . . .«

Natalie schwieg. Sie blickten sich beide erschreckt und verwirrt an und Peter beschloß, nicht wieder zu Rostows zu gehen.


Am anderen Tag kam der Kaiser. Einige der Dienstleute baten um Erlaubnis, ihn zu sehen. Petja kleidete sich an diesem Morgen sorgfältig an, machte Gebärden vor dem Spiegel und endlich setzte er die Mütze auf und verließ heimlich das Haus durch die Hintertür. Er hatte beschlossen, zum Kaiser zu gehen und irgendeinem Kammerherrn mitzuteilen, er, Graf Rostow, wolle zu den Husaren eintreten. Seine Jugend könne kein Hindernis sein, und er sei bereit . . . Er hatte eine Menge schöner Worte in Bereitschaft, um sie dem Kammerherrn zu sagen.

Petja rechnete sicher auf Erfolg, aber je weiter er ging, desto mehr verließ ihn seine angenommene Würde. Als er in den Kreml trat, wurde er von Leuten, welche wahrscheinlich von seinem patriotischen Vorhaben keine Ahnung hatten, so ins Gedränge gebracht, daß er nicht weiter konnte. Einige Zeit stand er wartend beim Tor und begann endlich, sich mit dem Ellbogen durchzuarbeiten. Aber ein Weib, das er angestoßen hatte, schrie ihn zornig an.

»Was stößt du da, mein Jüngelchen! Was fällt dir ein? Du siehst ja, alle stehen still!« Er wurde in einen übelriechenden Winkel am Tor gedrängt und wischte sich den Schweiß von der Stirn, denn er fürchtete, wenn er in diesem Zustand sich dem Kammerherrn vorstellte, nicht zum Kaiser gelassen zu werden. Aber es war keine Möglichkeit, aus dem Gedränge zu kommen. Er wollte einen vorübergehenden General, einen Bekannten seines Vaters, um Hilfe anrufen, unterließ es aber als unnütz. Als die Equipagen vorübergefahren waren, riß die Menge Petja mit sich fort auf einen Platz, der bald ganz von Volk erfüllt war. Plötzlich drängte die Menge vorwärts und schrie: »Hurra! Hurra! Hurra!« Petja stellte sich auf die Zehenspitzen, konnte aber nichts sehen in dem Gedränge. Die Leute schrien und weinten vor Entzücken. »Unser Vater! Unser Schutzengel! Väterchen! Hurra!« riefen sie von allen Seiten. Einen Augenblick stand die Menge auf einer Stelle, dann aber stürzten wieder alle vorwärts. Petja biß die Zähne zusammen, arbeitete eifrig mit seinen Ellbogen und schrie: »Hurra!« Aber wilde Gesichter drängten von der Seite her und schrien auch: »Hurra!«

»Das also ist der Kaiser«, dachte Petja. »Nein, ich kann ihm selbst nicht meine Bittschrift übergeben, es wäre zu kühn!« Verzweifelt strebte er vorwärts, aber als die Menge von den Polizisten zurückgedrängt wurde, weil der Kaiser aus dem Schloß in die Kathedrale ging, erhielt Petja plötzlich einen solchen Stoß in die Rippen, daß seine Augen sich verdunkelten und er das Bewußtsein verlor. Als er wieder zu sich kam, sah er, daß ein Kirchensänger ihn unter dem Arme hielt und mit der anderen Hand ihn gegen die Menge zu schützen suchte.

»Ihr habt das Söhnchen erdrückt!« sagte der Kirchensänger. »Nun, ist's leichter?«

Der Kaiser trat in die Kathedrale, und die Menge beruhigte sich wieder. Der Kirchensänger führte Petja zu der großen Kaiserkanone, einige bedauerten ihn, man knöpfte ihm den Rock auf und setzte ihn auf das Postament der Kaiserkanone.

»So kann man einen Menschen erdrücken! Das ist abscheulich! Siehst du, er ist so weiß wie ein Tischtuch!« sagten verschiedene Stimmen. Petja kam bald wieder zu sich. Sein Gesicht rötete sich wieder. Er hatte den günstigen Platz bei der Kanone erhalten, von dem aus er den Kaiser bei der Rückkehr zu sehen hoffte. Er dachte nicht mehr an seine Bittschrift, er wollte ihn nur sehen.

Während des Gottesdienstes erschienen Verkäufer von Pfefferkuchen und Quas, und das Volk unterhielt sich auf seine Weise. Eine Kaufmannsfrau betrachtete ihren zerrissenen Schal und erzählte, wie teuer sie ihn bezahlt habe, zwei junge Burschen scherzten mit leibeigenen Mädchen, welche Nüsse knackten. Plötzlich hörte man vom Ufer her Kanonenschüsse zur Feier des Friedens mit der Türkei, und die Menge eilte dorthin, um beim Schießen zuzusehen. Petja wollte auch dorthin gehen, aber der Kirchensänger, der ihn unter seinen Schutz genommen hatte, hielt ihn davon ab. Während die Schüsse donnerten, kamen aus der Kathedrale eilig Offiziere und Kammerherren hervor, dann folgten noch andere etwas langsamer. Alle nahmen die Mützen ab, und die Leute, welche nach den Kanonen gelaufen waren, eilten wieder herbei. Endlich erschienen einige Generale mit reichen Ordensbändern. »Hurra! Hurra!« schrie wieder die Menge. »Welcher ist's?« fragte Petja mit weinerlicher Stimme, aber niemand antwortete ihm, alle waren zu entzückt. Die Menge rief dem Kaiser zu, begleitete ihn bis zum Schloß und begann darauf sich zu zerstreuen. Es war schon spät, Petja hatte noch nicht gegessen, aber er blieb vor dem Schloß stehen während der kaiserlichen Tafel und wartete noch immer.

Nach Tisch sagte Walujew: »Das Volk hofft noch immer, Eure Majestät zu sehen!« Der Kaiser erhob sich, während er ein Stück Biskuit aß, und ging auf den Balkon. Das Volk stürzte mit Petja auf den Balkon zu.

»Engel! Väterchen! Hurra!« rief das Volk und einige vergossen Tränen des Entzückens. Ein ziemlich großes Stück Biskuit fiel aus der Hand des Kaisers auf das Geländer und dann auf die Erde herab. Ein in der Nähe stehender Kutscher stürzte auf das Stück Biskuit und ergriff es, noch andere warfen sich auf den Kutscher, um es ihm zu entreißen. Als der Kaiser dies merkte, befahl er, einen Teller mit Biskuit zu bringen und warf sie alle vom Balkon herab. Trotz der Gefahr, erdrückt zu werden, suchte Petja ein Biskuit zu erwischen und warf ein altes Weib um, das auch eins auffangen wollte. Aber sie hielt sich nicht für besiegt, obgleich sie auf der Erde lag, sie hatte ein Biskuit erhascht. Petja stieß mit dem Knie ihren Arm zurück, erfaßte das Biskuit und schrie wieder: »Hurra!« mit heiserer Stimme, der Kaiser verließ den Balkon und der größte Teil des Volkes zerstreute sich. So glücklich Petja war, ging er doch mit betrübtem Herzen nach Hause. Er erklärte noch einmal entschieden, er werde davonlaufen, wenn man ihn nicht zu den Husaren lasse, und am anderen Tag fuhr der alte Graf aus, obgleich er noch nicht ganz nachgegeben hatte, um sich zu erkundigen, wie man Petja irgendwo in Sicherheit unterbringen könnte.

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