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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 146
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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146

Natalie war ruhiger, aber nicht heiterer, sie vermied alle Vergnügungen, Konzerte, Theater, Bälle, lachte niemals, ohne daß dabei Tränen wahrnehmbar geworden wären. Alle früheren Interessen des Lebens waren für sie erstorben. Sie bemühte sich sichtlich, niemand zur Last zu fallen und niemand zu stören, nur mit ihrem Bruder Peter liebte sie häufiger umzugehen, zu spielen, und es kam sogar vor, daß sie einander anlachten. Sie verließ fast nie das Haus, und von denen, die es besuchten, war ihr nur einer willkommen – Peter. Man konnte sich nicht zärtlicher, vorsichtiger und zugleich ernster benehmen als Graf Besuchow. Natalie fühlte das unwillkürlich, und dieser Umgang gewährte ihr daher großes Vergnügen.

Anfang Juli verbreiteten sich in Moskau immer mehr beunruhigende Gerüchte über den Verlauf des Krieges. Man sprach von einem Aufruf das Kaisers an das Volk und von der Ankunft des Kaisers in Moskau. Da aber bis zum 11. Juli das Manifest und der Aufruf nicht erschienen, so bildeten sich auch darüber und über die allgemeine Lage Rußlands übertriebene Gerüchte. Es hieß, der Kaiser reise ab, weil die Armee in Gefahr sei, Smolensk sei übergeben, Napoleon habe eine Million Soldaten und nur ein Wunder könne Rußland retten. Am 11. Juli endlich erschien das Manifest. Peter, welcher bei Rostows war, versprach, am nächsten Tage, sonntags, das Manifest und den Aufruf zu bringen, die er beim Grafen Rostoptschin erhalten werde.

Am nächsten Sonntag fuhren Rostows nach ihrer Gewohnheit zur Frühmesse in die Hauskapelle der Fürstin Rasumowsky. Es war ein heißer Julitag. Die ganze vornehme Welt Moskaus, alle Bekannten Rostows waren in der Kirche. Sehr viele reiche Familien, welche sonst gewöhnlich aufs Land reisten, waren in diesem Jahre in der Stadt geblieben. Als Natalie neben ihrer Mutter durch die Reihen schritt, vernahm sie die Stimme eines jungen Mannes, der etwas zu laut seinem Begleiter zuflüsterte: »Das ist die Rostow! Wie hager! Aber doch schön!«

Sie glaubte noch zu hören, daß die Namen Kuragin und Bolkonsky genannt wurden. Natalie ging in ihrem dunkelroten, mit schwarzen Spitzen besetzten Seidenkleide durch die Menge, wie nur Damen zu gehen verstehen – um so ruhiger und majestätischer, je mehr sie sich innerlich bekümmert und beschämt fühlte. Sie stand neben ihrer Mutter und nickte einigen Bekannten zu. Nach ihrer Gewohnheit betrachtete sie die Toiletten der Damen, beobachtete ihre Haltung und die unrichtige Art, wie eine kleine Dame in der Nähe sich bekreuzigte, und dann dachte sie mit Bedauern daran, daß man sie richte, und daß sie auch andere richte, und als sie die Worte des Gottesdienstes vernahm, entsetzte sie sich über die Sündhaftigkeit und darüber, daß ihre frühere Reinheit wieder verloren sei. Ein Greis von ehrwürdigem Aussehen las mit der milden Feierlichkeit, welche so majestätisch und beruhigend auf die Seelen der Betenden einwirkt, ein Gebet für den Sieg der russischen Waffen und die Errettung des Vaterlandes. In dem Zustand reuevoller, geistiger Empfänglichkeit, in dem sich Natalie befand, wirkte dieses Gebet stark auf sie ein. Sie hörte jedes Wort von dem Sieg Moses über die Amalekiter, und Davids über Goliath und von der Zerstörung Jerusalems und betete zu Gott mit jener Rührung und Demut, die ihr Herz erfüllte. Aber sie begriff nicht vollständig, um was sie in diesem Gebet Gott bat. Ihr Herz war voll von Andacht und von zitternder Furcht vor der Strafe, welche die Menschen für ihre Sünden erwartete, und sie bat Gott darum, sie allen zu vergeben und allen Ruhe und Glück im Leben zu verleihen. Sie war überzeugt, daß Gott ihr Gebet erhören werde.

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