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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 144
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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144

Rostow erblickte mit seinen scharfen Geieraugen sehr bald die französischen Dragoner, welche unsere Ulanen verfolgten. Näher und näher kamen die Ulanen in aufgelösten Gruppen. Rostow sah, wie auf der Jagd, was vor ihm vorging, er wußte, wenn er jetzt mit den Husaren auf die französischen Dragoner stürzen würde, so würden diese nicht standhalten können, aber daß dies sofort geschehen mußte, sonst entschwand der günstige Augenblick. Er blickte sich um. Der Rittmeister, der neben ihm stand, blickte auch gespannt nach dem Feinde.

»Andree Sewastianitsch«, sagte Rostow, »wir werden sie werfen! . . .«

»Das wäre ein feines Stück«, sagte der Rittmeister. »Aber wirklich . . .«

Rostow hörte nicht weiter, galoppierte vor die Schwadron, und noch hatte er kaum das Kommando ausgesprochen, als die ganze Schwadron ihm nachfolgte. Rostow wußte selbst nicht, wie und warum er das tat, er überlegte nicht, er sah nur, daß die Dragoner nahe waren, und stürzte sich fast unwillkürlich mit seiner Schwadron auf den Feind. Als die vorderste Schwadron die Husaren erblickte, wandte sie sich um, die hinteren hielten an, Rostow spornte sein Pferd an und trieb es in die erschütterten Reihen der Dragoner. Sie galoppierten fast alle zurück. Rostow wählte sich einen von ihnen auf einem grauen Pferde und verfolgte ihn. Bald hatte er ihn eingeholt. Der Franzose, nach seiner Uniform ein Offizier, bog sich zusammen und trieb sein Pferd mit dem Säbel an. Nach wenigen Augenblicken stieß Rostows Pferd mit der Brust das Pferd des Offiziers an, welcher beinahe herabfiel, und in demselben Augenblick erhob Rostow den Säbel, ohne selbst zu wissen warum, und führte einen Hieb nach dem Franzosen.

Noch während er das tat, wich Rostows Aufregung plötzlich. Der Offizier fiel herab, weniger wegen des Säbelhiebs, der nur seinen Arm über dem Ellbogen leicht streifte. Rostow hielt sein Pferd an und suchte seinen Feind mit den Augen, um zu sehen, wen er erwischt habe. Der französische Offizier war mit einem Fuß auf die Erde gesprungen, während der andere sich im Steigbügel verwickelte. Er blinzelte erschreckt, als ob er jeden Augenblick einen neuen Streich erwartete und blickte mit dem Ausdruck des Schreckens nach Rostow hinauf. Sein bleiches, mit Schmutz bespritztes, blondlockiges, junges Gesicht mit einem Grübchen am Kinn und hellen, blauen Augen war viel zu gemütlich für ein Schlachtfeld.

»Ich ergebe mich!« schrie der Franzose und machte heftige Bewegungen, um seinen Fuß aus dem Steigbügel zu befreien. Einige Husaren liefen herbei und halfen ihm wieder aufs Pferd. Von verschiedenen Seiten wurden gefangene Dragoner herbeigeführt, französische Infanterie kam feuernd näher, und die Husaren galoppierten mit ihren Gefangenen zurück. Bei der Gefangennahme des Offiziers und dem Streich, den er nach ihm führte, hatte Rostow eine unklare, verworrene Empfindung, die er sich nicht erklären konnte.

Als Rostow zum Grafen Ostermann berufen wurde, war er fest überzeugt, daß er wegen seines eigenmächtigen Angriffs bestraft werden würde, aber der General dankte ihm und sagte, er werde für ihn das Georgenkreuz erbitten. Aber auch diese freudige Überraschung konnte nicht jenes unangenehme, unklare Gefühl in ihm zum Schweigen bringen. »Was ist mir denn?« fragte sich Rostow. – »Ja, dieser französische Offizier mit dem Grübchen ist es, und ich erinnere mich wohl, wie mein Arm unwillkürlich anhielt, als ich ihn zum Streich aufhob.«

Er holte die französischen Gefangenen ein, um seinen Franzosen mit dem Grübchen am Kinn zu sehen. Dieser saß mit seiner blauen Uniform auf einem Husarenpferd und blickte sich unruhig um. Seine Wunde am Arm war ganz unbedeutend. Er lächelte Rostow gezwungen zu und winkte ihm mit der Hand, aber Rostow konnte sich von diesem unbehaglichen, vorwurfsvollen Gefühl nicht befreien. Diesen und den folgenden Tag bemerkten seine Freunde und Kameraden, daß er nicht zornig oder mürrisch, aber schweigsam und nachdenklich war. Er trank nicht und wollte allein bleiben, konnte aber immer nicht zu einer klaren Erkenntnis seines Zustandes kommen.

»Sie fürchten sich also mehr als die unserigen«, dachte er. »Das ist es also, was Heldenmut genannt wird! Und habe ich es etwa fürs Vaterland getan? Und was hat er verbrochen mit seinem Grübchen und seinen blauen Augen? Und wie er sich fürchtete! Er dachte, ich werde ihn erschlagen. Warum sollte ich das tun? Mein Arm zuckte, ich vermochte es nicht, und nun gibt man mir das Georgenkreuz! Ich kann es nicht verstehen!«

Während Nikolai sich mit diesen Fragen abquälte, hatte sich das Rad des Glücks im Dienste, wie es oft geschieht, zu seinen Gunsten gedreht. Er wurde befördert, und wenn zu einem Auftrag ein tapferer Offizier nötig war, wurde er berufen.

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