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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 143
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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143

Um drei Uhr war noch niemand eingeschlafen, als der Wachtmeister erschien mit dem Befehl, nach dem Dörfchen Ostrowna vorzurücken. Alle Offiziere erhoben sich, wieder wurde der Samowar mit dem schmutzigen Wasser aufgestellt, aber Rostow wartete nicht den Tee ab und ging zu seiner Schwadron. Es dämmerte bereits und der Regen hatte aufgehört. Es war feucht und kalt, besonders in dem feuchten Mantel. Als Rostow und Ilin heraustraten, erblickten sie das im Regen glänzende Lederdach der Kibitka des Doktors. Unter der Decke sahen die Füße des Doktors hervor und in der Mitte erblickten sie auf einem Kissen das Häubchen der Doktorin, welche friedlich schnarchte.

»Sie ist wirklich sehr niedlich«, sagte Rostow.

»Eine entzückende Frau«, bestätigte Ilin mit seinem sechzehnjährigen Ernst.

Nach einer halben Stunde stand die Schwadron auf dem Wege. Auf das Kommando: »Aufsitzen!« bekreuzigten sich die Soldaten und stiegen zu Pferde. Rostow kommandierte: »Marsch!« und die Schwadron setzte sich in Bewegung. Unter dem Klatschen der Hufschläge auf dem aufgeweichten Wege, dem Klirren der Säbel und leisem Gespräch folgten sie auf der großen, mit Birken besetzten Landstraße der vorangegangenen Infanterie und der Batterie nach. Zerrissene dunkelrote Wolken wurden vom Winde rasch weitergetrieben. Es wurde heller und heller, immer deutlicher sah man die Gesichter der Soldaten.

Im Feldzuge erlaubte sich Rostow, nicht auf einem Regimentspferde, sondern einem Kosakenpferde zu reiten. Als Kenner und Liebhaber hatte er sich kürzlich ein feuriges Pferd vom Don verschafft, auf dem ihn niemand einholte. Für Rostow war es ein Entzücken, dieses Pferd zu reiten. Er dachte an sein Pferd, an den Morgen, an die Doktorin, aber nicht ein einziges Mal an die bevorstehende Gefahr.

Früher hatte sich Rostow gefürchtet, wenn es zum Gefecht ging, jetzt aber empfand er dieses Gefühl nicht mehr. Nicht deshalb, weil er sich an das Feuer gewöhnt hatte, denn an die Gefahr kann man sich nicht gewöhnen, sondern deshalb, weil er gelernt hatte, in der Gefahr die Herrschaft über sich selbst beizubehalten. Er gewöhnte sich, wenn es ins Gefecht ging, an alles zu denken, nur nicht an das, was das Interessanteste sein mußte – an die bevorstehende Gefahr. Trotz aller Bemühungen und Selbstvorwürfe wegen seiner Feigheit war ihm in der ersten Zeit seines Dienstes dies nicht gelungen, aber mit den Jahren kam das ganz von selbst. Er ritt jetzt neben Ilin durch die Birkenallee, riß zuweilen ein Blatt von einem Zweigchen ab, oder rauchte seine Pfeife mit so ruhigem Aussehen, als ob er spazierenreite. Mitleidig blickte er in das aufgeregte Gesicht Ilins, welcher viel und unruhig sprach, denn er kannte aus Erfahrung den peinlichen Zustand der Erwartung und Furcht vor dem Tode, in dem sich der Kornett befand. Er wußte, daß nur die Zeit dies heilen könne.

Die Sonne kam aus den Wolken hervor, der Wind schwieg, als ob er diesen entzückenden Sommermorgen nicht stören wolle. Ein Strom von Licht ergoß sich über die Ebene, in der Ferne ertönten Kanonenschüsse. Noch war Rostow bemüht, zu schätzen, wie weit diese Schüsse entfernt seien, als von Witebsk her ein Adjutant des Grafen Ostermann galoppiert kam mit dem Befehl, im Trab auf dem Wege vorzugehen.

Die Schwadron überholte die Infanterie und die Batterie, welche gleichfalls vorwärts eilten, ritt einen Abhang hinab durch ein verlassenes Dorf und dann wieder bergan.

»Halt! Richtet euch!« hörte man vorn das Kommando des Divisionärs. »Nach rechts einschwenken! Im Schritt marsch!« wurde kommandiert. Die Husaren gingen hinter der Linie der Truppen auf dem linken Flügel und stellten sich hinter unseren Ulanen auf, welche in der ersten Linie standen. Rechts stand Infanterie in dichter Kolonne – das waren unsere Reserven. Höher am Bergabhang sah man in der reinen Morgenluft scharf und deutlich unsere Kanonen, vorwärts, jenseits eines Hohlwegs, wurden feindliche Kolonnen und Kanonen sichtbar. Im Hohlweg hörte man unsere Kette, welche bereits das Gefecht eröffnet hatte und sich lustig mit dem Feind herumschoß. Rostow wurde von diesen lange nicht gehörten Schüssen vergnügt zumute. Trap–ta–ta–tap ertönten plötzlich rasch hintereinander einige Schüsse und dann schwieg alles wieder.

Die Husaren standen etwa eine Stunde auf demselben Platz; während Graf Ostermann mit seiner Suite hinter der Schwadron vorüberritt, begann auch das Geschützfeuer. Dann hörte man bei den Ulanen ein Kommando: »In Kolonne zur Attacke!« Die Infanterie vor ihnen verdoppelte ihre Abstände, um die Ulanen durchzulassen. Lustig flatterten die Fähnchen an den Lanzen, während die Ulanen nach dem Berg zu galoppierten, wo sich französische Kavallerie zeigte.

Dann erhielten die Husaren den Befehl, an Stelle der Ulanen die Bedeckung der Batterie zu übernehmen.

Das lange nicht gehörte Pfeifen und Zischen der vorüberfliegenden Kugeln wirkte freudig erregend auf Rostow. Er richtete sich auf und überblickte das Schlachtfeld. Die Ulanen waren den französischen Dragonern schon ganz nahe und verschwanden in einer Staubwolke. Nach fünf Minuten aber kamen sie zurück, und zwischen den Ulanen und hinter ihnen folgten in starken Haufen die französischen Dragoner auf grauen Pferden.

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