Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Lew Tolstoi >

Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 142
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
Schließen

Navigation:

142

In dem Krug, vor dem die Kibitka (Feldwagen) des Doktors stand, befanden sich schon etwa fünf Offiziere. Die junge Frau saß in einer Jacke und Schlafhaube in einer Ecke auf einer breiten Bank, neben ihr schlief ihr Mann. Rostow und Ilin wurden mit lustigen Zurufen empfangen.

»O, hier ist's sehr gemütlich«, sagte lachend Rostow.

»Wie Sie aussehen! Wie aus dem Wasser gezogen! Befeuchten Sie nicht unseren Salon!«

»Nehmen Sie sich in acht, daß Sie das Kleid von Maria Henrichowna nicht naß machen!«

Rostow und sein Begleiter suchten eine Ecke, wo sie, ohne den Anstand zu verletzen, ihre nassen Kleider wechseln konnten. Sie gingen in einen Nebenraum, aber in dem kleinen Verschlag saßen drei Offiziere beim Kartenspiel auf einer leeren Kiste. Sie nahmen den ganzen Raum ein und wollten ihren Platz nicht aufgeben.

Die junge Frau gab ihre Jacke her, um sie als Vorhang zu verwenden, und hinter dem Vorhängchen zogen sie mit Hilfe Lawruschkas trockene Kleider an. Ein Brett wurde gebracht und über zwei Sättel gelegt, dann wurde ein kleiner Samowar aufgestellt und eine halbe Flasche Rum. Maria Henrichowna wurde gebeten, Wirtin zu sein, und alle drängten sich um sie. Der eine reichte ihr ein reines Taschentuch, um ihre entzückenden Händchen abzuwischen, ein anderer legte ihr eine alte Jacke um die Füße gegen die Feuchtigkeit, der dritte verhängte das Fenster mit einem Mantel, damit es nicht ziehe, und noch ein anderer jagte eine Fliege vom Gesicht ihres Mannes weg, damit er nicht erwache.

»Lassen Sie ihn«, sagte die junge Frau mit schüchternem und glücklichem Lächeln.

»Man muß sich beim Doktor einschmeicheln«, erwiderte der Offizier, »dann wird er mich vielleicht bedauern, wenn er mir ein Bein oder einen Arm abschneidet.«

Es waren nur drei Gläser da, und das Wasser war so schmutzig, daß man nicht unterscheiden konnte, ob der Tee stark war oder nicht. Der Samowar faßte nur für sechs Gläser Wasser, aber um so angenehmer war es, reihum dem Range nach aus den dicken Patschhändchen der jungen Frau mit kurzen, nicht ganz reinen Nägeln sein Glas zu erhalten. Alle Offiziere schienen an diesem Abend in sie verliebt zu sein, selbst die Kartenspieler warfen bald die Karten weg, kamen zum Samowar und schlossen sich dem allgemeinen Bestreben an, der kleinen Frau Doktorin den Hof zu machen, was sie strahlend vor Vergnügen aufnahm.

Nur ein Löffel war da, an Zucker fehlte es nicht, und deshalb wurde beschlossen, daß sie der Reihe nach den Zucker für jeden umrühren solle. Rostow hatte sein Glas erhalten, goß Rum hinein und bat die junge Frau, umzurühren.

»Trinken Sie ohne Zucker?« fragte sie lachend, als ob alles, was sie sagte oder die anderen sagten, sehr lächerlich wäre und noch eine andere Bedeutung habe.

»Es liegt mir nichts am Zucker, ich möchte nur, daß Sie mit Ihrem Händchen umrühren.«

Sie suchte den Löffel, den aber schon ein anderer weggenommen hatte.

»Mit den Fingerchen, Maria Henrichowna«, sagte Rostow, »das wird noch schöner schmecken!«

»Es ist zu heiß«, sagte sie, vor Vergnügen errötend. – Als der Samowar ausgetrunken war, nahm Rostow die Karten und schlug vor, mit der jungen Frau das Königsspiel zu spielen. Wer König werde, solle das Recht haben, ihr Händchen zu küssen; und wer der Narr bleibe, solle einen neuen Samowar für den Doktor aufstellen.

»Nun, und wenn die Frau Doktorin König wird?« fragte Ilin.

»Sie ist ohnedies schon Königin, und ihr Befehl ist Gesetz.«

Kaum hatte das Spiel begonnen, als hinter der jungen Frau plötzlich der Kopf des Doktors erschien. Er war schon lange erwacht und hörte zu, fand aber nichts Heiteres in allem, was vorging. Ohne die Offiziere zu begrüßen, suchte er den Ausgang, den man ihm versperrte. Als er das Zimmer verlassen hatte, brachen alle Offiziere in ein lautes Gelächter aus, und Maria Henrichowna errötete tief und wurde dadurch in den Augen der Offiziere noch bezaubernder. Als der Doktor hereinkam, sagte er, der Regen sei vorüber und es sei Zeit, in der Kibitka schlafen zu gehen, sonst werde noch alles weggestohlen.

»Ich werde eine Wache aufstellen . . . zwei«, sagte Rostow. »Seien Sie vernünftig, Doktor!«

»Ich werde selbst Wache stehen!« rief Ilin.

»Nein, meine Herren, Sie haben ausgeschlafen, aber ich habe zwei Nächte kein Auge geschlossen«, sagte der Doktor und setzte sich mürrisch neben seine Frau, um das Ende des Spieles abzuwarten. Die Offiziere fanden die finstere Miene des Doktors sehr belustigend, und einige konnten ihr Gelächter nicht zurückhalten, dem sie dann rasch einen anderen Vorwand zu geben suchten. Als der Doktor mit seiner Frau gegangen und in die Kibitka gestiegen war, legten sich die Offiziere in der Krugstube nieder und bedeckten sich mit ihren nassen Mänteln, aber das Gespräch und Gelächter verstummte noch lange nicht.

 << Kapitel 141  Kapitel 143 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.