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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 141
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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141

Am andern Tag bei der Parade fragte der Kaiser Fürst Andree, wo er zu dienen wünsche, und Fürst Andree machte sich dadurch für immer unmöglich in der Hofwelt, daß er nicht darum bat, bei der Person des Kaisers bleiben zu dürfen, sondern bei der Armee zu dienen wünschte.

Vor dem Beginn des Feldzuges erhielt Rostow einen Brief von seinen Eltern mit einer kurzen Nachricht von Natalies Krankheit und von dem Bruch mit dem Fürsten Andree, der damit erklärt wurde, daß Natalie ihm einen Absagebrief geschrieben habe. Sie baten ihn, seinen Abschied zu nehmen und wieder nach Hause zu kommen. Nikolai machte keinen Versuch, einen Urlaub oder Abschied zu erhalten, und schrieb den Eltern, er bedauere sehr die Krankheit und den Bruch Natalies mit ihrem Bräutigam und er werde alles mögliche tun, um ihren Wunsch zu erfüllen. An Sonja schrieb er einen besonderen Brief.

»Verehrte Freundin meiner Seele!« schrieb er. »Nur die Ehre kann mich von der Rückkehr aufs Land abhalten, jetzt aber vor Eröffnung des Feldzuges müßte ich es für ehrlos halten, wenn ich mein Glück der Pflicht vorziehen würde. Aber das ist die letzte Trennung! Glaube mir, daß ich sogleich nach dem Krieg, wenn ich noch am Leben bin und von Dir geliebt werde, alles wegwerfe, um zu Dir zu fliehen, um Dich für immer an meine flammende Brust zu drücken!«

Wirklich war es nur der Krieg, der Nikolai abhielt, zurückzukehren und Sonja zu heiraten. Jetzt aber mußte er beim Regiment bleiben, und da das unabänderlich war, so war Nikolai auch mit dem Leben zufrieden, das er beim Regiment führte, und verstand es, sich das Leben angenehm zu machen.

Als er vom Urlaub zurückkam, freudig empfangen von den Kameraden, wurde Nikolai auf Remonte ausgeschickt und brachte aus Kleinrußland vortreffliche Pferde mit, wofür er von dem Vorgesetzten belobt wurde. Während seiner Abwesenheit war er zum Rittmeister ernannt worden, und als das Regiment auf Kriegsfuß gesetzt wurde, erhielt er wieder seine frühere Schwadron.

Der Krieg begann. Das Regiment wurde nach Polen vorgeschoben, die Offiziere erhielten doppelte Gagen, es kamen neue Offiziere, neue Mannschaften und Pferde, und vor allem verbreitete sich jene freudig erregte Stimmung, welche den Anfang eines Feldzugs begleitet, und Rostow gab sich ganz den Vergnügungen und den Interessen des Dienstes hin, obgleich er wußte, daß er sie früher oder später werde aufgeben müssen.

Die Truppen zogen sich von Wilna zurück zufolge verschiedener komplizierter politischer und taktischer Gründe. Anfangs lebten sie vergnügt bei Wilna und machten Bekanntschaften mit den polnischen Gutsbesitzern, dann kam der Befehl, sich nach Swenziany zurückzuziehen und Proviant zu vernichten, welcher nicht fortgebracht werden konnte. Swenziany blieb den Husaren nur deshalb denkwürdig, weil es »ein besoffenes Lager« war, wie die ganze Armee das Lager bei Swenziany nannte, und deshalb, weil in Swenziany viele Klagen über die Truppen erhoben wurden, welche den Befehl, den Proviant wegzuschaffen, dazu benutzten, auch Pferde, Equipagen, Teppiche unter den Proviant zu rechnen und den polnischen Herren abzunehmen. Rostow konnte mit den ganz betrunkenen Leuten seiner Schwadron kaum zurechtkommen, die ohne sein Wissen fünf Fäßchen alten Wein mitgenommen hatten. Von Swenziany ging der Rückzug nach Drissa, und von Drissa noch immer weiter. Am 13. Juli hatten die Husaren zum erstenmal ein ernsthaftes Gefecht. Am Tage vorher hatte ein heftiger Sturm mit Regen und Hagel getobt; das Jahr 1812 war überhaupt merkwürdig stürmisch.

Zwei Schwadronen der Husaren lagen im Biwak, inmitten eines von Pferden und Vieh gänzlich zertretenen Roggenfeldes. Der Regen floß in Strömen. Rostow saß mit einem jungen Offizier, Ilin, in einer flüchtig aufgebauten Erdhütte. Ein Offizier des Regiments mit langem Schnurrbart war im Stabe gewesen und kam, vom Regen überfallen, zu Rostow. »Ich komme vom Stabe, haben Sie von Rajewskys Tat gehört?« Und der Offizier erzählte die Einzelheiten des Gefechts von Saltanow, die er beim Stabe gehört hatte.

Rostow rauchte seine Pfeife und hörte achtlos zu. Ilin war ein junger Mensch von sechzehn Jahren, der kürzlich ins Regiment eingetreten war und jetzt zu Nikolai in demselben Verhältnis stand, wie Nikolai vor sieben Jahren zu Denissow. Ilin bemühte sich, Rostow in allem nachzuahmen und war wie eine Dame verliebt in ihn. Der Offizier mit dem Schnurrbart, Sdrschinsky, erzählte enthusiastisch, der Damm von Saltanow sei die »Thermopylen Rußlands« und auf diesem Damm habe General Rajewsky eine Heldentat, würdig des Altertums, vollbracht. Er habe unter jenem schrecklichen Feuer seine zwei Söhne auf den Damm geführt und sei mit ihnen zugleich zum Angriff vorgegangen. Rostow hörte zu, stimmte aber nicht in den Enthusiasmus Sdrschinskys ein, sondern sah eher wie ein Mensch aus, der sich dessen schämt, was man ihm erzählt. Rostow wußte aus eigener Erfahrung, daß bei Erzählungen kriegerischer Vorgänge immer gelogen wird, wie er selbst auch gelogen hatte, und daß alles anders vorgeht, als man darstellen und erzählen kann. Darum mißfiel ihm die Erzählung und der Erzähler selbst, und Rostow blickte ihn schweigend an.

»Erstens«, dachte er, »herrschte auf dem Damm wahrscheinlich eine solche Verwirrung und Gedränge, daß, wenn Rajewsky auch seine Söhne dahinführte, das höchstens auf die vordersten zehn Mann in seiner Nähe eine Wirkung haben konnte, die übrigen konnten nicht sehen, wie und mit wem Rajewsky auf den Damm ging. Aber auch diejenigen, die es sahen, konnten davon wenig begeistert sein, denn was gingen sie die zärtlichen, väterlichen Gefühle Rajewskys an, während ihre eigene Haut auf dem Spiele stand? Übrigens hing von dem Damm bei Saltanow nicht das Schicksal des Vaterlandes ab, wie damals von der Verteidigung des Engpasses von Thermopylä, und wozu solcher Eifer? Ich würde nicht nur meinen kleinen Bruder Peter nicht hingeführt haben, sondern nicht einmal Ilin, der mir doch fremd ist, wenn auch ein guter Junge. Ich hätte gesucht, ihn irgendwo in eine gedeckte Stellung zu bringen.« So dachte Rostow, während er Sdrschinsky zuhörte, sprach aber seine Gedanken nicht aus. Er wußte, daß diese Geschichte zur Verherrlichung unserer Waffen diente, und deshalb mußte man sich anstellen, als ob man nicht daran zweifelte.

»Es ist nicht auszuhalten«, sagte Ilin, »Hemd und Strümpfe sind ganz durchnäßt. Ich werde ein besseres Unterkommen suchen, es scheint, der Regen läßt nach.« Ilin ging und bald darauf auch Sdrschinsky.

Nach fünf Minuten kam Ilin zurück. »Hurra, Rostow! Schnell fort! Ich habe etwas gefunden. Zweihundert Schritte von hier ist ein Krug, wo die Unsrigen schon beisammen sind. Dort können wir uns wenigstens trocknen. Und Maria Henrichowna ist auch da.«

Das war die Frau des Regimentsarztes, eine junge, hübsche Deutsche, die der Doktor in Polen geheiratet hatte und jetzt überallhin beim Regiment mit sich nahm – vielleicht weil er wenig Mittel hatte, oder weil er in der ersten Zeit nach der Hochzeit sich nicht von der jungen Frau trennen wollte. Den Husarenoffizieren machte es viel Spaß, die Eifersucht des Doktors zu reizen.

Rostow warf den Mantel um, rief seinem Lawruschka zu, die Sachen einzupacken, und watete mit Ilin mühsam durch den zähen Schlamm. Die Finsternis wurde zuweilen durch fernes Wetterleuchten erhellt.

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