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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 140
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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140

Dieser Brief war dem Kaiser noch nicht übergeben worden, als Barclay bei Tisch Bolkonsky mitteilte, der Kaiser wünsche ihn zu sehen, um sich nach der Armee in der Türkei zu erkundigen, und er habe im Quartier Bennigsens um sechs Uhr abends zu erscheinen. An diesem selben Tag war die Nachricht von einer neuen Bewegung Napoleons eingelaufen, welche für die Armee gefährlich werden konnte, eine Nachricht, die sich aber schließlich als unrichtig erwies, und an demselben Morgen ritt Oberst Michaud mit dem Kaiser aus, um sämtliche Befestigungen von Drissa zu besichtigen und bewies ihm, daß dieses Lager, welches Pfuel befestigt hatte und welches als Gipfel der taktischen Vollkommenheit angesehen worden war, ein Unsinn und der Untergang für die russische Armee sei. Fürst Andree erschien im Quartier des Generals Bennigsen in einem kleinen Gutshof am Ufer des Flusses, fand aber weder Bennigsen noch den Kaiser dort. Aber Tschernischew, der Flügeladjutant des Kaisers, empfing Bolkonsky und sagte ihm, der Kaiser sei mit dem General Bennigsen und dem Marquis Paulucci heute schon zum zweitenmal ausgeritten, um die Befestigungen zu besichtigen, deren Wert man stark zu bezweifeln anfange.

Tschernischew saß beim Fenster des ersten Zimmers mit einem französischen Roman. Früher war es wahrscheinlich der Salon gewesen. Ein altes Klavier, mit Teppichen bedeckt, stand an der Wand, und in der einen Ecke das Bett des Adjutanten Bennigsens. Dieser Adjutant war zugegen, er lag, wahrscheinlich infolge eines leichten Krankseins, auf dem Bett und schlummerte. Aus dem Saal führten zwei Türen hinaus, die eine in das frühere Speisezimmer, die andere nach rechts in das Kabinett. Aus der ersten Tür hörte man Stimmen, welche Deutsch und zuweilen Französisch sprachen. Dort, im früheren Speisezimmer, war auf Wunsch des Kaisers, wenn nicht ein Kriegsrat, so doch eine Anzahl Personen versammelt (der Kaiser liebte die Unbestimmtheit), deren Meinung über die bevorstehenden Schwierigkeiten er zu hören wünschte. Zu diesem halben Kriegsrat waren der schwedische General Armfeldt, der Generaladjutant Wolzogen, dann Wintzingerode, Michaud, Toll, der durchaus kein Krieger war, ferner Graf Stein und endlich Pfuel selbst eingeladen, welcher, wie Fürst Andree hörte, die »Grundlage« des Ganzen war. Fürst Andree hatte Gelegenheit, ihn genau zu betrachten. Auf den ersten Blick erschien dem Fürsten Andree der General Pfuel in seiner schlecht sitzenden russischen Generalsuniform bekannt, obgleich er ihn nie gesehen hatte. Pfuel war von kleinem Wuchs, sehr hager, aber von breitem, gesundem, kräftigem Bau. Sein Gesicht war sehr faltig, mit tiefliegenden Augen. Die Haare waren bei den Schläfen augenscheinlich hastig mit der Bürste zurückgekämmt und standen hinten pinselartig in die Höhe. Er trat mit unruhigen, ärgerlichen Blicken ins Zimmer und wandte sich mit einer ungeschickten Bewegung an Tschernischew, den er auf deutsch fragte, wo der Kaiser sei. Als er hörte, der Kaiser besichtige die Befestigungen, lächelte er ironisch; in tiefem Baß und schroff, wie selbstgefällige Deutsche sprechen, murmelte er vor sich hin: »Unsinn! Zum Teufel die ganze Geschichte!« oder etwas der Art. Fürst Andree wollte durch das Zimmer gehen, aber Tschernischew stellte ihn Pfuel vor und bemerkte, Fürst Andree komme aus der Türkei, wo der Krieg so glücklich wie möglich beendigt worden sei.

»Das war wirklich ein regelmäßig-taktischer Krieg!« Und mit geringschätzigem Lachen ging er in das Zimmer, aus dem die Stimmen gehört wurden.

Pfuel war augenscheinlich gereizt dadurch, daß man es wagte, ohne ihn seine Befestigungen zu besichtigen. Bei dieser einzigen kurzen Begegnung mit Pfuel bildete sich Andree ein klares Bild dieses Mannes. Pfuel war einer jener Leute mit einem unerschütterlichen, fanatischen Selbstvertrauen, wie man sie nur unter den Deutschen findet, weil nur die Deutschen Selbstvertrauen haben auf Grund einer abstrakten Idee – der Wissenschaft, das heißt, der angeblichen Erkenntnis der vollkommenen Wahrheit. Der Franzose hat Selbstvertrauen, weil er sich persönlich als Geist und Körper für unwiderstehlich bezaubernd hält, sowohl für Männer als für Damen. Der Engländer hat Stolz und Selbstvertrauen darum, weil er ein Bürger des besteingerichteten Reichs der Welt ist und darum als Engländer immer weiß, was er zu tun hat und überzeugt ist, daß alles, was er als Engländer tut, unzweifelhaft gut sei. Der Italiener hat Selbstvertrauen, weil er von lebhaftem Temperament ist und leicht sich und andere vergißt. Der Russe hat Selbstvertrauen eben deshalb, weil er nichts weiß und nichts wissen will, weil er nicht glaubt, daß man irgend etwas sicher wissen könne. Der Deutsche besitzt ein stärkeres und widerlicheres Selbstvertrauen als alle anderen, weil er sich einbildet, er wisse die Wahrheit, die Wissenschaft, die er sich selbst erdacht hat, aber für absolute Wahrheit hält. – So war auch Pfuel. Er hatte eine Wissenschaft. Die Theorie der schiefen Bewegung, die er aus der Geschichte der Kriege Friedrichs des Großen abgeleitet hatte, und alles, was ihm in der neuesten Kriegsgeschichte vorkam, erschien ihm als Unsinn, Barbarei, als roher Zusammenstoß, in welchem von beiden Seiten nur Mißgriffe begangen werden. Er meinte, diese Kriege könnten nicht Kriege genannt werden, denn sie paßten nicht in seine Theorie und konnten daher nicht Gegenstand der Wissenschaft sein.

Im Jahre 1806 war Pfuel einer derjenigen, welche den Plan zu dem Kriege entworfen hatten, der mit Jena endigte, aber in dem unglücklichen Ausgang dieses Krieges sah er nicht den geringsten Beweis der Unrichtigkeit seiner Theorie. Er war einer jener Theoretiker, welche ihre Theorie so sehr lieben, daß sie das Ziel derselben darüber vergessen – ihre Anwendung auf die Praxis. Aus Liebe zur Theorie verabscheute er auch jede Praxis und wollte nichts davon wissen.

Er sprach einige Worte mit dem Fürsten Andree und Tschernischew und ging dann in das andere Zimmer, von wo sogleich seine Baßstimme vernehmbar wurde.

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