Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Lew Tolstoi >

Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 139
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
Schließen

Navigation:

139

Fürst Andree kam gegen Ende Juni im Hauptquartier an. Die erste Armee, bei der sich der Kaiser befand, lag in dem befestigten Lager bei Drissa. Die zweite Armee, welche, wie man sagte, durch starke französische Streitkräfte abgeschnitten war, suchte sich mit der ersten zu vereinigen. Alle waren unzufrieden über den Verlauf des Feldzugs, aber niemand dachte daran, daß der Krieg sich weiter erstrecken könne als über die westlichen polnischen Gouvernements.

Fürst Andree traf Barclay de Tolly, dem er zugeteilt war, am Ufer der Drissa. Da sich in der Nähe des Lagers kein größeres Dorf befand, so war die große Anzahl von Generalen und Höflingen, die sich bei der Armee befand, in einem Umkreis von zehn Kilometern in den besten Häusern verteilt. Barclay de Tolly hatte sein Quartier vier Kilometer vom Kaiser entfernt. Er empfing Bolkonsky kalt und trocken und sagte mit seiner deutschen Aussprache, er werde dem Kaiser über ihn Meldung machen, und bis der Kaiser Bestimmung über seine Verwendung getroffen haben werde, bitte er ihn, bei seinem Stabe zu bleiben. Anatol Kuragin fand Andree nicht bei der Armee. Er war in Petersburg, und diese Nachricht war Bolkonsky angenehm. Die Vorgänge des ungeheuren Krieges nahmen Fürst Andree ganz in Anspruch, und er war erfreut, den Gedanken an Kuragin auf einige Zeit loszuwerden. Während der ersten vier Tage besichtigte Fürst Andree das ganze befestigte Lager und suchte sich einen bestimmten Begriff davon zu machen. Die Frage, ob das Lager nützlich oder unnütz sei, ließ er unentschieden, er hatte aus seiner Kriegserfahrung schon die Überzeugung gewonnen, daß die tiefsinnigsten Pläne nichts bedeuten und daß alles davon abhängt, wie man unvorhergesehenen Bewegungen des Feindes begegnet, und durch wen und wie die Sache geleitet wird.

Als der Kaiser sich noch in Wilna befand, war das Heer in drei Armeen geteilt. Die erste stand unter Barclay de Tolly, die zweite unter Bagration und die dritte unter Tormassow. Der Kaiser befand sich bei der ersten Armee, aber nicht in der Eigenschaft eines Oberkommandierenden, er hatte auch nur einen Stab des Kaiserlichen Hauptquartiers bei sich und nicht den eines Oberkommandierenden. Außerdem befand sich in der Nähe des Kaisers ohne Kommando Araktschejew, der frühere Kriegsminister, dann Graf Bennigsen, im Rang der älteste General, der Großfürst, der Kanzler, Graf Rumjanzow, Stein, der frühere preußische Minister, der schwedische General Armfeldt, ferner General Pfuel, der hauptsächlich den Feldzugsplan ausgearbeitet hatte, General Paulucci und viele andere. Alle diese Personen hatten, wenn auch keine bestimmte Stellung, doch Einfluß, und oft wußte ein Korpskommandierender nicht, in welcher Eigenschaft bald von Bennigsen, bald vom Großfürsten, bald von Araktschejew ihm Befehle erteilt wurden und ob diese Herren für ihre Person sprachen, oder ob ein ihm in Form eines Rats erteilter Befehl vom Kaiser ausging, ob man ihn erfüllen müsse oder nicht. Aber das waren innerliche Umstände, der wirkliche Sinn der Anwesenheit des Kaisers und aller dieser Persönlichkeiten vom Standpunkt des Hofes aus war allen klar und war folgender: Der Kaiser nahm nicht das Oberkommando auf sich, aber verfügte über alle Armeen, die Leute, die ihn umgaben, waren seine Gehilfen. Araktschejew war der treue Vollführer, der Wächter der Ordnung und Leibwächter des Kaisers. Bennigsen war ein Gutsbesitzer aus dem Wilnaschen Gouvernement, welcher anscheinend mit der Aufnahme und Bewirtung des Kaisers beschäftigt, in Wirklichkeit aber ein guter General war, nützlich im Rat und als stets bereiter Ersatzmann für Barclay. Der Großfürst war hier, weil es ihm so gefiel. Der frühere Minister Stein war da, weil er nützlich im Rat war und weil Kaiser Alexander seine Eigenschaften hochschätzte. Armfeldt war ein boshafter Neider Napoleons, besaß großes Selbstvertrauen und hatte immer Einfluß auf Alexander. Paulucci war da, weil er dreist und entschieden sprechen konnte, die Generale waren da, weil sie überall waren, wo der Kaiser war, und endlich, was das wichtigste war, Pfuel war da, weil er den Plan zum Krieg gegen Napoleon entworfen hatte und, nachdem er Alexander von der Zweckmäßigkeit dieses Plans überzeugt hatte, die ganze Kriegsführung leitete. Bei Pfuel war Wolzogen, der die Gedanken Pfuels in leichter, verständlicherer Form wiedergab als Pfuel selbst, der scharfe Kabinettstheoretiker, dessen Selbstvertrauen bis zur Verachtung aller übrigen ging. Außer den genannten russischen und ausländischen Persönlichkeiten befanden sich noch viele Leute zweiten Ranges bei der Armee, weil ihre Vorgesetzten dort waren. Während Fürst Andree ohne Kommando bei Drissa lebte, schrieb Schischkin, der kaiserliche Sekretär, einen Brief an den Kaiser, welchen Balaschew und Araktschejew unterschrieben. In dem Brief machte er Gebrauch von der kaiserlichen Erlaubnis, seine Meinung über den Verlauf der Dinge zu äußern und riet dem Kaiser ehrerbietig, das Heer zu verlassen unter dem Vorwand der Notwendigkeit, das Volk in der Residenz zum Krieg zu begeistern.

Der Aufruf des Volkes zur Verteidigung des Vaterlandes, der die hauptsächlichste Grundlage des Sieges Rußlands war, wurde dem Kaiser als Vorwand, um die Armee zu verlassen, vorgestellt und von ihm angenommen.

 << Kapitel 138  Kapitel 140 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.