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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 137
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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137

Obgleich Balaschew an den Luxus des Hoflebens gewöhnt war, setzte ihn doch der Glanz am Hofe Napoleons in Erstaunen. Der Adjutant, Graf Turenne, führte ihn in ein großes Empfangszimmer, wo viele Generale, Kammerherren und polnische Magnaten warteten, von denen Balaschew viele am Hofe des russischen Kaisers gesehen hatte. Nach kurzen Worten trat ein Kammerherr in das Empfangszimmer, verbeugte sich höflich vor Balaschew und lud ihn ein, ihm zu folgen. Balaschew trat in ein kleines Empfangszimmer, von dem eine Tür in das Kabinett führte, dasselbe, aus dem ihn Kaiser Alexander abgesandt hatte. Rasch öffneten sich beide Flügeltüren, alles verstummte, und aus dem Kabinett kam Napoleon mit raschen, entschiedenen Schritten, in blauer Uniform, mit weißer Weste und Reitstiefeln. Sein weißer, dicker Hals trat scharf hervor aus dem schwarzen Kragen der Uniform, er war mit kölnischem Wasser parfümiert. Auf seinem Gesicht mit dem scharf hervortretenden Kinn lag der Ausdruck kaiserlicher Majestät und Gnade. Er beantwortete die tiefe Verbeugung Balaschews mit einem Kopfnicken, trat auf ihn zu und begann sogleich zu sprechen, wie ein Mann, der jede Minute seiner Zeit zu schätzen weiß.

»Guten Tag, General«, sagte er. »Ich erhielt den Brief des Kaisers Alexander, den Sie brachten, und bin sehr erfreut, Sie zu sehen.« Er blickte mit seinen großen Augen Balaschew in das Gesicht, sah aber dann sogleich daran vorüber. Augenscheinlich interessierte ihn die Persönlichkeit Balaschews nicht, sondern nur das, was in seiner eigenen Seele vorging. Alles, was außer ihm selbst lag, hatte für ihn keine Bedeutung.

»Ich wünsche keinen Krieg«, sagte er, »aber man hat mich dazu genötigt. Auch jetzt bin ich bereit, alle Erklärungen entgegenzunehmen, die Sie mir geben können«, begann er klar und kurz. Nach dem gemessenen, ruhigen Ton, in dem Napoleon sprach, war Balaschew fest überzeugt, daß er den Frieden wünsche und in Verhandlungen eintreten wolle. Balaschew erwiderte, der Kaiser Alexander vermöge keinen genügenden Grund zum Kriege zu erkennen und habe auch mit England keinerlei Beziehungen.

»Für jetzt noch nicht«, bemerkte Napoleon, nickte aber wieder, zum Zeichen, daß Balaschew fortfahren möge. Nachdem Balaschew die Erklärungen abgegeben hatte, zu denen er beauftragt worden war, erinnerte er sich an die Worte: »bis kein bewaffneter Feind mehr auf russischem Boden stehe«, aber er vermochte diese Worte nicht in ihrer ganzen Schroffheit auszusprechen und sagte nur: »Unter der Bedingung, daß die französischen Truppen hinter den Niemen zurückgehen.«

Napoleon bemerkte Balaschews Verlegenheit bei diesen Worten. Sein Gesicht zuckte, er sprach immer lauter und hastiger, und Balaschew bemerkte unwillkürlich, wie Napoleons linke Wade zuckte.

»Ich wünsche den Frieden nicht weniger als Kaiser Alexander«, begann er, »aber was verlangt man von mir?«

»Die Zurückziehung Ihrer Truppen hinter den Niemen«, sagte Balaschew.

»Hinter den Niemen«, wiederholte Napoleon. »Vor zwei Monaten hat man verlangt, ich soll hinter die Oder, hinter die Weichsel zurückgehen! Ein solches Verlangen kann man an einen Herzog von Baden richten, aber nicht an mich!« schrie Napoleon. »Auch wenn Sie mir Petersburg und Moskau gäben, würde ich diese Bedingung nicht annehmen! Sie sagen, ich habe diesen Krieg angefangen? Wer ist früher zu der Armee gereist? Der Kaiser Alexander, nicht ich! Und welchen Zweck hat Ihr Bündnis mit England? Was hat es Ihnen gegeben?« Je länger er sprach, desto weniger war er imstande, seine Rede zu lenken, welche sichtlich nur den Zweck hatte, sich selbst zu erheben und Alexander zu beleidigen, was er anfangs am wenigsten beabsichtigt hatte. Sobald er bemerkte, daß Balaschew etwas sagen wollte, unterbrach er ihn hastig. »Ich weiß, Sie haben Frieden mit den Türken geschlossen, ohne die Moldau und die Walachei zu erhalten. Ich hätte Ihrem Kaiser diese Provinzen gegeben, so wie ich ihm Finnland gegeben habe, jetzt aber wird er diese schönen Provinzen nie erhalten! Er hätte können Rußland von dem Bottnischen Meerbusen bis zur Mündung der Donau ausdehnen, was Katharina die Große nicht vermochte«, sagte Napoleon, immer hitziger werdend. »Das alles hätte er meiner Freundschaft zu verdanken.« Er zog die Tabaksdose aus der Tasche und nahm gierig eine Prise.

»Was er nur wünschen konnte, hätte Ihr Kaiser von meiner Freundschaft erhalten können«, sagte Napoleon, die Achsel zuckend, »aber er fand es besser, sich mit meinen Feinden zu umgeben. Er berief Stein zu sich, den Verräter, der aus seinem Vaterland verjagt wurde, Armfeldt, den verworfenen Intriganten, Wintzingerode, den flüchtigen Untertan Frankreichs, und Bennigsen, einen Soldaten, der ein wenig besser ist als die anderen, aber dennoch unfähig, der 1807 nichts zu tun verstanden hatte.«

Napoleon vermochte kaum der raschen Folge seiner Vorstellungen mit seinen Worten zu folgen, durch welche er sein Recht beweisen wollte oder seine Gewalt, was bei ihm ein und derselbe Begriff war.

»Barclay, sagt man, sei der tätigste, aber das kann ich nicht sagen, nach seinen ersten Begegnungen zu urteilen. Und was tun sie alle, diese Höflinge? Pfuel macht Vorschläge, Araktschejew streitet, Bennigsen beweist, und Barklay weiß nicht, was er tun soll, und so vergeht die Zeit. Nur Bagration ist ein wirklicher Krieger, er ist dumm, aber er hat Erfahrung und Entschlossenheit! Und welche Rolle spielt euer junger Kaiser in dieser Menge? Schon vor vier Wochen hat der Feldzug begonnen, und sie verstehen nicht, Wilna zu verteidigen. Sie sind in zwei Hälften zerschnitten und aus den polnischen Provinzen verjagt worden. Ihre Armee ist entmutigt.«

»Im Gegenteil, Majestät«, sagte Balaschew, welcher mit Mühe diesem Feuerwerk von Worten folgte, »das Heer glüht vor Verlangen . . .«

»Ich weiß alles«, unterbrach ihn Napoleon. »Ich kenne auch die Zahl Ihrer Batterien so gut wie die meinigen, ich habe nicht zweihunderttausend Mann, ich habe mehr als das Doppelte, und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich fünfhunderttausend Mann auf diesem Ufer der Weichsel habe.« Auf manche Phrase Napoleons wollte Balaschew etwas erwidern, aber Napoleon ließ ihn nicht zu Worte kommen. Balaschew wußte, daß alles, was Napoleon jetzt sagte, keine Bedeutung hatte, daß er sich selbst später dessen schämen werde.

»Was frage ich nach Ihren Verbündeten?« fuhr Napoleon fort. »Ich habe auch Verbündete, das sind die Polen, sie zählen achtzigtausend und schlagen sich wie Löwen und werden ihrer bald zweihunderttausend sein!« Noch mehr aufgeregt durch das, was er sagte, sprach Napoleon augenscheinlich die Unwahrheit, und noch mehr erregt durch das Schweigen Balaschews trat er mit heftiger Gebärde ihm näher. »Wissen Sie, daß ich, wenn Sie Preußen gegen mich aufregen, es von der Karte Europas auslöschen werde!« sagte er mit vor Wut zitternder Stimme. »Ja, ich werde Sie hinter die Düna werfen, hinter den Dnjepr, und ich werde Ihnen Grenzen anweisen, welche zu verletzen Ihnen Europa nur in verbrecherischer Verblendung erlauben wird! Ja, das wird Ihr Lohn sein!« Schweigend ging er einige Male im Zimmer auf und ab. Er steckte die Tabaksdose in die Westentasche, zog sie wieder heraus und blieb vor Balaschew schweigend mit spöttischen Blicken stehen. »Und welches prächtige Reich hätte Ihr Kaiser haben können!«

Balaschew fühlte die Notwendigkeit, etwas zu erwidern, und sagte, vom russischen Standpunkt aus erschienen die Dinge nicht in so düsterem Licht. Napoleon schwieg und hörte augenscheinlich nicht, was er sagte.

»Rußland erwartet von diesem Krieg das Beste«, schloß Balaschew. Napoleon zog wieder die Tabaksdose hervor, schnupfte und stieß zweimal mit dem Fuß auf den Fußboden. Die Tür öffnete sich, ein Kammerherr reichte mit höflichem Bückling dem Kaiser seinen Hut und Handschuhe, ein anderer brachte das Taschentuch. Ohne sie anzublicken, wandte sich Napoleon an Balaschew.

»Versichern Sie dem Kaiser Alexander«, sagte er, »meine Ergebenheit. Ich kenne ihn vollkommen und schätze seine bedeutenden Eigenschaften sehr hoch. Ich halte Sie nicht länger auf. General, Sie werden meinen Brief an den Kaiser erhalten.«

Napoleon ging rasch zur Tür. Aus dem Empfangszimmer stürzten alle vorwärts und eilten die Treppe hinab.

Balaschew wurde zur kaiserlichen Tafel gezogen. Der Brief an den Kaiser, den Balaschew erhielt, war der letzte Brief Napoleons an Alexander. Alle Einzelheiten des Gesprächs wurden dem russischen Kaiser mitgeteilt, und der Krieg begann.

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