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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 132
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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132

An demselben Abend machte Peter einen Besuch bei dem Grafen Rostow, um seinen Auftrag auszuführen. Natalie lag im Bett, und der Graf war im Klub. Peter übergab die Briefe Sonja und ging zu Maria Dmitrijewna, welche sehr gespannt darauf war, zu erfahren, wie Fürst Andree die Nachricht aufgenommen habe. Nach zehn Minuten kam Sonja zu Maria Dmitrijewna.

»Natalie wünscht durchaus den Grafen Peter Kirilitsch zu sehen«, sagte sie.

»Aber soll ich ihn zu ihr führen? Bei euch ist nicht aufgeräumt«, sagte Maria Dmitrijewna.

»Nein, sie hat sich angekleidet und ist in den Saal gegangen«, erwiderte Sonja. Maria Dmitrijewna zuckte mit den Achseln.

»Sie quält mich immer mit Fragen, wann die Gräfin komme. Nimm dich in acht, sage ihr nicht alles«, wandte sie sich zu Peter. »Sie spricht kein böses Wort, sie ist nur immer traurig.«

Natalie stand mitten im Saal mit bleichem, ernstem Gesicht, aber durchaus nicht beschämt, wie Peter erwartet hatte. Peter ging rasch auf sie zu, in der Erwartung, daß sie ihm wie immer die Hand reichen werde. Aber sie kam ihm entgegen, blieb vor ihm stehen, atmete schwer auf und ließ kraftlos die Arme sinken.

»Peter Kirilitsch«, sagte sie hastig, »Fürst Bolkonsky war Ihr Freund und ist es noch. Er sagte mir damals, ich solle mich an Sie wenden . . .« Peter blickte sie schweigend an. Er hatte sich bemüht, sie zu verachten, aber jetzt brachte das Mitleid alle Vorwürfe zum Schweigen.

»Er ist jetzt hier, sagen Sie ihm . . . er möge mir vergeben . . . vergeben!« Sie schwieg und atmete noch hastiger, weinte aber nicht.

»Ja, das werde ich ihm sagen«, erwiderte Peter, »aber . . .« Er wußte nicht, was er sagen sollte.

Natalie war sichtlich erschrocken darüber, daß Peter sie falsch verstehen könne. »Ich weiß, daß alles zu Ende ist«, sagte sie hastig. »Nein, es kann niemals sein! Mich quält nur der Gedanke, daß ich ihm Böses zugefügt habe. Sagen Sie ihm nur, ich bitte ihn, zu verzeihen! . . .« Sie zitterte am ganzen Körper und mußte sich niedersetzen.

Ein noch nie empfundenes überwältigendes Gefühl von Mitleid erfüllte Peter. »Ich werde es ihm sagen«, sagte er, »aber eins möchte ich wissen . . .«

»Was ist das?« fragte Natalies Blick.

»Ich möchte wissen, ob Sie ihn liebten? . . .« Peter wußte nicht, wie er Anatol nennen sollte und errötete, »ob Sie diesen schlechten Menschen liebten?«

»Nennen Sie ihn nicht schlecht«, sagte Natalie, »aber ich weiß nichts! – nichts!« Sie weinte.

»Sprechen wir nicht mehr davon«, sagte Peter.

So seltsam erschien Natalie plötzlich diese milde, herzliche Stimme.

»Sprechen wir nicht mehr davon. Ich werde ihm alles sagen, aber ich bitte Sie nur um eins, sehen Sie mich immer als Ihren Freund an, und wenn Sie Hilfe und Rat bedürfen, so denken Sie an mich!« Er ergriff ihre Hand und küßte sie. »Ich werde glücklich sein, wenn ich imstande bin . . .« Peter stockte verwirrt.

»Sprechen Sie nicht so mit mir, ich verdiene das nicht«, rief Natalie und wollte das Zimmer verlassen, aber Peter hielt sie an der Hand zurück. Er wußte, daß er noch etwas zu sagen hatte, aber als er es aussprach, war er selbst über seine Worte verwundert.

»Hören Sie auf zu weinen, das ganze Leben liegt noch vor Ihnen«, sagte er.

»Vor mir? Nein, für mich ist alles zu Ende«, sagte sie mit Beschämung.

»Alles zu Ende?« wiederholte er. »Wenn ich nicht ich wäre, sondern der schönste, größte und beste Mensch der Welt und frei wäre, so würde ich in diesem Augenblick Sie auf den Knien um Ihre Hand und Ihre Liebe bitten.«

Zum erstenmal seit vielen Tagen weinte Natalie Tränen der Dankbarkeit und Rührung. Mit einem Blick auf Peter verließ sie das Zimmer.

Nach ihr eilte auch Peter fast im Lauf ins Vorzimmer hinaus. Er konnte die Tränen der Rührung und des Glücks kaum zurückhalten. Er vermochte nicht den Ärmel zu finden, warf den Pelz um und setzte sich in den Schlitten.

»Wohin befehlen Sie?« fragte der Kutscher.

»Wohin?« wiederholte Peter. »Wohin kann ich jetzt fahren. In den Klub oder in Gesellschaft?« Alle Menschen schienen ihm jetzt so armselig im Vergleich mit dem Gefühl der Verehrung und Liebe, das er empfunden hatte.

»Nach Hause«, sagte Peter.

Es war eine helle Frostnacht. Über den schmutzigen, halbdunklen Straßen, über den schwarzen Dächern wölbte sich der dunkle Himmel. Dort oben stand der helle, ungeheure Komet von 1812, derselbe, welcher, wie man sagte, alle Schrecken und das Ende der Welt voraussagte. Aber in Peter erregte dieses Gestirn mit seinem langen, feurigen Schweif kein Gefühl des Schreckens, im Gegenteil, mit tränenfeuchten Augen blickte er hinauf nach dem feurigen Kometen, welcher mit unbeschreiblicher Schnelligkeit unermeßliche Strecken in parabolischer Linie durchlief. Die Erscheinung dieses Gestirns entsprach vollkommen dem, was in seiner zu neuem Leben erwachten Seele vorging.

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