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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 131
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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131

Peter fuhr zu Maria Dmitrijewna, um ihr zu versichern, daß ihr Wunsch erfüllt, und Kuragin aus Moskau fortgejagt sei. Das ganze Haus war in Angst und Aufregung. Natalie war sehr krank, und wie Maria Dmitrijewna ihm als Geheimnis mitteilte, hatte sie in derselben Nacht, nachdem sie erfahren, daß Anatol verheiratet sei, sich mit Arsenik vergiftet, das sie sich heimlich verschafft hatte. Nachdem sie einen Teil davon verschluckt, hatte das Entsetzen sie überwältigt, sie hatte Sonja geweckt und ihr gesagt, was sie getan hatte. Es wurden rechtzeitig Maßregeln gegen das Gift ergriffen, und jetzt war sie außer Gefahr, aber noch immer so schwach, daß man nicht daran denken konnte, sie aufs Gut zu bringen, deshalb hatte man nach der Gräfin gesandt.

Peter sah den ganz bestürzten Grafen und die verweinte Sonja, konnte aber Natalie nicht sehen.

Als Peter an diesem Tage im Klub speiste, hörte er von allen Seiten von der versuchten Entführung der Gräfin Rostow, denen er entgegentrat, indem er versicherte, sein Schwager habe Natalie einen Antrag gemacht und einen Korb erhalten. Peter hielt sich für verpflichtet, die ganze Sache zu verheimlichen und den Ruf Natalies wiederherzustellen.

Mit Angst erwartete er die Rückkehr des Fürsten Andree und erkundigte sich jeden Tag bei dem alten Fürsten.

Durch Mademoiselle Bouriennes Vermittlung hatte der Fürst alle Gerüchte, die in der Stadt umliefen, erfahren und den Brief an Marie gelesen, in welchem Natalie ihrem Bräutigam abschrieb. Er war vergnügter als gewöhnlich und erwartete seinen Sohn mit großer Ungeduld.

Einige Tage nach der Abreise Anatols erhielt Peter einen Brief vom Fürsten Andree, der ihn von seiner Ankunft benachrichtigte und ihn bat, ihn zu besuchen.

In den ersten Stunden nach seiner Ankunft in Moskau erhielt Fürst Andree von seinem Vater den Absagebrief Natalies an Marie, welchen Mademoiselle Bourienne Marie entwendet und dem alten Fürsten gebracht hatte. Er erfuhr auch von seinem Vater die Geschichte über die Entführung Natalies mit Ausschmückungen.

Am Morgen nach der Ankunft des Fürsten Andree fuhr Peter zu ihm. Er hatte erwartet, Andree fast in demselben Zustand wie Natalie zu finden, und war deshalb verwundert, als er in den Saal trat und aus dem Kabinett die laute Stimme des Fürsten Andree vernahm, welcher lebhaft von einer Petersburger Intrige sprach. Der alte Fürst und eine andere Stimme unterbrachen ihn zuweilen. Marie kam Peter entgegen. Seufzend wies sie mit der Hand nach der Tür, wo Fürst Andree sich befand, aber Peter sah an ihrem Gesicht, daß sie über das Vorgefallene erfreut war, sowie über die Art, wie ihr Bruder die Nachricht von der Treulosigkeit seiner Braut aufgenommen hatte.

»Er sagte, er habe das erwartet«, bemerkte sie. »Ich weiß, daß der Stolz ihm nicht erlaubt, seine Gefühle auszusprechen, aber er hat es doch besser, viel besser ertragen, als ich erwartet habe! Es sollte nun einmal so sein.«

»Aber ist wirklich alles zu Ende?« fragte Peter.

Fürstin Marie sah ihn verwundert an und begriff nicht, wie er so fragen konnte. Peter trat ins Kabinett. Fürst Andree war sehr verändert, schien viel gesünder geworden zu sein, aber zwischen den Augenbrauen zeigte sich eine neue Querfalte. Er stand im Salonanzug seinem Vater und dem Fürsten Meschtschersky gegenüber und sprach eifrig mit lebhaften Gebärden.

Man sprach von Speransky, von seiner plötzlichen Verschickung nach Sibirien und seinem angeblichen Verrat.

»Jetzt wird er von allen denen verurteilt, welche vor einem Monat ihn verherrlichten«, sagte Fürst Andree, »und welche nicht imstande waren, seine Ziele zu begreifen. Einen Menschen, der in Ungnade gefallen ist, zu verurteilen und alle Fehler anderer auf ihn zu wälzen ist leicht, aber ich sage, wenn etwas Gutes unter der jetzigen Regierung geschehen ist, so hat er, er allein es getan,« Als er Peter erblickte, zuckte sein Gesicht und nahm sogleich einen zornigen Ausdruck an.

»Nun, du wirst immer dicker«, sagte er lebhaft, aber die neue Falte auf seiner Stirn vertiefte sich. »Ja, ich bin gesund«, erwiderte er auf Peters Frage und lachte. Er sprach von den schrecklichen Wegen von der polnischen Grenze an, von Leuten, die er in der Schweiz getroffen hatte und Peter kannten, und von Monsieur Desalles, den er als Erzieher seines Sohnes vom Ausland mitgebracht habe, und mischte sich dann wieder mit Eifer in das Gespräch über Speransky.

»Wenn man Beweise von seinem Verrat und seiner geheimen Verbindung mit Napoleon hätte, so würde man sie dem ganzen Volk bekanntgemacht haben«, sagte er. »Persönlich liebte ich Speransky nicht, aber ich liebe die Wahrheit.«

Peter wußte, daß sein Freund das Bedürfnis nach Aufregung und Streit über eine fremde Sache nur deshalb empfand, um die ihn peinigenden Gedanken zu ersticken. Als Fürst Meschtschersky gegangen war, nahm Andree Peters Arm und lud ihn ein, in sein Zimmer zu kommen. Dort lagen offene Koffer und Taschen umher. Fürst Andree nahm aus einem der Koffer eine Schatulle und aus dieser ein Paket Papiere. Das alles tat er schweigend und hastig. Er erhob sich und hustete. Sein Gesicht war finster und die Lippen zusammengepreßt. »Verzeih, wenn ich dir beschwerlich falle!«

Peter begriff, daß Andree von Natalie reden wollte, und sein breites Gesicht drückte Teilnahme und Mitleiden aus. Aber Andree war erzürnt darüber und fuhr mit entschiedenem, lautem, unangenehmem Ton fort: »Ich habe von der Gräfin Rostow einen Absagebrief erhalten und Gerüchte gehört, daß dein Schwager sich um ihre Hand bemüht oder etwas der Art. Ist es wahr?«

»Es ist wahr und nicht wahr«, begann Peter, aber Fürst Andree unterbrach ihn: »Hier sind ihre Briefe und ihr Porträt!« Er nahm das Paket vom Tisch und übergab es Peter.

»Übergib das der Gräfin . . . wenn du sie siehst!«

»Sie ist sehr krank«, sagte Peter.

»Sie ist also noch hier?« fragte Andree, »und Fürst Kuragin?«

»Er ist schon lange abgereist. Sie war dem Tode nahe.«

»Ich bedaure sehr ihre Krankheit«, sagte Fürst Andree mit einem kalten, bösen, unangenehmen Lachen, das dem seines Vaters glich.

»Aber Herr Kuragin hat wahrscheinlich die Gräfin Rostow seiner Hand nicht würdig befunden?« sagte Andree und schnaubte mehrmals.

»Er konnte nicht heiraten, weil er schon verheiratet war«, sagte Peter.

Fürst Andree lachte spöttisch nach Art seines Vaters. »Wo ist er jetzt, dein Schwager, kann ich ihn sehen?«

»Er ist nach Petersb . . . ich weiß nicht genau«, erwiderte Peter.

»Das ist ganz gleichgültig«, sagte Andree. »Sage der Gräfin Rostow, daß sie vollkommen frei war und ist, und daß ich ihr das Beste wünsche.«

Peter ergriff das Paket Papiere. Fürst Andree blickte ihn einen Augenblick schweigend an, als ob er nachdenke, ob er nicht noch etwas zu sagen habe, oder als ob er erwartete, ob Peter ihm noch etwas sagen werde.

»Hören Sie mich an! Erinnern Sie sich unseres Streits in Petersburg?« sagte Peter.

»O ja«, erwiderte Andree rasch, »ich sagte, einer gefallenen Frau müßte man verzeihen. Aber ich habe nicht gesagt, daß ich verzeihen könne. Ich kann es nicht.«

»Kann man es vielleicht wieder gutmachen?« sagte Peter, aber Andree unterbrach ihn.

»Ja, nochmals um ihre Hand bitten, großmütig sein und dergleichen! Ja, das wäre sehr edel! Aber ich bin nicht imstande, den Spuren dieses Herrn zu folgen. Willst du mein Freund sein, so sprich niemals mit mir davon. Nun, Adieu! Du wirst es ihr übergeben?«

Peter ging zu dem alten Fürsten und Marie.

Der Alte schien heiterer als gewöhnlich zu sein, Marie aber war ebenso wie immer, aber auch in ihrem Mitgefühl für ihren Bruder sah Peter ihre Freude darüber, daß die Heirat ihres Bruders vereitelt war. Peter begriff, welche Verachtung und Wut sie alle gegen die Rostows hegten. Bei Tisch wurde über den bevorstehenden Krieg gesprochen. Fürst Andree sprach beständig, bald stritt er mit seinem Vater, bald mit Desalles, dem schweizerischen Erzieher. Peter aber erkannte sehr wohl die Ursache dieser Spannung und Lebhaftigkeit.

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