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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 130
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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130

Peter blieb nicht zu Tisch und machte sich sogleich auf den Weg, um Anatol zu suchen. Er suchte ihn lange vergebens an den verschiedensten Stellen und fuhr endlich in den Klub. Auch hier war Anatol nicht, und Peter erwartete ihn lange Zeit vergeblich, dann speiste er und fuhr nach Hause.

Währenddessen beriet sich Anatol mit Dolochow, wie man die mißlungene Geschichte wieder in Gang bringen könne. Es schien ihm unumgänglich nötig, Natalie zu sehen. Abends fuhr er zu seiner Schwester, um sie zu überreden, ihm dabei behilflich zu sein. Als Peter nach Hause kam, meldete ihm der Diener, Fürst Anatol sei bei der Gräfin. Der Salon war voll Gäste.

Ohne seine Frau zu begrüßen, die er seit seiner Rückkehr nicht gesehen hatte, und die er in diesem Augenblick mehr als jemals verabscheute, trat er in den Saal, wo er Anatol fand und ging sogleich auf ihn zu.

Die Gräfin kam ihm entgegen. »Ah, Peter!« sagte sie. »Du weißt nicht, in welchem Zustand sich unser Anatol befindet!« Sie stutzte beim Anblick seines gesenkten Kopfes, seiner glänzenden Augen, seines entschiedenen Gangs und jenes schrecklichen Ausdrucks der Wut und Kraft, den sie nach dem Duell mit Dolochow kennengelernt hatte.

»Wo Sie sind, da ist auch Verworfenheit und Laster!« erwiderte er seiner Frau. »Anatol, kommen Sie, ich muß mit Ihnen sprechen«, sagte er französisch. Anatol blickte sich nach seiner Schwester um und stand gehorsam auf. Peter ergriff seine Hand und zog ihn an sich, um das Zimmer zu verlassen.

»Wenn Sie sich erlauben, in meinem Salon . . .« flüsterte Helene, aber Peter verließ das Zimmer, ohne ihr zu antworten.

In seinem Kabinett angekommen, schloß Peter die Tür und wandte sich Anatol zu, dessen Miene Unruhe zeigte.

»Sie haben der Gräfin Rostow versprochen, sie zu heiraten? Sie wollten sie entführen?«

»Mein Lieber«, erwiderte Anatol französisch, wie das ganze Gespräch geführt wurde, »ich halte mich nicht verpflichtet, auf Fragen, die in solchem Ton gestellt werden, zu antworten.«

Auf Peters bleichem Gesicht flammte die Wut auf. Er ergriff mit seiner großen Hand Anatol am Kragen der Uniform und schüttelte ihn so lange, bis Anatols Gesicht einen genügenden Ausdruck von Schrecken annahm. »Ich spreche nur, weil ich nötig habe, mit Ihnen zu sprechen«, wiederholte Peter.

»Was soll das heißen? Das ist ganz unsinnig«, sagte Anatol, indem er den einen mit dem Tuch abgerissenen Knopf des Kragens befühlte.

»Sie sind ein nichtswürdiger Schurke! Ich weiß nicht, was mich abhält, Ihnen den Kopf damit zu zerschmettern?« rief Peter. Er hatte ein schweres Buch ergriffen, legte es aber sogleich wieder zurück. »Haben Sie versprochen, sie zu heiraten?«

»Ich . . . ich . . . dachte nicht daran . . .«

Peter unterbrach ihn.

»Haben Sie Briefe von ihr?«

Anatol steckte die Hand in die Tasche und brachte eine Brieftasche hervor. Peter nahm sie, stieß einen im Wege stehenden Tisch um und ließ sich auf dem Diwan nieder.

»Ich werde Ihnen nichts tun, fürchten Sie sich nicht«, sagte Peter, als er eine erschreckte Bewegung Anatols bemerkte. »Brief eins«, sagte er, als ob er eine Lektion sich selbst wiederholte, »zwei«, fuhr er nach kurzem Schweigen fort. Dann stand er wieder auf und ging auf und ab. »Sie müssen morgen Moskau verlassen!«

»Wie kann ich . . .«

»Drei«, fuhr Peter fort, ohne auf ihn zu hören. »Sie dürfen nie ein Wort darüber sprechen, was zwischen Ihnen und der Gräfin vorgefallen ist. Ich weiß, ich kann Ihnen das nicht verbieten, aber wenn Sie noch einen Funken von Gewissen haben . . .«

Peter ging mehrmals schweigend auf und ab. Anatol saß am Tisch und biß sich auf die Lippen.

»Sie müssen doch begreifen, daß es außer Ihrem Vergnügen auch noch etwas anderes in der Welt gibt – das Glück und die Ruhe anderer Menschen, und daß Sie ein ganzes Leben vernichten, nur, weil Sie sich amüsieren wollen. Amüsieren Sie sich mit Frauen von der Art meiner Frau. Bei ihnen sind Sie im Recht, diese wissen, was Sie von ihnen wollen, sie sind gewaffnet gegen Sie durch dieselbe Erfahrung in der Verworfenheit. Aber einem Mädchen die Ehe zu versprechen, sie zu betrügen . . . Begreifen Sie denn nicht, daß das ebenso gemein ist, als einen Greis oder ein Kind zu ermorden!«

Peter schwieg und sah Anatol nicht mehr mit wütenden, sondern mit fragenden Blicken an.

»Davon weiß ich nichts und will nichts davon wissen«, sagte Anatol, der dreister wurde, je mehr Peter seine Wut beherrschte. »Aber Sie haben solche Ausdrücke gebraucht, wie ich sie als Ehrenmann niemand erlaube!«

Peter sah ihn verwundert an, ohne zu begreifen, was er wollte.

»Obgleich das unter vier Augen geschah, kann ich doch nicht . . .«

»Wie? Wollen Sie Genugtuung?« fragte Peter spöttisch.

»Wenigstens können Sie Ihre Worte zurücknehmen, wie? Wenn Sie wollen, daß ich Ihren Wunsch erfüllen soll, wie?«

»Ich nehme sie zurück«, sagte Peter hastig, »und bitte Sie um Entschuldigung.« Unwillkürlich blickte er dabei nach dem abgerissenen Knopf. »Und wenn Sie Geld brauchen . . .« Anatols Miene zeigte ein schüchternes, gemeines Lächeln, das Peter an seiner Frau kennengelernt hatte. »O, gemeine, herzlose Rasse!« sagte er und verließ das Zimmer.

Am andern Tag reiste Anatol nach Petersburg.

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