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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 129
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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129

Seit der Ankunft seiner Frau in Moskau hatte Peter die Absicht, zu verreisen, nur um nicht mit ihr zusammen zu sein. Bald nach der Ankunft Natalies in Moskau veranlaßte ihn der Eindruck, den sie auf ihn machte, die Ausführung seiner Absicht zu beeilen. Er fuhr nach Iwer zu der Witwe Basdejews, welche schon lange versprochen hatte, ihm die Papiere des Verstorbenen zu übergeben.

Als Peter nach Moskau zurückkehrte, erhielt er einen Brief von Maria Dmitrijewna, welche ihn wegen einer wichtigen Sache zu sich rief. Auf dem Wege dahin rief ihn auf dem Iwerschen Boulevard jemand an.

»Peter, bist du schon lange wieder hier?« rief eine bekannte Stimme. In einem zweispännigen Schlitten saß Anatol mit seinem beständigen Begleiter Makarin. Anatol saß gerade, in der klassischen Haltung kriegerischer Stutzer. Ein Biberkragen umschloß seinen Hals, sein Gesicht war gerötet und frisch, der Hut mit dem weißen Federbusch saß auf der Seite und ließ seine pomadisierten und mit Schnee beworfenen Haare sehen.

»Wirklich, das ist ein wahrer Weiser«, dachte Peter, »er sieht nichts außer dem Augenblick des Vergnügens, nichts beunruhigt ihn und deshalb ist er immer so heiter und zufrieden. Was würde ich darum geben, so zu sein wie er!« dachte Peter neidisch. Im Vorzimmer sagte der Diener, welcher Peter den Pelz abnahm, Maria Dmitrijewna lasse ihn zu sich ins Schlafzimmer bitten.

Als Peter die Tür zum Saal öffnete, erblickte er Natalie, welche am Fenster saß mit hagerem, bleichem und zornigem Gesicht. Mit kühler Würde verließ sie das Zimmer.

»Was ist geschehen?« fragte Peter, als er zu Maria Dmitrijewna eintrat.

»Schöne Geschichten«, erwiderte sie, »fünfundfünfzig Jahre habe ich in der Welt gelebt, aber einen solchen Skandal habe ich nicht erlebt!« Sie nahm Peter sein Ehrenwort ab, über alles zu schweigen, was sie ihm sagen werde, und teilte ihm dann mit, daß Natalie ihrem Bräutigam ohne Wissen der Eltern einen Absagebrief geschrieben habe, daß die Veranlassung dazu Anatol Kuragin war, mit dem Peters Frau sie bekannt gemacht habe, und mit welchem Natalie in Abwesenheit ihres Vaters entfliehen und sich heimlich verheiraten wollte.

Peter hörte mit offenem Munde zu und traute seinen Ohren nicht. Das liebliche Bild Natalies, die er von Jugend auf kannte, vermochte er nicht mit der neuen Vorstellung von ihrer Erniedrigung und Torheit zu vereinigen. Er dachte an seine Frau. »Es ist eine wie die andere«, sagte er zu sich selbst und dachte, nicht ihm allein sei das traurige Geschick beschieden, an ein abscheuliches Weib gebunden zu sein. Aber er war doch bis zu Tränen gerührt um Fürst Andree, dessen Stolz er kannte, und je mehr er seinen Freund bedauerte, mit desto größerer Verachtung dachte er an diese Natalie, welche eben mit dem Ausdruck kalter Würde durch den Saal gegangen war. Er wußte nicht, daß das Herz Natalies mit Verzweiflung und Beschämung erfüllt war, und daß sie unschuldig daran war, daß ihr Gesicht unwillkürlich eine ruhige Würde ausdrückte.

»Heiraten?« wiederholte Peter. »Er ist ja schon verheiratet!«

»Es wird immer schöner! Ein prächtiger Junge! Ein richtiger Schurke! Sie aber wartet immer noch, schon den zweiten Tag! Man muß es ihr sagen, damit sie wenigstens aufhört zu warten.«

Nachdem die Dame von Peter die Einzelheiten von Anatols Verheiratung erfahren und ihrem Zorn in heftigen Reden Luft gemacht hatte, teilte sie ihm mit, warum sie ihn berufen habe. Sie fürchte, der Graf oder Bolkonsky, der jeden Augenblick ankommen könne, werde die Sache erfahren, die sie ihnen verbergen wolle, und Kuragin zum Duell herausfordern, und deshalb bat sie ihn, in ihrem Namen seinem Schwager zu befehlen, Moskau sogleich zu verlassen und ihr nicht wieder unter die Augen zu kommen. Peter versprach, ihren Wunsch zu erfüllen.

»Nimm dich in acht, der Graf weiß noch nichts«, sagte sie, als sie wieder in den Saal traten. »Tue so, als ob du von nichts wüßtest! Ich werde ihr jetzt sagen, sie brauche nicht mehr zu warten. Bleibe hier zu Tisch, wenn du willst!«

Peter traf den alten Grafen, welcher sehr verwirrt und betrübt aussah. Natalie hatte ihm an diesem Morgen gesagt, daß sie Bolkonsky einen Absagebrief geschrieben habe.

»Schlimm, schlimm, Freundchen«, sagte er zu Peter, »schlimm mit solchen Mädchen, wenn die Mutter nicht da ist. Wie tut es mir leid, daß ich hierhergekommen bin! Ich werde aufrichtig gegen Sie sein – haben Sie schon gehört, daß sie ihrem Bräutigam abgeschrieben hat, ohne jemand zu fragen? Ich war ja nie sehr erfreut über diese Verlobung! Zugestanden, er ist ein guter Mensch, aber gegen den Willen des Vaters zu heiraten, bringt kein Glück, und Natalie wird nicht ohne Bräutigam bleiben. Die Sache hat schon zu lange gedauert. Aber einen solchen Schritt zu tun, ohne Vater und Mutter zu fragen! Und jetzt ist sie krank! Gott weiß, wie das werden wird!«

Peter sah, daß der Graf ganz zerfahren war und bemühte sich, das Gespräch auf einen anderen Gegenstand zu lenken, aber der Graf kehrte immer wieder zu seinem Kummer zurück.

Sonja trat mit sorgenvoller Miene in den Saal.

»Natalie ist nicht ganz gesund, sie ist in ihrem Zimmer und wünscht Sie zu sehen«, sagte sie zu Peter. »Maria Dmitrijewna ist bei ihr und läßt Sie auch bitten.«

»Nun, Sie sind sehr befreundet mit Bolkonsky, wahrscheinlich will sie Ihnen einen Auftrag an ihn geben«, sagte der Graf. »Ach, mein Gott! Mein Gott! Wie schön war das alles!« Er faßte sich in seine dünnen grauen Haare und verließ das Zimmer.

Maria Dmitrijewna hatte Natalie mitgeteilt, daß Anatol verheiratet sei, aber Natalie wollte ihr nicht glauben und verlangte eine Bestätigung von Peter selbst: Dies teilte Sonja Peter mit, während sie ihn durch den Korridor nach dem Zimmer Natalies begleitete. Als Peter eintrat, begegnete er dem fieberhaft glänzenden, fragenden Blick Natalies. Sie lächelte nicht und nickte ihm nicht zu wie früher, sondern sah ihn nur starr an, und ihr Blick fragte nur eins, ob er ein Freund Anatols sei oder eben solch ein Feind wie alle anderen. Sonst schien er nicht für sie zu existieren.

»Er weiß alles, er wird dir sagen, ob ich die Wahrheit gesprochen habe«, sagte Maria Dmitrijewna. Wie ein verwundeter Hirsch nach den Hunden und Jägern blickt, sah Natalie bald Maria Dmitrijewna, bald Peter an.

»Natalie Ilitschna«, begann Peter mit gesenkten Augen, voll Mitleid und voll Widerwillen gegen die Operation, die er ausführen sollte, »ob es wahr ist oder nicht wahr, das muß für Sie ganz gleichgültig sein, denn . . .«

»Es ist also nicht wahr, daß er verheiratet ist?«

»Doch, es ist wahr.«

»Ist er schon lange verheiratet?« fragte sie. »Ihr Ehrenwort!«

Peter gab ihr sein Ehrenwort.

»Ist er noch hier?« fragte sie hastig.

»Ja, ich habe ihn soeben gesehen.«

Sie war nicht imstande zu sprechen und machte mit den Händen ein Zeichen, man solle sie allein lassen.

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