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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 128
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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128

Maria Dmitrijewna hatte Sonja weinend im Korridor getroffen und sie genötigt, ihr alles einzugestehen. Sie ergriff den Brief, las ihn und trat mit dem Brief in der Hand in Natalies Zimmer.

»Nichtswürdige! Schamlose!« rief sie. »Ich will nichts hören!« Sie stieß Natalie zurück, welche sie verwundert, aber mit trockenen Augen anblickte, schloß sie im Zimmer ein und befahl dem Dwornik, die Leute, welche heute abend kommen werden, einzulassen, aber niemand hinauszulassen, und dem Kutscher Gawrila befahl sie, jene Leute zu ihr zu führen. Dann setzte sie sich in Erwartung der Entführer in den Salon. Als Gawrila ihr meldete, die Leute seien entflohen, stand sie ärgerlich auf, legte die Hände auf den Rücken und, im Zimmer auf und ab gehend, überlegte sie lange, was sie tun sollte. Um zwölf Uhr nachts ging sie an das Zimmer Natalies. Sonja saß weinend im Korridor.

»Maria Dmitrijewna, lassen Sie mich zu ihr, um Gottes willen!« sagte sie, aber ohne ihr zu antworten schloß die Dame die Tür auf und trat ein.

»Abscheulich! . . . Nichtswürdig! . . . In meinem Hause! Eine so niedrige Person! Es tut mir nur um ihren Vater leid!« dachte Maria Dmitrijewna und bemühte sich, ihre Wut zu beherrschen. »So schwer es auch sein wird, werde ich doch allen befehlen, zu schweigen, und es dem Grafen verheimlichen.« Mit entschiedenen Schritten trat sie ins Zimmer. Natalie lag ruhig auf dem Diwan. Sie hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt und lag noch in derselben Lage, in der sie Maria Dmitrijewna verlassen hatte.

»Schön, sehr schön!« sagte die Dame. »In meinem Hause hält man Zusammenkünfte mit dem Liebhaber! Da ist nichts mehr zu verstellen! Höre, wenn ich mit dir spreche!« Maria Dmitrijewna berührte sie an der Hand. »Höre, wenn ich mit dir spreche! Du hast dich beschimpft wie das letzte Mädchen! Ich würde dich behandeln, wie du es verdienst, aber es tut mir um deinen Vater leid! Ich will es ihm verschweigen.«

Natalie änderte ihre Stellung nicht, aber ihr Körper wurde von lautlosem, krampfhaftem Weinen erschüttert. Maria Dmitrijewna blickte sich nach Sonja um und setzte sich neben Natalie auf den Diwan.

»Es ist sein Glück, daß er mir entkam! Aber ich werde ihn finden!« sagte sie mit ihrer groben Stimme. »Hörst du, was ich sage?« Sie schob ihre große Hand unter Natalies Gesicht und wandte es zu sich. Maria Dmitrijewna und Sonja sahen mit Erstaunen Natalies Gesicht an. Ihre Augen funkelten in trockenem Glanz, die Lippen waren geschlossen.

»Lassen Sie mich! . . . Ich . . . sterbe!« sagte sie. Sie riß sich mit einer zornigen Anstrengung von Maria Dmitrijewna los und nahm ihre frühere Lage wieder an.

»Natalie«, sagte Maria Dmitrijewna, »ich will nur dein Wohl! Höre mich an! Ich sage nichts darüber, wie sehr du dich vergangen hast, das weißt du selbst. Nun, und morgen kommt dein Vater! Was soll ich ihm sagen?«

Wieder zuckte Natalies Körper in krampfhaftem Weinen.

»Nun? Wenn er es erfährt? – Und dein Bruder? – Und dein Bräutigam?«

»Ich habe keinen Bräutigam, ich habe ihm abgeschrieben!« rief Natalie.

»Gleichviel«, fuhr Maria Dmitrijewna fort, »sie werden es erfahren! Was dann? Ich kenne deinen Vater, und wenn er ihn zum Duell herausfordert, wird das gut sein? Wie?«

»Ach, lassen Sie mich! Warum haben Sie sich eingemischt? Warum? Warum? Wer hat Sie gebeten?« schrie Natalie, welche sich vom Diwan erhoben hatte und Maria Dmitrijewna zornig ansah.

»Was wolltest du tun« rief Maria Dmitrijewna, wieder in Wut geratend. »Hat man dich etwa eingeschlossen? Wer hat ihn verhindert, das Haus offen zu besuchen? Warum brauchte er dich wie eine Zigeunerin zu entführen? Nun, und wenn er dich entführt hätte – glaubst du, man hätte ihn nicht gefunden? Dein Vater oder dein Bräutigam? Aber er ist ein Schurke, ein Elender!«

»Er ist besser als ihr alle!« schrie Natalie aufspringend. »Wenn Sie nicht alles verhindert hätten . . . Ach, mein Gott, Sonja, warum? . . . Geht! Geht! . . .« Sie brach in ein so verzweifeltes Weinen aus, wie man nur einen Kummer ausweint, den man sich selbst zuzuschreiben hat. Maria Dmitrijewna wollte wieder sprechen, aber Natalie schrie ihr zu: »Gehen Sie! Gehen Sie! Sie alle verabscheuen und verachten mich!« – Dann warf sie sich wieder auf den Diwan.

Maria Dmitrijewna fuhr noch einige Zeit fort, ihr ins Gewissen zu reden. Sie sagte, das alles müsse dem Grafen verborgen bleiben, niemand werde etwas erfahren, wenn nur Natalie alles vergessen und sich nicht merken lassen werde, daß etwas vorgefallen sei.

Natalie gab keine Antwort. Sie weinte nicht mehr und wurde von Frost geschüttelt. Maria Dmitrijewna legte ihr ein Kissen unter, bedeckte sie mit zwei Decken und brachte ihr selbst Lindenblütentee, aber Natalie gab noch immer keine Antwort.

»Nun, mag sie schlafen«, sagte Maria Dmitrijewna, das Zimmer verlassend, in der Meinung, sie sei eingeschlafen, aber Natalie schlief nicht und sah mit starren Augen vor sich hin. Die ganze Nacht schlief Natalie nicht, weinte auch nicht mehr und sprach kein Wort mit Sonja, welche mehrere Male aufstand und zu ihr ging.

Am anderen Morgen um die Frühstückszeit kam der Graf an, wie er versprochen hatte. Er kam von dem Gut und war sehr heiter, er hatte Aussicht, den Verkauf zustande zu bringen und jetzt hielt ihn nichts mehr in Moskau zurück. Er sehnte sich auch nach der Gräfin. Maria Dmitrijewna kam ihm entgegen und sagte ihm, Natalie sei gestern abend erkrankt, sie habe nach dem Arzt geschickt, jetzt aber befinde sie sich besser. Natalie verließ an diesem Morgen nicht ihr Zimmer. Mit festgeschlossenen Lippen und trockenen, starren Augen saß sie beim Fenster, betrachtete unruhig die Vorübergehenden in der Straße und blickte sich rasch um, wenn jemand ins Zimmer trat. Augenscheinlich erwartete sie, daß Kuragin Nachricht senden oder selbst kommen werde.

Als der Graf auf sie zutrat, wandte sie sich unruhig um und ihr Gesicht nahm den früheren kalten und sogar zornigen Ausdruck wieder an. Sie erhob sich nicht einmal, um ihm entgegenzugehen.

»Was ist dir, mein Engel? Bist du krank?« fragte der Graf.

Natalie schwieg. »Ja«, erwiderte sie endlich. Auf seine besorgten Fragen versicherte sie ihm, es sei nichts, und Maria Dmitrijewna bestätigte dem Grafen Natalies Versicherung, es sei nichts vorgefallen. Obgleich der Graf an der Verwirrung der Mädchen und den verlegenen Gesichtern Sonjas und Maria Dmitrijewnas nur zu deutlich sah, daß in seiner Abwesenheit etwas vorgefallen war, liebte er doch seine heitere Ruhe so sehr, daß er sich weiterer Fragen enthielt und sich einzureden suchte, es sei kein Grund zu Besorgnissen vorhanden.

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