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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 125
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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125

Als Sonja spät am Abend zurückkehrte, traf sie zu ihrer Verwunderung Natalie noch angekleidet schlafend auf dem Diwan. Vor ihr lag der offene Brief von Anatol. Sonja ergriff ihn und begann zu lesen. Sie las und sah Natalie ins Gesicht, um eine Erklärung für das zu finden, was sie las. Doch vergebens. Das Gesicht war ruhig, milde und glücklich. Sonja legte die Hand auf das Herz, um nicht zu ersticken, setzte sich, bleich und zitternd vor Schrecken und Aufregung, auf einen Stuhl und brach in Tränen aus.

»Wie war es möglich, daß ich nichts bemerkt habe. Wie konnte das so weit kommen? Sie liebt also den Fürsten Andree nicht mehr! Und wie konnte sie Kuragin so viel erlauben? Er ist ein Betrüger und Bösewicht, das ist klar. Was wird Nikolai sagen, der gute, edle Nikolai, wenn er das erfährt? Das also bedeutete ihr aufgeregtes, entschlossenes Wesen vorgestern, gestern und heute!« dachte Sonja. »Aber es kann nicht sein, daß sie ihn liebt! Wahrscheinlich hat sie diesen Brief geöffnet, ohne zu wissen, woher er kam, wahrscheinlich ist sie beleidigt!« Sonja wischte die Tränen ab, ging auf Natalie zu und betrachtete wieder ihr Gesicht.

»Natalie!« sagte sie kaum hörbar.

Natalie erwachte.

»Ah, du bist zurückgekommen?« Sie umarmte Sonja innig und zärtlich, aber als sie die Verwirrung in Sonjas Mienen bemerkte, wurde sie verlegen und argwöhnisch.

»Sonja, hast du den Brief gelesen?« fragte sie.

»Ja«, antwortete Sonja leise.

Natalie lächelte entzückt.

»Nein, Sonja, ich kann es dir nicht länger verbergen! Sonja, mein Täubchen; er schreibt mir . . . Sonja . . .«

Sonja traute ihren eigenen Ohren nicht und sah Natalie starr in die Augen. »Und Bolkonsky?« fragte sie.

»Ach, Sonja, ach, wenn du wissen könntest, wie glücklich ich bin!« sagte Natalie. »Du weißt nicht, was Liebe ist! . . .«

»Aber Natalie, ist das wirklich alles zu Ende?«

Natalie sah Sonja mit weit aufgerissenen Augen an, als ob sie ihre Frage nicht verstehe.

»Du willst den Fürsten Andree aufgeben?« fragte sie.

»Ach, du verstehst mich nicht, sprich keinen Unsinn!« erwiderte Natalie verdrießlich.

»Nein, ich kann es nicht glauben«, wiederholte Sonja. »Ich begreife es nicht, wie ist es möglich, daß du ein ganzes Jahr lang einen Mann liebst, und dann plötzlich . . . Und diesen hast du ja nur dreimal gesehen! Natalie, ich glaube dir nicht, du treibst Scherz, in drei Tagen alles zu vergessen und so . . .«

»Drei Tage?« erwiderte Natalie. »Mir scheint es, ich liebe ihn seit hundert Jahren und habe früher niemand geliebt! Das kannst du nicht verstehen, Sonja. Setze dich hierher!« Natalie umarmte und küßte sie. »Man hat mir gesagt, daß das vorkommt, und du hast es wahrscheinlich auch gehört! Aber ich habe jetzt eben erst diese Liebe empfunden. Das ist nicht wie früher. Sobald ich ihn sah, fühlte ich, daß er mein Gebieter ist und ich seine Sklavin bin, und daß ich nicht anders kann als ihn lieben! Ja, seine Sklavin, was er mir befiehlt, das tue ich! Das kannst du nicht begreifen. Was soll ich machen, Sonja?« sagte Natalie mit glücklichem und doch angstvollem Gesicht.

»Aber bedenke doch, was du tust«, erwiderte Sonja. »Ich kann das nicht zulassen! Diesen geheimen Brief! Wie konntest du es so weit kommen lassen?« sagte Sonja mit Schrecken und Abscheu, den sie mit Mühe verbarg.

»Ich habe dir gesagt«, erwiderte Natalie, »daß ich keinen Willen mehr habe. Verstehst du denn nicht, ich liebe ihn!«

»Ich werde das nicht zulassen, ich werde alles sagen!« rief Sonja, während ihre Tränen hervorstürzten.

»Um Gottes willen! Wenn du es sagst, so bist du meine Feindin!« rief Natalie. »Du willst mein Unglück! Du willst, daß man uns trennt . . .«

Beim Anblick dieser Angst Natalies weinte Sonja Tränen der Beschämung und des Mitleids. »Aber was ist denn zwischen euch vorgefallen?« fragte sie. »Was hat er dir gesagt? Warum macht er nicht ganz einfach einen Besuch?«

Natalie antwortete nicht auf ihre Fragen.

»Um Gottes willen, Sonja, sage niemand etwas davon! Quäle mich nicht!« bat Natalie. »Bedenke, man darf sich in solche Sachen nicht einmischen. Ich habe dir alles entdeckt!«

»Aber wozu diese Geheimnisse? Warum bittet er nicht offen um deine Hand? Fürst Andree hat dir volle Freiheit gegeben, im Fall es so weit kommen sollte, aber ich kann es nicht glauben, Natalie. Hast du bedacht, welche geheimen Gründe vorhanden sein können?«

Natalie blickte Sonja mit verwunderten Augen an. Diese Frage schien ihr noch neu zu sein, und sie wußte nicht, was sie darauf antworten sollte. »Ich weiß nicht, welche Gründe, aber er muß wohl Gründe haben.«

Sonja seufzte und wiegte ungläubig den Kopf. »Wenn Gründe vorhanden wären«, begann sie, aber Natalie erriet ihre Zweifel und unterbrach sie hastig.

»Sonja, du darfst nicht an ihm zweifeln, nein, du darfst nicht! Verstehst du?« rief sie.

»Liebt er dich?«

»Ob er mich liebt?« wiederholte Natalie mit mitleidigem Lächeln. »Du hast ja den Brief gelesen und hast es gesehen.«

»Aber wenn er ein unedler Mensch wäre!«

»Er – ein unedler Mensch! Ach, wenn du ihn kennen würdest!« erwiderte Natalie.

»Wenn er ein edler Mensch wäre, so müßte er entweder seine Absichten offen erklären oder dich nicht mehr sehen. Aber wenn du das nicht willst, dann tue ich es! – Ich schreibe ihm und sage alles Papa«, erklärte Sonja mit Entschiedenheit.

»Ich kann nicht ohne ihn leben«, rief Natalie.

»Natalie, ich begreife dich nicht. Denke an deinen Vater und an Nikolai!«

»Ich habe niemand nötig und liebe niemand außer ihm. Wie unterstehst du dich zu sagen, er sei unedel! Du weißt wohl nicht, daß ich ihn liebe?« rief Natalie. »Sonja, geh! Ich will nicht mit dir streiten. Geh, ich bitte dich! Du siehst, wie ich leide« rief Natalie heftig mit zitternder, verzweifelter Stimme. Sonja verließ weinend das Zimmer.

Natalie trat an den Tisch, und ohne einen Augenblick zu zögern, schrieb sie an die Fürstin Marie die Antwort, welche sie den ganzen Morgen nicht zustande gebracht hatte. In diesem Brief erklärte sie kurz, alle Mißverständnisse seien zu Ende. Sie mache Gebrauch davon, daß Fürst Andree ihr beim Abschied großmütig Freiheit gelassen habe. Sie bitte ihn, zu vergessen und ihr zu vergeben, aber sie könne nicht seine Frau sein. Alles das erschien ihr so einfach, so klar in diesem Augenblick.


Die Abreise Rostows nach dem Gut war auf Freitag festgesetzt, und Mittwoch fuhr der Graf mit einem Käufer nach seinem Gut bei Moskau.

Für diesen Tag waren Sonja und Natalie zu einem großen Diner bei Karagin eingeladen, und Maria Dmitrijewna führte sie dahin. Hier traf Natalie wieder mit Anatol zusammen, und Sonja bemerkte, daß sie mit ihm heimlich etwas sprach und während des ganzen Diners noch aufgeregter war als zuvor. Als sie nach Hause zurückgekehrt waren, begann Natalie Sonja die Aufklärung zu geben, welche diese erwartete.

»Siehst du, Sonja, du hast ihn falsch beurteilt«, begann Natalie mit milder Stimme, wie Kinder, wenn sie erwarten, daß man sie loben werde. »Ich habe mich jetzt mit ihm ausgesprochen.«

»Nun, was hat er gesagt, Natalie? Wie freue ich mich, daß du mir nicht zürnst! Sage mir alles, die ganze Wahrheit! Was hat er gesagt?«

Natalie dachte nach. »Ach, Sonja, wenn du ihn so kennen würdest wie ich! Er sagte . . . Er fragte mich, was ich Bolkonsky versprochen habe, und war erfreut darüber, zu hören, daß es von mir abhängt, ihm abzusagen.«

»Aber du hast doch Bolkonsky nicht abgesagt?« fragte sie.

»Vielleicht doch, vielleicht ist mit Bolkonsky alles zu Ende. Warum denkst du so schlecht von mir?«

»Ich denke nichts! Ich begreife nur nicht . . .«

»Warte nur, Sonja, du wirst alles begreifen, du wirst sehen, was er für ein Mann ist. Denke nichts Schlechtes, weder von mir noch von ihm.«

»Ich denke über niemand etwas Schlechtes, ich habe Liebe und Mitleid für alle. Aber was soll ich machen?«

Sonja traute nicht dem zärtlichen Ton Natalies. Je milder und freundschaftlicher Natalie war, desto ernster und strenger wurde Sonjas Stimme. »Natalie«, sagte sie, »du hast mich gebeten, nicht mit dir darüber zu sprechen, und ich habe geschwiegen. Jetzt aber hast du selbst begonnen. Natalie, ich traue ihm nicht! Wozu dieses Geheimnis?«

»Schon wieder?« unterbrach sie Natalie.

»Natalie, mir ist angst um dich!«

»Was fürchtest du?«

»Ich fürchte, du wirst ins Unglück gehen«, seufzte Sonja entschieden, selbst erschrocken über das, was sie sagte.

Natalies Miene wurde zornig. »Unglück! Unglück! Das ist nicht deine Sache! Lasse mich, ich verabscheue dich!«

»Natalie!« rief Sonja erschrocken.

»Ich verabscheue dich! Du bist meine Feindin für immer!« Natalie stürzte aus dem Zimmer.

Von jetzt an vermied sie Sonja. Mit dem Ausdruck von aufgeregter Verwunderung und Schuldbewußtsein ging sie durch die Zimmer, ergriff bald dies, bald das und warf es wieder weg. Sonja wandte kein Auge von ihr ab.

Am Tage vor der erwarteten Rückkehr des Grafen bemerkte Sonja, daß Natalie den ganzen Morgen am Fenster des Saales saß, als ob sie jemand erwartete, und daß sie einem vorübergehenden Offizier, den Sonja für Anatol hielt, ein Zeichen gab.

Sonja beobachtete Natalie noch schärfer und bemerkte, daß sie bei Tisch und den ganzen Abend sich in einem schrecklich aufgeregten Zustand befand, unverständliche Antworten gab, in halben Sätzen zu sprechen anfing und über alles lachte.

Nach dem Tee sah Sonja, daß die Kammerzofe Natalie heimlich bei der Tür erwartete. Sonja horchte an der Tür und vernahm, daß wieder ein Brief gebracht wurde.

Jetzt wurde es Sonja klar, daß Natalie einen schrecklichen Plan für diesen Abend hatte.

Sonja klopfte an ihre Tür an, aber Natalie ließ sie nicht ein.

»Sie wird mit ihm entfliehen«, dachte Sonja. »Sie ist zu allem fähig! Heute hatte ihr Gesicht einen so besonderen, entschlossenen Ausdruck. Sie weinte, als sie ihrem Vater Adieu sagte! Ja, es ist kein Zweifel, sie will mit ihm entfliehen! Aber was soll ich machen?« dachte Sonja und erinnerte sich jetzt aller der Anzeichen, welche klar bewiesen, daß Natalie im Begriffe war, ein schreckliches Vorhaben auszuführen. »Der Graf ist nicht zu Hause, was soll ich tun? Soll ich Kuragin schreiben? Von ihm Aufklärung verlangen? Aber wird er antworten? Soll ich Peter schreiben, wie Fürst Andree gebeten hat, falls ein Unglück vorfallen sollte? Aber vielleicht hat sie wirklich Bolkonsky abgesagt. Gestern hat sie an die Fürstin Marie einen Brief abgesandt. Wenn doch der Onkel da wäre!«

Maria Dmitrijewna Mitteilung zu machen, welche eine so hohe Meinung von Natalie hatte, erschien Sonja entsetzlich.

»Wie es auch sein mag«, dachte Sonja, als sie im dunklen Korridor stand, »jetzt ist der Augenblick gekommen, zu beweisen, daß ich der Wohltaten ihrer Familie gedenke und Nikolai liebe! Wenn ich auch drei Nächte nicht schlafen sollte, ich verlasse diesen Korridor nicht und halte sie mit Gewalt zurück. Ich lasse es nicht zu, daß ihre Familie mit Schimpf beladen wird.«

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