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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 124
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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124

Am andern Morgen nach dem Frühstück saß Maria Dmitrijewna auf ihrem Lehnstuhl und rief Natalie und den alten Grafen zu sich.

»Ich habe mir jetzt die Sache überlegt«, sagte sie, »und das ist mein Rat: Gestern, wie ihr wißt, war ich beim Fürsten Bolkonsky und sprach mit ihm. Er wollte mich anfahren, aber ich lasse mich nicht überschreien, ich habe ihm alles vorgesungen.«

»Nun, was meint er?« fragte der Graf.

»Der Fürst ist verrückt . . . will nichts hören! Nun, was ist da zu reden? Aber mein Rat ist der, ihr beendigt eure Geschäfte und fahrt nach Hause, nach Otradno, und dort wartet ihr! . . .«

»Ach nein«, rief Natalie.

»Doch, es ist durchaus nötig«, sagte Maria Dmitrijewna. »Wenn jetzt der Bräutigam hierherkommt, so geht es nicht ohne Zank ab. Er muß allein mit dem Alten fertig werden, und dann reist er euch nach! Das ist vernünftig. Wenn der alte Fürst nachgibt, so ist es besser, ihn später in Moskau oder Lysy Gory zu besuchen, wenn nicht, so kann die Hochzeit gegen seinen Willen nur in Otradno stattfinden.«

»Das ist vollkommen richtig«, sagte der Graf. »Es tut mir nur leid, daß ich ihn hier besuchte und ihm Natalie vorstellte.«

»Nein, da ist nichts zu bedauern. Da ihr einmal hier wart, so ging es nicht an, ihm keinen Besuch zu machen. Nun, wenn er nicht will, so ist es seine Sache. Und die Aussteuer ist auch fertig, was habt ihr hier noch zu warten? Was nicht fertig ist, werde ich nachsenden, und wenn es mir auch leid tut, so ist es am besten, ihr fahrt mit Gott!« Sie suchte etwas in ihrer Handtasche und überreichte es Natalie. Es war ein Brief von Fürstin Marie.

»Das ist für dich! Sie fürchtet, du möchtest glauben, sie liebe dich nicht!«

»Nun ja, sie liebt mich auch nicht«, bestätigte Natalie.

»Sprich keinen Unsinn!« rief Maria Dmitrijewna.

»Ich glaube niemand mehr. Ich weiß einmal, daß sie mich nicht liebt«, erwiderte Natalie kühn. Sie nahm den Brief mit einer trockenen, feindseligen Entschlossenheit in ihrer Miene, welche Maria Dmitrijewna auffiel.

»Höre, Mütterchen, gib mir nicht so eine Antwort! Was ich sage, das ist wahr! Schreibe eine Antwort!«

Natalie ging schweigend in ihr Zimmer, um den Brief zu lesen.

Fürstin Marie schrieb, sie sei in Verzweiflung wegen des Mißverständnisses, das sich zwischen sie eingedrängt habe. Was auch die Gefühle ihres Vaters sein mögen, sie bitte Natalie, zu glauben, daß sie nicht anders könne als sie zu lieben, als diejenige, die ihr Bruder erwählt habe, für dessen Glück sie zu jedem Opfer bereit sei.

»Übrigens«, schrieb sie im Original: er »müssen Sie nicht glauben, daß mein Vater Ihnen feindlich gesinnt sei. Er ist ein kranker, alter Mann, und man muß ihn entschuldigen. Aber er ist gut und großmütig und wird diejenige lieben, die seinen Sohn glücklich macht.« Marie bat schließlich Natalie, ihr eine Zeit zu bestimmen, zu der sie sie besuchen könne.

Nachdem Natalie den Brief gelesen hatte, saß sie am Schreibtisch, um die Antwort zu schreiben.

»Liebe Fürstin!« schrieb sie rasch französisch und dann hielt sie an.

Was konnte sie noch weiter schreiben, nach dem, was gestern vorgefallen war? »Ja, ja, das alles gehört der Vergangenheit an, jetzt aber ist alles anders«, dachte sie. »Soll ich ihm einen Absagebrief schreiben? Ist das wirklich nötig? Es ist entsetzlich!« Und um diesen schrecklichen Gedanken, zu entfliehen, ging sie zu Sonja, und sie wählten miteinander Muster aus.

Nach Tisch ging Natalie in ihr Zimmer und ergriff wieder den Brief von Marie.

»Ist wirklich alles zu Ende?« dachte sie. »Und so schnell ist das gekommen und hat alles vernichtet!« Mit ihrer ganzen früheren Kraft erinnerte sie sich ihrer Liebe zu dem Fürsten Andree und fühlte zugleich, daß sie auch Kuragin liebte. Sie stellte sich lebhaft als Frau des Fürsten Andree vor und das ihr längst gewohnte Bild des Glückes mit ihm, zugleich aber sah sie, glühend vor Aufregung, vor sich alle Einzelheiten ihres gestrigen Wiedersehens mit Anatol.

»Warum kann ich nicht beide lieben?« dachte sie zuweilen in vollkommener Geistesverwirrung. »Nur dann wäre ich vollkommen glücklich! Jetzt aber soll ich wählen, und wenn einer von beiden mir fehlt, kann ich nicht glücklich sein! Dem Fürsten alles zu sagen, was geschehen ist, oder alles zu verbergen – beides ist unmöglich! Soll ich wirklich für immer von diesem Liebesglück mit dem Fürsten Andree Abschied nehmen, in dessen Erwartung ich so lange gelebt habe?«

»Fräulein«, flüsterte die Kammerzofe, welche in das Zimmer trat, »ein Herr hat mir befohlen, Ihnen das zu übergeben!« Das Mädchen reichte ihr einen Brief. »Aber um Gottes willen . . .« sagte das Mädchen.

Natalie erbrach, ohne sich zu besinnen, mit einer mechanischen Bewegung das Siegel und las einen Liebesbrief von Anatol, von dem sie kein Wort verstand. Sie hielt diesen leidenschaftlichen Liebesbrief in ihren zitternden Händen, den Dolochow für Anatol verfaßt hatte, und fand darin den Widerhall alles dessen, was sie selbst zu fühlen glaubte.

»Seit gestern abend ist mein Entschluß gefaßt, von Ihnen geliebt zu sein oder zu sterben! Es gibt keine andere Wahl für mich!« so begann der Brief. Dann schrieb er, er wisse wohl, daß ihre Eltern sie ihm, Anatol, nicht geben würden, aus einem geheimnisvollen Grund, den er nur ihr allein anvertrauen könne. Aber wenn sie ihn liebe, so brauche sie nur das Wörtchen »ja« auszusprechen, und keine menschliche Gewalt werde ihr wonniges Glück zu stören imstande sein. »Die Liebe überwindet alles!«

»Ja, ja, ich liebe ihn!« dachte Natalie, als sie den Brief zum zwanzigsten mal gelesen hatte, wobei sie in jedem Wort einen tiefen, besonderen Sinn suchte.

An diesem Abend fuhr Maria Dmitrijewna zu Acharow und schlug den Mädchen vor, sie zu begleiten. Natalie aber schützte Kopfschmerz vor und blieb zu Hause.

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