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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 122
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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122

Am folgenden Tag blieben Rostows zu Hause und es kam auch niemand zum Besuch. Maria Dmitrijewna sprach heimlich mit dem Grafen, und Natalie erriet mit Verdruß, daß sie von dem alten Fürsten sprachen, daß sie etwas zu tun beabsichtigten. Sie erwartete jeden Augenblick den Fürsten Andree und sandte zweimal täglich Diener nach dem Postgebäude, um sich zu erkundigen, ob er noch nicht gekommen sei.

Er kam nicht, und sie fühlte sich jetzt mehr von Schwermut bedrückt als in der ersten Zeit nach ihrer Ankunft. Sie fürchtete, er werde niemals kommen, oder noch vor seiner Ankunft werde ihr etwas zustoßen. Wenn sie an ihn dachte, so erwachte sogleich auch die Erinnerung an ihren Besuch bei dem alten Fürsten, an Marie, an das Theater und an Kuragin. Den Hausgenossen erschien Natalie lebhafter als gewöhnlich, aber sie war nicht mehr so ruhig und glücklich wie zuvor. Am Sonntag führte Marie Dmitrijewna ihre Gäste zur Frühmesse, als sie zurückkamen, fanden sie die Modistin, Madame Chalmé, vor. Natalie wurden neue Kleider angemessen und anprobiert, was ihr eine willkommene Unterbrechung war. Während sie vor dem Spiegel stand, um zu sehen, ob der Rücken gut sitze, vernahm sie im Salon eine lebhafte Unterhaltung ihres Vaters mit einer weiblichen Stimme. Es war die Stimme Helenes. Die Tür öffnete sich, und die Gräfin Besuchow trat strahlend mit freundlichem Lächeln, im dunkelroten Sammetkleid mit hohem Kragen, ein.

»Reizend«, sagte sie zu der errötenden Natalie. »Nein, das ist nicht zu verantworten, Graf, in Moskau zu leben und niemand zu besuchen! Heute abend wird Mamsell Georges bei mir deklamieren, und wenn Sie nicht Ihre Schönheiten mitbringen, welche noch hübscher sind als Mamsell Georges, so will ich Sie nicht mehr kennen. Mein Mann ist nicht da, er ist nach Iwer gefahren, sonst hätte ich ihn zu Ihnen gesandt.« Sie schwatzte fortwährend heiter und freundschaftlich und bewunderte fortwährend die Schönheit Natalies.

Natalie lächelte vergnügt und fühlte sich beinahe verliebt in diese schöne und liebenswürdige Frau. Helene war gekommen, weil Anatol sie gebeten hatte, ihn mit Natalie zusammenzuführen, ein Auftrag, von dessen Ausführung sie sich viel Vergnügen und Unterhaltung versprach. Obgleich sie früher Natalie grollte, weil sie ihr in Petersburg Boris entfremdet hatte, dachte sie jetzt nicht mehr daran und wünschte Natalie von Herzen nur Gutes. Ehe sie abfuhr, rief sie ihren Schützling beiseite.

»Gestern hat mein Bruder bei mir gespeist. Wir wollten sterben vor Lachen! Er ißt nichts und seufzt nach Ihnen! Er ist wahnsinnig in Sie verliebt.«

Natalie errötete tief bei diesen Worten.

»Wie sie errötet! Entzückend!« sagte Helene. »Aber kommen Sie jedenfalls! Daß Sie jemand lieben, ist doch kein Grund, sich einzuschließen! Und ich bin überzeugt, Ihr Bräutigam kann auch nicht wünschen, daß Sie vor Langeweile sterben.«

»Sie weiß also, daß ich Braut bin«, dachte Natalie. »Sie hat jedenfalls mit ihrem Mann, mit dem rechtschaffenen Peter darüber gesprochen und gelacht. Es ist also ganz unbedenklich.« Und unter dem Einfluß Helenes erschien ihr wieder alles einfach und natürlich, was ihr früher schrecklich erschienen war.

Maria Dmitrijewna kam zu Tisch nach Hause. Sie war schweigsam und ernst und schien mit dem alten Fürsten einen Zusammenstoß gehabt zu haben. Sie war noch zu sehr aufgeregt, um die Sache ruhig erzählen zu können. Auf die Frage des Grafen erwiderte sie, es sei alles gut und sie werde morgen erzählen. Über den Besuch der Gräfin Besuchow und die Einladung zu ihrer Abendgesellschaft sagte Maria Dmitrijewna: »Ich liebe nicht, mit dieser Frau umzugehen und rate es euch auch nicht. Aber wenn du es versprochen hast, so fahre hin, mein Kind, das wird dich zerstreuen.«

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