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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 120
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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120

Im Zwischenakt öffnete sich die Tür zu Helenes Loge, und Anatol trat ein. »Erlauben Sie mir, Ihnen meinen Bruder vorzustellen!« Natalie wandte über ihre nackte Schulter ihr hübsches Köpfchen Anatol zu. Er setzte sich zu ihr und sagte, er habe schon lange nach diesem Vergnügen getrachtet. Kuragin war in Gesellschaft von Damen viel geistreicher und einfacher als unter Männern. Er sprach ungezwungen und einfach, und Natalie sah mit Erstaunen, daß an diesem Menschen nicht nur nichts Schreckliches zu bemerken war, wovon sie so viel gehört hatte, sondern im Gegenteil nur ein naives, heiteres Lächeln. Kuragin fragte, wie Natalie die Oper gefalle, und erzählte, wie neulich die Semenow während der Vorstellung gefallen sei.

»Wissen Sie, Gräfin«, sagte er plötzlich, wie zu einer alten Bekannten, »wir werden ein Karussell in Kostümen aufführen, Sie sollten daran teilnehmen! Es wird sehr heiter werden, alle versammeln sich bei Acharow. Ich bitte, kommen Sie! Nicht wahr?«

Während er sprach, ließ er seine lächelnden Blicke über ihr Gesicht, ihren Hals und ihre bloßen Arme schweifen. Natalie sah mit Vergnügen, daß er entzückt war, aber dennoch wurde ihr seine Gegenwart drückend. Wenn sie ihn nicht ansah, fühlte sie seinen Blick auf ihren Schultern, und unwillkürlich wandte sie sich um und fing seinen Blick auf, damit er ihr lieber in die Augen sehe. Wenn sie sich aber in die Augen sahen, so fühlte sie mit Schrecken, daß zwischen ihm und ihr nicht jene Schranke der Schamhaftigkeit bestehe, welche sie immer zwischen sich und anderen Männern fand. Sie sprachen von den einfachsten Dingen und doch fühlte sie, daß sie ihm so nahe stehe wie niemals einem Mann. Natalie blickte nach Helene und nach ihrem Vater, als ob sie fragen wollte, was das bedeute. Aber Helene war im Gespräch mit einem General, und der Blick ihres Vaters sagte ihr nichts, als wie immer: »Bist du vergnügt? Nun, das freut mich!«

In einem Augenblick, als Schweigen eintrat, währenddessen seine glänzenden Augen ruhig und hartnäckig auf sie gerichtet waren, fragte ihn Natalie, um dieses Schweigen zu brechen, wie ihm Moskau gefalle, und errötete. Beständig hatte sie das Gefühl, daß sie etwas Unpassendes tue oder spreche. Anatol lächelte ermutigt.

»Anfangs gefiel es mir schlecht, denn was macht eine Stadt angenehm? Das sind hübsche Damen, nicht wahr? Nun, jetzt gefällt es mir sehr!« sagte er mit einem bedeutsamen Blick. »Sie kommen zu dem Karussell, Gräfin? Bitte, kommen Sie!« drängte er, streckte die Hand nach ihrem Bukett aus und sagte mit leiser Stimme: »Sie werden die Schönste sein! Bitte, kommen Sie, liebe Gräfin, und geben Sie mir zum Pfand diese Blumen!«

Natalie verstand das, was er sagte, nicht so wie er selbst, aber sie fühlte, daß in den ihr unverständlichen Worten ein versteckter, unerlaubter Sinn lag. Sie wußte nicht, was sie sagen sollte und wandte sich ab, als ob sie nicht gehört hätte, was er sagte.

»Was macht er jetzt? Ist er verwirrt, erzürnt? Soll ich das wieder gutmachen?« fragte sie sich selbst. Sie konnte sich nicht enthalten, sich umzublicken, und als sie seinen Augen begegnete, fühlte sie sich von seiner Nähe und Zuversichtlichkeit und der gutmütigen Freundlichkeit seines Lächelns besiegt. Sie lächelte ebenso wie er, indem sie sich gerade in die Augen sahen, und wieder fühlte sie mit Schrecken, daß zwischen ihm und ihr keine Schranke bestand. Wieder erhob sich der Vorhang, Anatol verließ die Loge ruhig und vergnügt. Natalie kehrte zu ihrem Vater zurück. Alles, was vor ihr vorging, schien ihr jetzt ganz natürlich, aber alle früheren Gedanken an ihren Bräutigam, an Marie und das Landleben kamen ihr nicht mehr in den Sinn, als ob das alles längst vergangen wäre.

Im vierten Akt kam eine Art von Teufel, welcher sang und mit den Armen Gebärden machte, bis die Bretter unter ihm weggezogen wurden und er hinabsank.

Natalie sah nur dies vom ganzen vierten Akt, sie war heftig erregt, und die Ursache davon war Kuragin, dem ihre Blicke folgten. Beim Verlassen des Theaters trat Anatol zu ihnen, rief ihren Wagen herbei und half beim Einsteigen, wobei er den Arm Natalies über dem Ellenbogen drückte. Aufgeregt und errötend blickte sie sich um, seine Augen glänzten, und er sah sie mit zärtlichem Lächeln an.


Sobald Natalie zu Hause angekommen war und alles klar überdenken konnte und plötzlich sich des Fürsten Andree erinnerte, entsetzte sie sich. Am Teetisch stöhnte sie laut und eilte errötend aus dem Zimmer.

»Mein Gott, ich bin verloren«, sagte sie sich. »Wie konnte ich es so weit kommen lassen!« Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen und saß lange so da, bemüht, sich klare Rechenschaft zu geben von dem, was geschehen war. Aber sie begriff weder, was mit ihr vorgegangen war, noch was sie empfand, alles erschien ihr dunkel, unklar und schrecklich. Dort in dem großen, hell erleuchteten Saal, wo bei der Musik Duport und die Mädchen mit nackten Beinen tanzten und die alten Herren und die halbnackte Helene mit ruhigem Lächeln entzückt »Bravo!« schrien, dort, unter dem Schatten dieser Helene, war alles klar und einfach gewesen. Jetzt aber, allein mit sich selbst, war ihr das unbegreiflich.

»Was bedeutet diese Angst, die ich vor ihm empfand und diese Gewissensbisse, die mich jetzt quälen?« dachte sie.

Nur der alten Gräfin hätte Natalie in der Nacht im Bett alles erzählen können, Sonja aber, das wußte sie, mit ihrem strengen, keuschen Blick, hätte entweder nichts begriffen oder wäre bei ihrem Geständnis in Entsetzen geraten, daher suchte Natalie allein mit sich selbst zu erforschen, was sie quälte.

»War sie verloren für die Liebe des Fürsten Andree oder nicht?« fragte sie sich selbst, und mit beruhigendem Spott erwiderte sie sich: »Welche törichte Frage! Was ist denn vorgefallen? Nichts. Ich habe nichts getan, niemand wird es erfahren, und ich werde ihn nicht mehr wiedersehen«, sagte sie sich selbst. Natalie beruhigte sich für einen Augenblick, dann aber sagte ihr ein unbekanntes Gefühl, obgleich das alles wahr sei, und obgleich nichts vorgefallen – sei doch die frühere Reinheit ihrer Liebe zum Fürsten Andree verloren. Und wieder sah sie in ihrer Einbildung das Gesicht Kuragins, die Gebärden und das höfliche Lächeln dieses schönen und kecken Menschen, während er ihre Hand drückte.

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