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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 115
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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115

Die Heirat mit einer reichen Erbin in Petersburg war Boris nicht gelungen und deshalb kam er in derselben Absicht nach Moskau. Hier schwankte er zwischen den beiden reichsten Mädchen, Julie Karagin und Fürstin Marie. Obgleich die Fürstin Marie, ungeachtet ihres unschönen Äußeren, ihm angenehmer erschien als Julie, vermochte er doch nicht, ihr den Hof zu machen. Bei seinem letzten Besuch am Namenstag des alten Fürsten waren alle seine Bemühungen, von Gefühlen mit ihr zu sprechen, vergeblich gewesen, sie hatte augenscheinlich nicht gehört, was er sagte.

Julie dagegen nahm seine Aufmerksamkeiten gern an. Sie war siebenundzwanzig Jahre alt und sehr reich. Jetzt war sie vollkommen häßlich geworden, hielt sich aber nicht nur für schöner, sondern sogar für verführerischer, als sie früher war. In diesem Irrtum wurde sie dadurch bestärkt, daß sie erstens sehr reich geworden war, und zweitens dadurch, daß sie mit dem zunehmenden Alter ungefährlicher für die Männer wurde und diese sich unbefangen mit ihr unterhielten und ohne irgendeine Verpflichtung zu übernehmen, ihre Diners und Abendgesellschaften besuchen konnten. Mancher, welcher vor zehn Jahren sich gescheut hätte, jeden Tag ein Haus zu besuchen, in dem ein siebzehnjähriges Mädchen wohnte, um sie nicht zu komprimittieren und sich zu binden, kam jetzt unbefangen jeden Tag.

Eines der angenehmsten und gastfreundlichsten Häuser Moskaus war in diesem Winter das Haus Karagin. Außer zu den Galadiners und Gesellschaften sammelte sich auch jeden Tag hier eine große Gesellschaft, besonders von Herren, welche um zwölf Uhr nachts speisten und bis drei Uhr sitzenblieben. Julie versäumte keinen Ball, kein Theater, ihre Toiletten waren immer die modernsten. Aber dennoch schien sie blasiert, sagte jedem, sie glaube weder an Freundschaft, noch an Liebe, noch an irgendwelche Lebensfreude und erwarte Ruhe nur dort. Sie nahm den Ton eines Mädchens an, das große Enttäuschungen erfahren, das vielleicht einen Geliebten betrauerte oder grausam von ihm betrogen worden war. Obgleich nichts der Art ihr zugestoßen war, glaubte sie doch selbst, schon viel im Leben erduldet zu haben. Diese Melancholie, die sie nicht abhielt, zuweilen sehr heiter zu werden, war auch für die jungen Leute, welche das Haus besuchten, kein Hindernis, die Zeit angenehm zuzubringen. Jeder Gast erfüllte seine Pflicht gegen die melancholische Stimmung der Dame und überließ sich dann weltlichen Gesprächen, dem Tanze und geistreichen Spielen. Einige junge Leute, worunter auch Boris, vertieften sich mehr in den melancholischen Gemütszustand von Julie, und diesen öffnete sie nach längeren Gesprächen über die Eitelkeit alles Irdischen ihr Album, das mit trübsinnigen Gedanken und Gedichten gefüllt war.

Julie war besonders freundlich gegen Boris, beklagte seine frühzeitigen Enttäuschungen im Leben und bot ihm jene Tröstung der Freundschaft, die sie ihm bieten konnte, nachdem sie selbst im Leben so viel erlitten hatte, und öffnete ihm ihr Album. Boris zeichnete darin zwei Bäume und schrieb darunter: »Ländliche Bäume, eure düsteren Zweige überschatten mich mit Finsternis und Melancholie.«

Auf einer anderen Stelle zeichnete er ein Grab und schrieb darunter:

»Der Tod ist erlösend, der Tod ist still,
Ach, gegen die Schmerzen gibt es kein anderes Asyl!«

Julie sagte, das sei entzückend.

»Es liegt etwas unendlich Verführerisches im Lächeln der Melancholie«, sagte sie zu Boris. Sie hatte diese Stelle Wort für Wort in seinem Buch gelesen. Darauf schrieb Boris:

»Giftige Nahrung für eine empfindsame Seele,
Du, ohne die für mich das Glück unmöglich wäre,
Zarte Melancholie, komm und tröste mich!
Gebiete dem Sturm in meiner düstern Einsamkeit,
Und mische eine geheime Süßigkeit
Mit dieser Tränen Flüssigkeit.«

Julie spielte Boris auf der Harfe einige melancholische Notturnen vor. Boris las ihr vor, häufig unterbrochen von empfindsamer Aufregung. In größerer Gesellschaft sahen Boris und Julie einander an, wie die einzigen Menschen in der gleichgültigen Welt, welche einander begriffen.

Anna Michailowna war oft bei Karagins und spielte Karten mit der Mutter, wobei sie es verstand, sich darüber zu versichern, daß Julie als Mitgift die beiden Güter bei Pensa und den Wald im Nishnij-Nowgorodschen Gouvernement erhalte. Mit Ergebung in den Willen der Vorsehung war sie gerührt über die tiefe Schwermut, welche ihren Sohn mit der reichen Julie verband.

»Unsere Julie ist immer so entzückend und melancholisch«, sagte sie zur Tochter.

»Boris sagt, er atme wieder frei auf in Ihrem Hause. Er hat so viel Enttäuschungen erlebt und ist so gefühlvoll!« sagte sie zur Mutter.

»Ach, mein Lieber, wie intim ich mit dieser Julie das letztemal geworden bin!« sagte sie zu ihrem Sohn. »Ich kann es dir nicht beschreiben. Wie wäre es möglich, sie nicht zu lieben? Sie ist so ein überirdisches Wesen. Ach, Boris! Boris!« Sie schwieg einen Augenblick. »Und wie mir ihre Mutter leid tut«, fuhr sie fort. »Heute zeigte sie mir Abrechnungen und Briefe aus Pensa, sie hat ein ungeheures Vermögen. Aber die Arme weiß sich nicht zu helfen, sie wird so viel betrogen.«

Boris lächelte mit Verständnis über die naive Schlauheit der Mutter, fragte aber zuweilen aufmerksam nach den Gütern und Wäldern.

Julie erwartete schon lange einen Antrag von ihrem melancholischen Verehrer und war bereit, ihn anzunehmen. Aber ein geheimer Abscheu vor ihr, vor ihrem leidenschaftlichen Wunsch zu heiraten und ihrem gezierten Wesen hielt Boris zurück. Sein Urlaub war dem Ablauf nahe. Ganze Tage brachte er bei Karagins zu und sagte sich jeden Tag, morgen werde er einen Antrag machen. Aber wenn er ihr rotes Gesicht, ihr fast immer gepudertes Kinn, ihre wässerigen Augen sah und ihre Miene beobachtete, welche stetige Bereitwilligkeit ausdrückte, von tiefster Melancholie sogleich zu dem Entzücken ehelichen Glücks überzugehen, vermochte Boris nicht, die entscheidenden Worte auszusprechen, obgleich er schon lange sich für den Besitzer der Güter und Wälder ansah und über die Verwendung ihrer Einkünfte in seiner Phantasie Bestimmungen getroffen hatte. Julie sah seine Unentschlossenheit, und zuweilen kam ihr der Gedanke, sie sei ihm widerlich. Sogleich aber beruhigte sie ihre weibliche Selbstgefälligkeit und sie sagte sich, er sei nur aus Liebe blöde. Ihre Melancholie aber begann in Reizbarkeit überzugehen, und nicht lange vor Boris' Abreise faßte sie einen entscheidenden Plan. Als der Urlaub Boris' zu Ende ging, erschien in Moskau und natürlich auch bei Karagin Anatol Kuragin. Julie gab plötzlich ihre Melancholie auf und wurde sehr heiter und aufmerksam gegen Kuragin.

»Mein Lieber«, sagte Anna Michailowna zu ihrem Sohn, »ich weiß aus sicherer Quelle, daß Fürst Wassil seinen Sohn hierhergesandt hat, um Julie zu heiraten. Ich liebe Julie so sehr, daß sie mir leid tun würde. Wie denkst du, mein Lieber?« fragte sie.

Der Gedanke, mit langer Nase abzuziehen und diesen ganzen Monat umsonst mit schwerem Dienst bei Julie verloren zu haben, und dazu noch alle Einkünfte aus den Gütern und Wäldern in die Hände eines anderen übergehen zu sehen, besonders in die Hände dieses einfältigen Anatol, war Boris sehr schmerzlich. Er fuhr zu Karagins, mit dem festen Entschluß, einen Antrag zu machen. Julie kam ihm heiter und unbefangen entgegen und fragte, wann er reisen werde. Obgleich Boris mit der Absicht gekommen war, von seiner Liebe zu sprechen und zärtlich zu sein, begann er in zänkischem Tone über die weibliche Unbeständigkeit zu reden, und wie leicht die Damen von Kummer zur Freude übergehen, und daß ihre Gemütsstimmung nur davon abhänge, wer ihnen den Hof mache. Julie war beleidigt und sagte, das sei wahr, die Damen verlangten Mannigfaltigkeit, immer ein und dasselbe sei ihnen langweilig.

»Dann würde ich Ihnen raten . . .« begann Boris, in der Absicht, ihr eine Bosheit zu sagen, aber sogleich erinnerte er sich daran, daß er Moskau vielleicht mit leeren Händen verlassen müsse und unterbrach sich. Er schlug die Augen nieder, um nicht ihr unangenehmes, zänkisches Gesicht zu sehen und sagte: »Ich kam nicht zu Ihnen, um mit Ihnen zu streiten, im Gegenteil« . . . Er blickte sie an, um sich zu überzeugen, ob er fortfahren könne. Alle Verdrießlichkeit verschwand plötzlich aus ihrer Miene, und ihre unruhigen, fragenden Blicke waren mit gieriger Erwartung auf ihn gerichtet.

»Ich kann es ja immer so einrichten, daß ich sie selten zu sehen brauche«, dachte Boris. »Die Sache ist einmal angefangen und muß nun ausgeführt werden! – Sie kennen meine Gefühle für Sie«, sagte er tief errötend und schlug die Augen auf.

Mehr war nicht nötig. Julies Gesicht strahlte triumphierend, aber sie wollte Boris nötigen, ihr alles zu sagen, was man in solchen Fällen sagt, daß er sie liebe und noch nie ein Weib mehr als sie geliebt habe. Sie wußte, daß sie für ihre Güter bei Pensa und für den Wald bei Nishnij-Nowgorod das wohl verlangen konnte, und ihr Verlangen wurde befriedigt. Braut und Bräutigam, welche nicht mehr an die Bäume dachten, die sie mit Finsternis und Melancholie überschütteten, machten Pläne für die zukünftige Unterhaltung eines glänzenden Hauses in Petersburg, machten Besuche und bereiteten alles für eine glänzende Hochzeit vor.

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