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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 114
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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114

Die Fürstin Marie saß im Salon und hörte dem Gespräch der Alten zu, ohne etwas davon zu verstehen. Sie dachte nur daran, ob die Gäste etwas vom Zorn ihres Vaters gegen sie bemerkten. Sie nahm auch nichts von der besonderen Aufmerksamkeit und Liebenswürdigkeit wahr, welche ihr Boris widmete, der schon zum drittenmal das Haus des Fürsten besuchte. Zerstreut und fragend blickte sie Peter an, der als letzter der Gäste mit dem Hute in der Hand lächelnd auf sie zutrat, als sie allein im Salon zurückgeblieben waren.

»Kann ich noch einen Augenblick bleiben?« sagte er.

»Ach ja«, erwiderte sie. »Haben Sie nichts bemerkt?« fragte ihr Blick.

Peter ließ sich auf einen Stuhl nieder. Er befand sich in der heitersten Stimmung, wie immer nach Tisch, und blickte lächelnd vor sich hin.

»Kennen Sie Drubezkoi schon lange?« fragte er.

»Nein, erst seit kurzem.«

»Gefällt er Ihnen?«

»Ja, er ist ein angenehmer junger Mensch! Warum fragen Sie mich das?«

»Weil ich eine Beobachtung machte. Der junge Mensch reist gewöhnlich von Petersburg nach Moskau auf Urlaub, nur mit der Absicht, eine reiche Heirat zu machen.«

»Diese Beobachtung haben Sie gemacht?« fragte sie.

»Ja«, fuhr Peter lachend fort. »Wo eine reiche Erbin ist, da ist er auch. Jetzt ist er unschlüssig, auf wen er seinen Angriff richten soll, auf Sie oder auf Mademoiselle Julie Karagin. Er ist sehr aufmerksam gegen sie.«

»Verkehrt er dort?«

»Ja, sehr häufig. Und kennen Sie die neue Art, den Hof zu machen?« sagte Peter mit vergnügtem Lächeln.

»Nein«, erwiderte Marie teilnahmslos.

»Um den moskauischen Mädchen zu gefallen, muß man jetzt melancholisch sein. Er ist sehr melancholisch bei ihr.«

»Wirklich?« fragte Marie, immer mit dem Gedanken an ihren Kummer beschäftigt. »Es würde mir leichter werden«, dachte sie, »wenn ich jemand anvertrauen könnte, was ich fühle, und Besuchow könnte ich alles sagen, er ist so gutmütig und ehrlich; es würde mir leichter werden, und er könnte mir vielleicht raten.«

»Würden Sie ihn heiraten?« fragte Peter.

»Ach mein Gott, es gibt Augenblicke, wo ich jeden heiraten würde!« rief Fürstin Marie mit tränenvoller Stimme. »Ach, wie schwer ist es, einen Nahestehenden zu lieben und doch zu fühlen, daß man nichts für ihn tun kann, und daß man das nicht ändern kann. Dann bleibt nichts übrig als fortzugehen. Aber wohin sollte ich gehen?«

»Was ist Ihnen, Fürstin?«

»Ich weiß nicht, was mir heute ist«, sagte sie weinend. »Hören Sie nicht auf mich, vergessen Sie, was ich Ihnen gesagt habe.«

Alle Heiterkeit Peters war verschwunden. Teilnehmend bat er sie, ihm ihren Kummer anzuvertrauen. Aber sie bat ihn nur wiederholt, alles zu vergessen, was sie gesagt habe. Sie habe keinen Kummer außer dem, daß die Heirat ihres Bruders Vater und Sohn entzweien werde. »Ich habe gehört, Rostows werden bald hier sein, auch Andree erwarte ich jeden Tag. Ich wünschte, daß sie sich hier sehen würden!«

»Wie sieht der alte Fürst die Sache jetzt an?« fragte Peter.

Marie wiegte den Kopf.

»Was ist zu machen? In wenigen Monaten ist das Jahr abgelaufen. Ich wünschte, ich könnte meinem Bruder die ersten Augenblicke ersparen. Möchten sie doch bald kommen. Kennen Sie sie schon lange?« fragte Marie. »Sagen Sie mir die volle Wahrheit«, sagte sie, die Hand aufs Herz legend, »was ist sie für ein Mädchen? Aber die ganze Wahrheit, denn Sie wissen, Andree riskiert so viel, indem er dies gegen den Willen des Vaters tut, daß ich wissen möchte . . .«

Ein unbestimmtes Gefühl sagte Peter, daß in diesen Fragen und Bitten, die ganze Wahrheit zu sagen, sich Abneigung gegen Natalie verberge, und daß sie von ihm erwarte, er werde die Wahl ihres Bruders nicht gutheißen. Aber Peter sprach, wie er fühlte.

»Ich weiß nicht, wie ich diese Frage beantworten soll«, erwiderte er errötend, ohne zu wissen, warum. »Ich weiß entschieden nicht, was sie für ein Mädchen ist und kann sie nicht analysieren. Sie ist bezaubernd, aber warum, das weiß ich nicht, und das ist alles, was ich von ihr sagen kann.«

Fürstin Marie seufzte, und ihre Miene sagte: »Ja, das habe ich erwartet und befürchtet.«

»Ist sie klug?« fragte sie.

Peter dachte nach.

»Ich glaube nicht«, sagte er, »oder eigentlich doch! Sie hält nichts darauf, für klug zu gelten, doch nein, sie ist verführerisch und weiter nichts.«

Marie wiegte bedenklich wieder den Kopf.

»Ach, ich wünschte so sehr, sie lieben zu können, sagen Sie ihr das, wenn Sie sie früher sehen als ich.«

»Ich hörte, sie werden in einigen Tagen hier sein«, erwiderte Peter. Marie teilte ihm ihren Plan mit, wie sie sich, sobald Rostows ankommen, ihrer zukünftigen Schwägerin nähern und sich bemühen wolle, den alten Fürsten an sie zu gewöhnen.

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