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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 112
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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112

Am Anfang des Winters war der alte Fürst Bolkonsky mit seiner Tochter nach Moskau gereist. Seiner Vergangenheit, seinem Geist und seiner Originalität zufolge und besonders weil das Entzücken über die Regierung des Kaisers Alexander sich abschwächte, wurde er sogleich der Gegenstand besonderer Verehrung der Moskauer und der Mittelpunkt der moskauischen Opposition gegen die Regierung.

Der Fürst war in diesem Jahre sehr gealtert. Plötzliches Einschlafen, Vergeßlichkeit und die kindische Ehrfurcht, mit der er die Rolle eines Hauptes der moskauischen Opposition übernahm, waren scharfe Anzeichen des Alters. In letzter Zeit war für Marie das Leben schwer geworden. In Moskau fehlten ihr ihre gewohnten Freuden, die Unterredungen mit gottesfürchtigen Pilgersleuten und die Einsamkeit. Sie verkehrte nicht in der Welt, alle wußten auch, daß ihr Vater sie nicht ohne seine Begleitung ausgehen lasse und er selbst wegen seiner Kränklichkeit nicht ausgehen könne. Deswegen erhielt sie auch keine Einladungen. Die Hoffnung auf eine Heirat hatte die Fürstin Marie ganz aufgegeben. Sie sah, mit welcher Kälte und Bosheit der alte Fürst die jungen Leute empfing, die vielleicht mit Heiratsabsichten kamen. Freundinnen hatte Marie auch nicht, denn auf dieser Reise hatte sie zwei Enttäuschungen erfahren: in bezug auf Mademoiselle Bourienne, welche ihr ganz widerlich geworden war und von der sie sich jetzt fernhielt, dann auch in bezug auf Julie, mit der sie fünf Jahre lang korrespondiert hatte, die sich ihr aber jetzt ganz fremd erwies, als Marie sie persönlich vor sich sah. Julie befand sich in einem Strudel von gesellschaftlichen Vergnügungen. Sie war als reiche Erbin von jungen Leuten umgeben, welche, wie sie glaubte, plötzlich ihre Vorzüge erkannt hatten. Sie befand sich in der Periode einer alternden Weltdame, die fühlt, daß die letzte Chance der Verheiratung gekommen sei, und jetzt oder niemals ihr Schicksal sich entscheiden müsse.

Fürstin Marie hatte in Moskau niemand, mit dem sie sprechen und dem sie ihren Kummer anvertrauen konnte, und die Ursache zum Kummer hatte sich in dieser Zeit sehr vermehrt. Der Termin zur Rückkehr des Fürsten Andree und seiner Heirat kam heran, aber sein Auftrag, den Vater darauf vorzubereiten, konnte nicht ausgeführt werden und die Sache erschien im Gegenteil ganz hoffnungslos. Die Erwähnung der Gräfin Rostow brachte den alten Fürsten außer sich, welcher meist in böser Laune war. Zu ihrem Schrecken bemerkte Marie auch, wenn sie den kleinen Nikolai unterrichtete, daß sie die Reizbarkeit ihres Vaters geerbt hatte. Bei der geringsten Unaufmerksamkeit des Kleinen fuhr sie auf, geriet in Hitze, zog ihn zuweilen an der Hand und stellte ihn in die Ecke. Dann aber begann sie über sich selbst und ihre böse Natur zu weinen, und der Kleine kam ohne Erlaubnis aus seiner Ecke heraus und begann sie zu trösten. Am meisten Kummer aber machte ihr die böse Laune ihres Vaters, die sich in letzter Zeit bis zur Grausamkeit steigerte und immer gegen die Tochter gerichtet war. Dazu kam in letzter Zeit noch ein neuer Zug, der Marie mehr als alles übrige ängstigte – seine Annäherung an Mademoiselle Bourienne. Seine Drohung, sie zu heiraten, wenn Fürst Andree heirate, gefiel ihm augenscheinlich sehr.

Einmal küßte der alte Fürst Mademoiselle Bourienne die Hand in Gegenwart von Marie, dann zog er sie an sich und umarmte sie. Marie fuhr auf und lief aus dem Zimmer. Kurz darauf kam Mademoiselle Bourienne zu ihr und erzählte ihr lächelnd etwas mit ihrer angenehmen Stimme. Marie wischte hastig die Tränen ab, trat auf sie zu und schrie sie zornig an.

»Das ist niedrig! Abscheulich! Unmenschlich! Die Schwachheit zu benutzen . . .« Sie sprach nicht zu Ende. »Hinaus aus meinem Zimmer!« rief sie und brach in Tränen aus.

Am andern Tag sagte der Fürst seiner Tochter kein Wort, aber sie bemerkte, daß er beim Mittagessen die Speisen zuerst Mademoiselle Bourienne reichen ließ. Nach Tisch, als der Diener wie gewöhnlich wieder den Kaffee zuerst Marie reichte, geriet der Fürst plötzlich in Wut, schlug mit dem Krückstock nach Philipp und befahl sofort, ihn unter die Soldaten abzugeben.

»Man hört nicht! . . . Zweimal habe ich's gesagt . . . Sie ist die erste in diesem Haus! Sie ist meine beste Freundin!« schrie der Fürst. »Und wenn du dir erlaubst, noch einmal wie gestern frech zu werden gegen sie, so werde ich dir zeigen, wer Herr im Hause ist. Fort aus meinen Augen! Bitte sie um Verzeihung!«

Fürstin Marie bat Mademoiselle Bourienne und den Vater um Verzeihung für sich und den Diener, welcher um ihre Fürsprache gebeten hatte.

»Er ist alt und schwach, und ich sollte ihn verurteilen?« dachte sie mit Abscheu gegen sich selbst.

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