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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 111
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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111

Nach der Verlobung des Fürsten Andree mit Natalie empfand Peter ohne sichtlichen Anlaß plötzlich die Unmöglichkeit, sein früheres Leben fortzusetzen. So fest er auch von den Wahrheiten überzeugt war, die ihm sein Freund Joseph Alexejewitsch geoffenbart hatte, so freudig er sich auch in der ersten Zeit der innerlichen Arbeit der Selbstvervollkommnung widmete – nach der Verlobung des Fürsten Andree mit Natalie und nach dem Tode von Joseph Alexejewitsch hatte dieses Leben plötzlich allen Reiz für ihn verloren. Er hörte auf, sein Tagebuch zu führen, mied die Gesellschaft der Freimaurer, besuchte wieder den Klub, trank viel, schloß sich wieder an leichtsinnige Lebemänner an und führte ein solches Leben, daß seine Frau nötig fand, ihm ernste Vorwürfe zu machen. Peter fühlte, daß sie im Recht war, und um seine Frau nicht zu kompromittieren, reiste er nach Moskau.

Sobald er in Moskau seinen großen Palast mit den vertrockneten Fürstinnen und der großen Dienerschaft betrat, fühlte er sich ruhig und behaglich wie in einem altgewohnten, schmutzigen Schlafrock. Von der Gesellschaft wurde er freudig empfangen. Für die Moskauer Welt war Peter der liebenswürdigste, gutherzigste, klügste, heiterste und großherzigste Sonderling, ein echt russischer großer Herr nach alter Art. Seine Börse war immer leer, weil sie allen offen stand. Benefize, schlechte Gemälde und Statuen, Wohltätigkeitsgesellschaften, Zigeuner, Schulen, Festessen, Gelage, Kirchen, Bücher – nichts und niemand wurde abgewiesen, und wenn er nicht zwei Freunde gehabt hätte, welche viel Geld von ihm entlehnten und ihn unter ihre Vormundschaft nahmen, so hätte er alles weggegeben. Er versäumte kein Diner, keine Abendgesellschaft im Klub. Sowie er nur seinen gewohnten Platz auf einem Diwan einnahm, nach den ersten beiden Flaschen Margaux, bildete sich eine Gruppe um ihn, in welcher Gespräch, Streit und Scherzreden nicht aufhörten. Wenn er sich nach dem Abendessen mit gutmütigem Lächeln erhob, um der Bitte der lustigen Gesellschaft mitzufahren zu entsprechen, wurde er mit Freudenrufen fortgeführt. Er tanzte auf den Bällen, wenn es an Tänzern fehlte. Die jungen Damen liebten ihn dafür, weil er, ohne ihnen den Hof zu machen, gegen alle gleich liebenswürdig war, besonders nach dem Abendessen.

»Er ist entzückend und hat kein Geschlecht«, sagten sie unter sich auf französisch.

Wie hätte er sich entsetzt, wenn man ihm vor sieben Jahren, als er eben aus dem Ausland zurückkam, gesagt hätte, er brauche nichts zu suchen und zu denken, sondern nur sich im längst vorgezeichneten Geleise fortzubewegen, und wie er sich auch drehen möge, er werde immer ebenso sein, wie alle in seiner Lage. Er hätte nicht daran glauben können! Hatte er nicht damals von ganzer Seele gewünscht, die Republik in Rußland einzuführen, bald Napoleon, bald ein Philosoph, bald ein Taktiker, der Besieger Napoleons zu sein? Hatte er nicht die Überzeugung von der Möglichkeit und den glühenden Wunsch gehegt, das lasterhafte Menschengeschlecht zu bessern und für sich selbst die höchste Stufe der Vollkommenheit zu erreichen? Hatte er nicht Schulen und Krankenhäuser errichtet und seine Bauern freigelassen?

Statt dessen war er jetzt der reiche Gemahl einer untreuen Frau, ein Feinschmecker und Trinker, der über die Obrigkeit murrte, ein allgemein beliebtes Mitglied des englischen Klubs von Moskau und der moskauischen Gesellschaft überhaupt. Lange konnte er sich nicht mit dem Gedanken versöhnen, daß er jetzt nichts weiter als ein verabschiedeter Kammerherr sei und diesem Typus angehöre, den er vor sieben Jahren so tief verachtet hatte.

Er wurde nicht mehr wie früher von Augenblicken der Verzweiflung und des Lebensüberdrusses befallen; aber dieselbe Krankheit, die sich früher in scharfen Anfällen äußerte, lag in ihm und verließ ihn keinen Augenblick. »Wozu? Warum? Was geht in der Welt vor?« fragte er sich oftmals am Tage. Er wußte aus Erfahrung, daß es auf diese Fragen keine Antwort gab, und griff dann hastig zu einem Buch, um sich davon loszumachen, oder er eilte in den Klub.

»Helene, welche niemals etwas geliebt hat außer ihrem eigenen Körper«, dachte Peter, »und eine der dümmsten Frauen in der Welt ist, erscheint den Leuten begabt mit Geist und der höchsten Verfeinerung, und alles verneigt sich vor ihr. Napoleon wurde von allen verachtet, bis er eines Tages ein großer Mann war. Die Spanier sandten Dankgebete zum Himmel durch ihre katholischen Priester dafür, daß sie am 14. Juni die Franzosen besiegt haben, die Franzosen aber sandten durch dieselbe katholische Geistlichkeit Dankgebete nach oben dafür, daß sie am 14. Juni die Spanier besiegt haben. Meine Brüder, die Freimaurer, schwören, sie seien bereit, alles für den Nächsten zu opfern, und zahlen nicht ihre Beiträge von einem Rubel zu den Sammlungen für die Armen, intrigieren gegeneinander, zerbrechen sich die Köpfe über einen echten schottischen Teppich und über einen Aktus, der für niemand nötig ist und dessen Sinn niemand versteht, auch der nicht, der ihn geschrieben hat.« Er hatte die unglückliche Fähigkeit vieler, besonders russischer Leute, an die Möglichkeit des Guten und der Wahrheit zu glauben, dabei aber doch zu deutlich das Böse und die Lüge im Leben wahrzunehmen, um ernsthaften Anteil am Leben nehmen zu können. Aber er mußte doch leben und eine Beschäftigung haben, es war zu schrecklich, unter dem Druck dieser ungelösten Lebensfragen zu bleiben, und er gab sich den Zerstreuungen hin, nur um jene zu vergessen. Er besuchte Gesellschaften aller Art, trank viel, kaufte Bilder, baute und las alles, was ihm in die Hände fiel. Kaum hatte ihm der Diener beim Nachhausekommen den Mantel abgenommen, so griff er schon nach einem Buch und las, bis er einschlief. Wein zu trinken wurde ihm immer mehr eine physische und zugleich geistige Notwendigkeit. Obgleich ihm die Ärzte sagten, bei seiner Korpulenz sei der Wein für ihn gefährlich, trank er doch sehr viel. Erst wenn er einige Gläser Wein in seinen großen Schlund hinabgegossen hatte, empfand er eine angenehme Wärme, eine Zärtlichkeit für seine Nebenmenschen. Erst wenn er eine oder zwei Flaschen getrunken hatte, erkannte er in unbestimmter Weise, daß jener schrecklich verwirrte Knoten des Lebens nicht so schrecklich sei, wie ihm sonst schien. Zuweilen dachte Peter daran, daß man ihm erzählt hatte, wie die Soldaten im Kriege, wenn sie im Feuer stehen, ohne etwas tun zu können, sich bemühen, eine unbedeutende Beschäftigung für sich zu finden, um die Gefahr leichter zu ertragen, und so erschienen ihm auch alle Menschen nur bemüht, sich vor der Last des Lebens zu retten durch Ehrgeiz, durch Karten, durch Arbeit an der Gesetzgebung, durch Weiber, durch irgendein Spielzeug, oder durch Pferde, durch Politik, Jagd, Wein oder Staatsangelegenheiten. Nein, es gibt nichts Unbedeutendes und nichts Wichtiges, es ist alles gleich, nur muß man sich vor dem Druck des Lebens retten, so gut man kann.

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