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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 109
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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109

Der Graf gab seine Würde als Landmarschall auf, weil sie mit zu vielen Ausgaben verbunden war. Aber in seinen Angelegenheiten trat keine Besserung ein. Oft bemerkten Natalie und Nikolai geheime Unterredungen der Eltern, in welchem von dem Verkauf des reichen Stadthauses und des Gutes bei Moskau die Rede war. Nach Aufgabe der Landmarschallwürde brauchte er nicht mehr so viele Besuche zu empfangen, und das Leben in Otradno wurde stiller als in früheren Jahren. Aber das große Haus mit seinen Nebengebäuden war dennoch voll von Leuten, und am Tische saßen täglich mehr als zwanzig Personen. Das waren Leute, die an das Haus gewöhnt waren und fast als Familienglieder angesehen wurden, oder solche, welche anscheinend durchaus im Hause des Grafen wohnen mußten, wie zum Beispiel Dummler, der Musiklehrer, mit seiner Frau, Vogel, der Tanzlehrer, mit seiner Familie, ein altes Fräulein Bjelow, und noch viele andere, wie die Lehrer des kleinen Peter, die frühere Gouvernante der Fräulein und solche, welche es vorteilhafter fanden, beim Grafen zu wohnen, als zu Hause. Es kamen nicht mehr so viele Besuche, aber in der Hofhaltung wurde derselbe Aufwand beibehalten, ohne welchen der Graf und die Gräfin sich das Leben nicht vorstellen konnten. Es war dieselbe Jagd, welche Nikolai noch vergrößerte, es waren wie bisher fünfzig Pferde und fünfzehn Kutscher, dieselben teuren Geschenke zu den Namenstagen und dieselben Diners, die im ganzen Landkreis gerühmt wurden, dieselben Kartenpartien, bei welchen der Graf alle in seine Karten blicken ließ und täglich Hunderte verspielte an Nachbarn, die das Recht, am Kartenspiel des Grafen teilzunehmen, wie eine sehr einträgliche Revenue ansahen.

Der Graf war in seinen Angelegenheiten verwickelt wie in einem ungeheuren Netz. Er wollte selbst nicht daran glauben, verwickelte sich bei jedem Schritt tiefer und tiefer und war nicht imstande, es zu zerreißen oder sich durch Umsicht und Ausdauer daraus zu befreien. Die Gräfin sah mit liebendem Herzen, daß ihre Kinder dem Untergang entgegengingen, aber sie vermochte den Grafen nicht darüber zu tadeln, weil er nicht anders sein konnte, als er war. Sie sah, daß er selbst litt, wenn er es auch verbergen wollte. Unter der Voraussicht des herannahenden Untergangs suchte sie nach einem Ausweg, und von ihrem weiblichen Standpunkt aus fand sie nichts Besseres als eine Heirat Nikolais mit einer reichen Erbin. Dies war ihre letzte Hoffnung und sie wußte, daß die letzte Möglichkeit, ihre Umstände wieder in Ordnung zu bringen, schwinden mußte, wenn Nikolai die Partie, die sie für ihn gefunden hatte, ausschlug. Diese Partie war Julie Karagin, die Tochter vortrefflicher, tugendhafter Eltern, welche sie von Jugend auf kannte und die jetzt nach dem Tode des letzten ihrer Brüder eine reiche Erbin war.

Die Gräfin schrieb an die Fürstin Karagin in Moskau und teilte ihr ihren Heiratsplan mit, worauf sie eine günstige Antwort erhielt. Die Fürstin erwiderte, ihrerseits sei sie einverstanden, aber alles hänge von den Neigungen ihrer Tochter ab. Sie lud Nikolai ein, nach Moskau zu kommen. Mehrmals sagte die Gräfin mit Tränen in den Augen zu ihrem Sohn, jetzt, wo beide Töchter versorgt seien, wäre es ihr eigener Wunsch, auch ihn verheiratet zu sehen, dann würde sie sich ruhig ins Grab legen. Sie habe schon ein junges Mädchen im Sinn.

Bei andern Gelegenheiten lobte sie Julie und riet Nikolai, zu den Feiertagen nach Moskau zu fahren zu seiner Erholung. Nikolai erriet, wohin die Absichten seiner Mutter zielten, und bei der nächsten Gelegenheit forderte er sie zu vollkommener Aufrichtigkeit heraus. Sie sagte ihm, ihre ganze Hoffnung beruhe jetzt auf seiner Heirat mit Julie.

»Und wenn ich nun ein Mädchen ohne Vermögen lieben würde, Mama, würden Sie dann etwa verlangen, daß ich meine Gefühle und meine Ehre wegen des Vermögens aufopfere?« fragte er, ohne die Grausamkeit seiner Frage zu begreifen, nur in dem Wunsche, seinen Edelmut an den Tag zu legen.

»Nein, du hast mich nicht verstanden«, sagte die Mutter, da sie nicht wußte, wie sie sich rechtfertigen sollte, »ich wünsche nur dein Glück!« Aber sie wurde verlegen und brach in Tränen aus.

»Mama, weinen Sie nicht! Sagen Sie mir nur alles, was Sie wollen! Ich bin bereit, alles, auch meine Gefühle, aufzuopfern für Ihre Ruhe!« sagte Nikolai.

Aber die Gräfin wünschte nicht, die Frage so hinzustellen. Sie wollte kein Opfer von ihrem Sohn, sondern war selbst bereit, sich für ihn aufzuopfern.

»Nein, du hast mich nicht verstanden, sprechen wir nicht weiter davon.«

»Ja, vielleicht liebe ich ein armes Mädchen«, sagte sich Nikolai. »Soll ich deshalb Sonja nicht lieben, weil sie arm ist? Ich werde sicher mit ihr glücklicher sein als mit solch einer Puppe wie diese Julie.«

Nikolai fuhr nicht nach Moskau, und die Gräfin erneuerte ihre Gespräche über eine Heirat nicht mehr. Mit Kummer und zuweilen mit Groll sah sie die Anzeichen einer wachsenden Annäherung zwischen ihrem Sohn und Sonja. Sie wurde zänkisch und hart gegen Sonja, redete sie mit »Sie« und »meine Liebe« an, obgleich sie sich selbst darüber Vorwürfe machte.

Nikolai blieb bis zum Ende seines Urlaubs bei den Eltern. Von Fürst Andree kam der vierte Brief aus Rom, in dem er schrieb, er wäre schon längst auf dem Wege nach Rußland, wenn nicht ganz unerwartet in dem warmen Klima seine Wunde aufgegangen wäre, was ihn genötigt habe, seine Abreise bis zum Anfang des folgenden Jahres aufzuschieben. Natalie liebte ihren Bräutigam noch ebenso und war empfänglich für alle Freuden des Lebens, aber am Ende des vierten Monats der Trennung traten Augenblicke des Kummers ein, den sie nicht bekämpfen konnte.

Im Hause Rostow wurde es immer trüber.

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